Welchen Sinn haben Nationalitäten?

Pässe- Ahmad Shihabi.
Pässe- Ahmad Shihabi.

Welchen Sinn haben eigentlich Nationalitäten? Mit dieser Frage beschäftigt sich unser Autor. Nach Angaben der Vereinten Nationen gibt es weltweit rund 1,5 Millionen staatenlose Flüchtlinge. Dieses Gefühl vermittelt den Eindruck von Unsicherheit und Instabilität von Flüchtlingen. Wenn eines der Aufnahmeländer beschließt diese Flüchtlinge abzuschieben, bleibt die Frage, wohin sie gehen und ob es andere Länder gibt, die sie als Geflüchtete aufnehmen möchten.

Autor:  Ahmad Shihabi

Ich bin ein syrischer Palästinenser, d.h. ich bin zweimal Flüchtling.

Hintergrund

Fast 750.000 Palästinenser wurden 1948 zum ersten Mal zu Flüchtlingen. Sie verließen Palästina um der Gewalt und den Umwälzungen, die während der Gründung Israels stattfanden, zu entkommen. Den Tag nennen wir „Nakba“ auf Deutsch “die Katastrophe”. Wie viele andere Palästinenser zu dieser Zeit, flohen meine Großeltern nach Syrien. Sie ließen sich schließlich in Jarmouk nieder, dem inoffiziellen und größten Flüchtlingslager südlich von Damaskus. Jarmouk ist wie ein kleiner Stadtteil, in dem Syrer und Palästinenser gemeinsam gewohnt haben.

Zusammenleben von Palästinensern und Syrern

Rechtlich waren die Palästinenser und die Syrer weitgehend gleich und sie konnten sich ein neues Leben aufbauen. Sie waren Gäste und keine Flüchtlinge. Die Palästinenser konnten studieren und alle Berufe ausüben, Häuser bauen und Firmen gründen, sie konnten Syrer oder Syrerinnen heiraten. Nur das Wahlrecht hatten die Palästinenser in Syrien nicht, d.h. sie durften keine syrische Staatsangehörigkeit besitzen. Außerdem dienten die Männer in einer Palästinensischen Befreiungsarmee und nicht im syrischen Militärdienst.

Mit dem Ausbruch der syrischen Revolution befanden sich die palästinensischen Flüchtlinge in Syrien im Zentrum der Krise. Deren Auswirkungen spigelten sich in ihrer Situation wider, indem sie getötet, vertrieben und verhaftet wurden. Die Zahl der Personen in den Flüchtlingslagern ging dramatisch zurück, und viele von ihnen begannen eine neue Reise der Vertreibung und des Asyls.

Syrische Palästinenser in Deutschland seit 2014

Seit 2014 kamen viele syrische Palästinenser*innen nach Deutschland. Ich habe keine genauen Zahlen gefunden, wie viele in Deutschland leben. Da die Vereinten Nationen Palästina nicht als Staat anerkennen, gelten viele von ihnen als staatenlos. Oder sie wurden in den deutschen Behörden nach der Nationalität eines anderen arabischen Landes, aus dem sie stammen, registriert, weil sie einen Reisepass aus diesen Ländern besitzen. Dazu gehört z.B. der Libanon, Jordanien, Syrien oder Ägypten.

Staatenlos

Als ich 2015 in Deutschland ankam, wurde ich von der Polizei sowie vom BAMF nach meiner Staatsangehörigkeit gefragt. „Palästinenser“, antwortete ich. Sofort wurde ich als „Staatenlos“ bezeichnet. Denn Deutschland ist eines der Länder, das Palästina nicht als Land anerkennt. Sie registireren die Angehörigen mit einer ungeklärten Staatsangehörigkeit. Das führt ehrlich zu einer unsicheren Situation. Man weiß nicht was passieren wird, wenn man abgeschoben wird. Wohin soll man dann gehen, wenn kein Land uns wieder als Mitbürger oder sogar Geflüchtete akzeptiert?

Dieses Gefühl erlebe ich wie viele Palästinenser*innen jedes Mal, wenn ich einen offiziellen Antrag ausfülle, in dem ich meine Nationalität angeben muss. Bin ich Palästinenser, staatenlos oder nur XXX? Dies geht weiter, wenn ich versuche, zu reisen. Ich muss immer ein Visum beantragen. Das klingt in manchen Fällen normal, wegen meiner Volksangehörigkeit ist dies allerdings ziemlich schwer. Dieser Fall gilt für viele arabische und nicht-arabische Länder, die ich besuchen möchte. Egal ob es sich um einen Urlaub oder sogar um einen Familienbesuch handelt.

Bedeutung von Dokumenten

Im Leben der Palästinenser*innen spielten Dokumente schon immer eine wichtige Rolle. Viele palästinensische Geflüchtete wechselten ständig nach den Kriegen 1948 und 1967 ihren Wohnort. Daher haben sie mehr als einen Reisepass. Wenn ein Eltern- bzw. Großelternteil ein registrierter Flüchtling in Jordanien ist und der Zweite in Syrien registriert wurde, dann haben sie und ihre Kinder zumindest einen jordanischen Pass und einen syrischen. Außerdem könnten sie einen palästinensischen haben, mit dem sie aber nicht mehr reisen dürfen.

Nationalitäten und ihre Bedeutung

Während eines kurzen Gesprächs mit einer Freundin über  Nationalitäten und ihre Bedeutung wurde ich gefragt, ob ich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen würde, wenn ich sie erhalten würde. Meine Antwort war spontan: “Ja, klar! “, weil ich mich von einem Ort zum anderen bewegen möchte. Ohne Einschränkungen und auch ohne vorherige Bestimmungen, die darauf beruhen, wo ich aufgewachsen bin. Außerdem würden wir gerne ohne Vorwürfe und Vorurteile leben. Diese bezeichnen uns immer als radikales oder antisemitisches Volk, wenn es sich um das Recht der Palästinenser handelt, ihr eigenes Land zu haben.

Es geht hier nicht nur um die eigene Identität, sondern auch um das ganze System der Nationalitäten und Pässe. Ich finde es rassistisch, wenn Menschen Privilegien dank ihrer Herkunft bekommen und nicht, weil sie etwas in ihrem Leben getan haben. Deswegen ist das Leben für mich keine Religion oder Identität, es ist weder Nationalität noch Land. Es ist eine Menschheit ohne jegliche Diskriminierung und voller Gefühle von Bindung und Brüderlichkeit.

 

Ahmad Shihabi aus Damaskus. Ich habe meine Ausbildung als Informatiker 2008  absolviert.

Als Praktikant bei einem Verlag fing ich mit meiner Arbeit im Bereich Journalismus an. Danach arbeitete ich als Redakteur im Politik- und Kulturbereich bei dem palästinensischen Magazin “Al-Hourriah”.

2015 kam ich nach Deutschland und am Ende 2019 bin ich nach Herne in NRW umgezogen. Ab Februar 2019 unterstütze ich das Journalisten Büro Herne als Redaktionsassistenz.

2 Kommentare

  1. Ein schwieriges und vielschichtiges Thema, und Du gehst als Betroffener bewundernswert sachlich heran: denn Nationalität ist eben nicht nur eine Frage der Staatsangehörigkeit, sondern auch der kulturellen Bindungen zum eigenen Volk, der Zugehörigkeit, des intuitiven Angenommen-und Verstanden-werdens. Die Politik seit 1948 zwingt Palästinenser, all das zu verlassen, um überhaupt überleben zu können. Das Ergebnis ist eine doppelte Heimatlosgkeit: ohne Pass und ohne die Selbstverständlichkeit, akzeptiert inmitten des eigenen Volkes zu leben. Angesichts des ungeheuren Unrechts, das den Palästinensern nach wie vor geschieht, empfinde ich es als Verleumdung, ihnen als Radikale, Terroristen und Antisemiten auch noch nachzutreten, wie es die Medien und Öffentlichkeit häufig tun. Vielmehr verdienen sie unsere Unterstützung in der Heimat und, wo das nicht geht, wärmste Aufnahme in Deutschland.

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