Stereotypisierung – eine vererbte Krankheit, die Syrer überall betrifft

Ich bin anderes als meine Gruppe. Foto: Markus Spiske on Unsplash
Foto: Markus Spiske on Unsplash

Leider hat jeder ein Stereotyp des anderen. Das ist unabhängig davon, wer der andere ist, ob er aus einer anderen Familie, einer anderen Stadt, einer anderen Religion oder einem anderen Land stammt.

Von: Hussam Al Zaher

Stereotypisierung wird unbewusst gemacht, wir sehen Menschen als Teil eines Bildes, das in unserem Geist existiert.

Stereotypisierung der Syrer

Als ich nach Deutschland kam, versuchte ich die Stereotypisierung der Flüchtlinge durch die Deutschen zu bekämpfen. Im Laufe der Zeit stellte ich jedoch fest, dass ich “die anderen” stereotypisierte, egal wer es war – Aleppans, Damaszener, Homser – sogar Deutsche.

Ich entdeckte, dass ich zuerst den in meinem Unterbewusstsein verankerten Stereotyp bekämpfen musste. Ich bin Teil der syrischen Gemeinschaft, zu der auch sie gehören, und vielleicht ähneln wir uns beide darin, wie wir uns oder auch die anderen anhand von Stereotypen beurteilen.

Wir, wie die Deutschen, stereotypisieren mit ihren negativen und positiven Aspekten. Aber der Unterschied zwischen uns und den Deutschen besteht darin, dass der Eckpfeiler der deutschen Gesellschaft Individualismus und persönliche Freiheit ist.

Arabische und syrische Gesellschaften

Während unsere arabischen und syrischen Gesellschaften familienbasiert sind, verschmilzt das Individuum mit der Familie. Die Familie ist die persönliche Identität, die wir tragen. Aufgrund des von uns geerbten Familiensystems bestehen unsere Gesellschaften aus mehreren Gesellschaften, nicht nur aus einer: Ja, Gesellschaften.

Denn es gibt in Syrien nicht eine Gesellschaft, sondern mehrere Gesellschaften, die ähnliche Strukturen, Bräuche und Traditionen haben. Sie versuchen auch, sich auf unterschiedliche Weise zu entwickeln und unterschiedliche Bräuche und Traditionen zu haben.

Die Familie als Basis

Die syrische Gesellschaft basiert auf der Familie als Säule mit ihren Bräuchen, Traditionen und ihrer Geschichte. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Gestaltung des Individuums innerhalb der Familie. Wir sehen Individuen nicht aus einer persönlichen oder individuellen Perspektive, sondern aus einer Familien- oder Gruppenperspektive. Wir erkennen keine individuellen Qualitäten, sondern die kollektiven Qualitäten der Gruppe oder Familie, zu der das Individuum gehört.

Wenn wir also einen guten Menschen aus Aleppo treffen, sagen wir, dass alle Aleppaner gut sind. Und wenn wir einen schlechten Menschen aus Damaskus treffen, sagen wir, dass alle Damaszener schlecht sind. Darüber hinaus nutzen wir die Erfahrungen und die Geschichte von Personen aus unserer Familie mit Personen aus anderen Familien, sowohl guten als auch schlechten. Wir verbinden sie mit anderen Familien oder Gesellschaften.

Das, was unsere Eltern oder älteren Geschwister über andere Gemeinschaften sagen, haben wir in unseren Erinnerungen. Zum Beispiel sind die Bewohner von Damaskus sehr geizige Menschen, obwohl der Geiz in diesem Zusammenhang äußerste Vorsicht bedeutet. Die Menschen in Homs hingegen, sind naive Menschen, obwohl Naivität in diesem Zusammenhang Witz und Humor bedeuten kann.

Obwohl wir viele verschiedene Menschen treffen, die von unseren Vorurteilen, die auf dem basieren, was wir von unseren Eltern gehört haben, abweichen, bleibt dieses Bild in unseren Köpfen. Und so basieren die Stereotypen auf anderen Familien oder Gemeinschaften.

Wichtige Fragen

Eine wichtige Frage ist, ob alle Menschen die gleichen Eigenschaften haben, ob gut oder schlecht? Oder sind sie anders? Sind Syrer in jeder Hinsicht homogen? Haben alle Damaszener die gleichen Eigenschaften oder gibt es Damaszener außerhalb der Box? Sind alle Flüchtlinge Kriminelle oder sind sie alle Opfer?

Ähneln wir unseren Geschwistern und Familienmitgliedern oder unterscheiden wir uns von ihnen und haben unsere eigenen guten oder schlechten Eigenschaften?

Wenn wir diese Probleme angehen, sind wir uns der Stereotypisierung bewusst. Wer sind wir denn?

Lassen Sie uns über unsere Krise nachdenken und sie lösen.

 

Dieser Artikel ist auch auf Arabisch geschrieben und auf arabisch und Englisch auf Ressef22 veröffentlicht.

Über Hussam Alzaher 105 Artikel
Studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen (BA). Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland und Gründer und Chefredakteur des Flüchtling-Magazins.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich begleite seit 2015 meist sYrische Flüchtlinge, und wir haben immer wieder die Familie zum Thema. Sie steht für meine sYrischen Freund*innen über allem, besonders Mama. Und es ist für sie unverständlich, warum z.Beispiel unsere Söhne und Töchter eigene Wege gehenund ihre Probleme alleine lösen und oft weit weg von den Eltern wohnen……Es lohnt sich, darüber nachzudenken und sich anzunähern!

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