Der Blick der siebten Minute. Eine Geschichte

Foto: Amanda Jones on Unsplash
Foto: Amanda Jones on Unsplash

Die junge Autorin Sorour Keramatboroujeni ist eine gute Beobachterin. Seit sie als Jugendliche nach Deutschland gekommen ist, nimmt sie wahr, was um sie herum geschieht. Sie hat ein feines Gespür für Menschen, die als Geflüchtete unter Heimatlosigkeit leiden, die sich fremdbestimmt fühlen und in der deutschen Bürokratie gefangen sind. Ihr Weg, diese Eindrücke zu verarbeiten, ist das literarische Schreiben: Präzise, ungeschönt, nah dran an dem, was sie über viele Jahre erlebt hat. Eine Geschichte ohne Happyend.

von Sorour Keramatboroujeni

Ich werde niemals diesen Tag vergessen. Von morgens an war der Tag unheilschwanger.

Ich stand sechs Minuten zu spät auf. In der Mensa sah ich den Essenausteiler in der Küche. Er lächelte mich wie jedes Mal mit seinem schmutzigen Blick an. Ich weiß nicht, wann er es versteht. Ich werde niemals sein Angebot annehmen, für ein Stück Brot mehr das zu tun, was er von mir verlangt.

Am Ausgang wartete einer von den Securities. Genau der eine mit den ängstlichen Augen. Sie sind so hell, dass man ihre Farbe nicht erkennen kann. Er warf einen Blick auf die weiße Karte mit meinem Foto drauf, dann auf mich. Er lies mich rausgehen. Ich hörte noch eine Weile das Gelächter von ihm und seinem Kollegen. Gestern Nacht hatte ich ihn auch gesehen. Ich hatte nicht schlafen können, deshalb war ich mit meinem Buch in die leere Mensa gegangen. Nach sechs Minuten war er mit zwei anderen Securities an mir vorbeigekommen. Unsere Blicke hatten sich getroffen. In der Tiefe seiner Augen gab es nichts. Zwei helle Kreise gefüllt mit nichts. Sein leerer Blick war auf das Buch gefallen und dann hatte ich ihr Gelächter gehört.

Ich rannte an diesem Morgen schneller als jemals zuvor zur Bushaltestelle. Ich hätte den Bus erreichen können, wenn mir diese schwarze Katze nicht über den Weg gelaufen wäre. Ich sah ihren wilden Blick aus ihrem schwarzen Gesicht, in ihren gelben Augen und dann wusste ich Bescheid, dass heute nicht mein Tag war.

Ich klopfte an die Bustüren mit meinem bettelnden Gesicht. Der Busfahrer zeigte mir seinen gleichgültigen Blick und fuhr weg. Dann wartete ich sechs Minuten auf den Nächsten.

Sechs Minuten nach dem Klingeln klopfte ich zaghaft an der Tür zum Klassenraum. Wir hatten Politik bei Frau Blicker. Sie war munter und motiviert in ihrem schicken Mantel. Ich glaube, heute war genau ihr Tag, sogar der beste Tag ihres Lebens. So erfreut sah sie aus. Sie gab uns eine Aufgabe, obschon sie dachte, mit unserem schwachen Deutsch begreifen wir gar nichts. Doch dass man still bleibt, heißt nicht unbedingt, dass man nichts versteht. Manchmal schweigt man vor Toleranz. Ich verstand den Inhalt ganz gut. Die neben mir und der hinter mir verstanden den Text auch einigermaßen. Die Einzige, die nichts verstand, war mit Sicherheit Frau Blicker. Sie fing zu erzählen an. Nicht von dem Text, sondern von allem, worauf sie stolz war.

Inzwischen stellte einer eine Frage, die ich wegen ein paar unbekannter Wörter nicht mitbekam. Sie antwortete, sie habe in der Schweiz bei der deutschen Botschaft gearbeitet, in Schweden gelebt und deswegen spreche sie fließend Schwedisch. Ihre Augen glänzten. Ihr Lächeln verblasste keine Sekunde, während sie die Makellosigkeit Deutschlands im Vergleich zu anderen Ländern darlegte. In Chile sei sie Lehrerin gewesen, sagte sie. Sie könne auch fließend Spanisch, behauptete sie. In Chile habe man für sie einen roten Teppich ausgebreitet, denn sie sei ja eine Deutsche, erzählte sie.

Alle schwiegen. Bestimmt sechs Minuten lang. Ihr Blick suchte in unseren Gesichtern nach Verständnis. Jedoch zeigte keiner eine Reaktion und ich denke, sie ging davon aus, wir hätten nichts verstanden.

Ich kam zu Hause an. Meine Mutter grüßte mich nett. Sie blickte in meine Augen mit einem Lächeln, trotzdem war mir alles klar. Sie hatte schon wieder geweint, als ich weg war. Ich zog mich um und ging mit dem Buch auf die Toilette. Das Wetter war sehr kalt. Ich durfte das Fenster auch nicht zumachen, weil es sonst noch mehr stinken würde. Ich wollte auch nicht in die Mensa gehen. Also blieb ich auf der Toilette und las.

Plötzlich hörte ich ihn reden. Mein Herz schlug schneller vor Freude. Meine Augen wurden wach. Meine Hände fingen zu zittern an. Ich fühlte mich wieder lebendig. Ich kann immer seine Stimme erkennen, auch wenn sie ganz leise von draußen durch das Fenster kommt. Ich las nicht mehr. Ich hörte seiner Stimme zu. Die einzige Stimme, derer ich nie müde werde. Ich war dankbar. Ich dachte, mein Wunsch wurde erfüllt. Er erzählte jemandem heimlich seine Lebensgeschichte. Geschichte des Lebens, das mich am meisten interessierte.

Ich empfand die Gelegenheit wie ein göttliches Geschenk und bewunderte mich, dass ich seine Erlebnisse schon seit langem gespürt hatte. Seit wir uns zum ersten Mal getroffen hatten. Seit unserem ersten Blick. Ich wusste immer, er kämpfte um sein Leben. Ich wusste immer, er kannte das ernsthafte Gesicht der Welt. Er war ein Illegaler, ein Unterdrückter und ein Unschuldiger, der in der falschen Zeit in der falschen Ecke auf der falschen Erde geboren war. Ich hatte ein unglaubliches Gefühl. Es war Freude und Aufregung, aber zugleich auch Angst und Trauer.

Er war frei aufgewachsen. In seiner Freiheit gab es keinen Platz für Meldeämter. In seiner Heimat fraß man, um selbst nicht gefressen zu werden. So bestialisch hatte er nicht sein wollen und können. Er war nach Deutschland geflohen auf der Suche nach Menschlichkeit. Er konnte mit Papieren aber nicht umgehen. Ich hörte etwa sechs Minuten zu. Dann bekam ich Tränen in den Augen.

Ich erinnerte mich an meine Kindheit. Damals fand ich mich besonders stark und einzigartig. Damals glaubte ich, ich werde als Erwachsene die Bösen bekämpfen, damit die Welt besser wird. Mittlerweile hatte ich diesen Plan vergessen. Sein Abschiebungstermin sei in sieben Minuten. Das war sein letzter Satz. Wie froh wäre ich gewesen, seine Augen zu sehen – glänzend vor Freude, Liebe, Leidenschaft und allem, was seine menschlichen Rechte sind!

Wie froh wäre ich gewesen, seinen Blick auf ein Foto bannen zu können, damit ich seine letzten sieben Minuten nicht vergessen würde! Nicht wie meine Kindheitspläne. Wie anders wäre alles gewesen, wenn ich seine Lebensgeschichte von Beginn an hätte anders schreiben können. Vielleicht müsste er dann weniger leiden. Ich verlor mich in Gedanken. Die letzten sieben Minuten waren zu Ende. Seine Stimme war gar nicht mehr da.

 

Diese Geschichte ist mit Hilla Fitzen im Schreibtandem Projekt aufgeschrieben worden

Sorour Keramat. Foto Dennis Ofosu
Sorour Keramat
Ich hatte erst das 16. Lebensjahr vollendet, als ich in Deutschland ankam. Die ersten zwei Jahre in Deutschland wohnte ich in mehreren Flüchtlingsunterkünften und beobachtete das Unglück anderer Flüchtlinge, die aus verschiedenen Ecken dieser Welt in Deutschland Schutz suchten. Dass die anderen Menschen genau wie ich unter Heimatlosigkeit leiden und jeden Tag ein Stück von ihrer Identität verlieren, versetzte mich in tiefe Melancholie. Was noch dazukam, war, dass ich sah, wie schamlos Deutschland und andere europäischen Länder die Asylsuchenden abschieben und durch Europa treiben. Alle Herausforderungen, die die Geflüchteten in Deutschland und auf der Flucht haben, tragen dazu bei, dass ich heute Literatur als eine Form des Ausdrucks nutze, um über das ganze Elend zu berichten. Der Iran ist für mich eine untrennbare Sehnsucht nach Heimat, aber ein anderes Stück meiner Identität sind diejenigen Menschen, deren Leben in Deutschland fremdbestimmt wird, die in Ohnmacht gefallen und in deutscher Bürokratie gefangen sind. Das literarische Schreiben über die Flüchtlingspolitik bedeutet für mich ein neuer Lebenssinn.

 

Über Hussam Alzaher 102 Artikel
Studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen (BA). Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland und Gründer und Chefredakteur des Flüchtling-Magazins.

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