Die Endstation. Eine Geschichte

Foto Kenan Sulayman on Unsplash
Foto Kenan Sulayman on Unsplash

Die junge Autorin Sorour Keramatboroujeni ist eine gute Beobachterin. Seit sie als Jugendliche nach Deutschland gekommen ist, nimmt sie wahr, was um sie herum geschieht. Sie hat ein feines Gespür für Menschen, die als Geflüchtete unter Heimatlosigkeit leiden. die sich fremdbestimmt fühlen und in der deutschen Bürokratie gefangen sind. Ihr Weg, diese Eindrücke zu verarbeiten, ist das literarische Schreiben: präzise, ungeschönt, nah dran an dem, was sie über viele Jahre erlebt hat. Eine Geschichte ohne Happyend.

Von Sorour Keramatboroujeni

Die Frau stieg an der Endhaltstelle aus dem Bus aus und versuchte, zwei Tüten in ihrer Tasche zu verstecken. Sie ging langsam durch den leichten Nebel auf die andere Seite der Straße. Mit jedem Schritt schlug ihr Herz schneller. Mit jedem Schritt näherte sie sich den riesigen Containern. Sie wartete am Eingang, über dem ein Schild stand: „Deutsches Rotes Kreuz“. Ein Mann mit einer grünen Uniform steckte den Kopf durch das Fenster des kleinen Häuschens neben dem Eingang hinaus und rief: „Karte, bitte!“ Sie zeigte eine weiße Karte mit dem Bild einer Frau mit Kopfbedeckung und ein paar Zahlen und Buchstaben darunter. Der Uniformierte sah sich erst die Karte verdrossen an, dann die Frau und schließlich gab er ihr die Karte zurück. Sie beschleunigte das Tempo ihrer Schritte und stieg die Treppen des ersten Containers aus der Reihe hinauf. Sie öffnete eine Tür aus weißem Kunststoff und sah, dass ihre Zimmergenossin „Wahidah“ vor dem Fenster stand.

Samah: „Ich habe dir zehn Mal gesagt, du sollst hier nicht rauchen. Ich habe keine Lust auf den Alarm und Ärger mit den Securities.“

Wahidah drehte den Kopf: „Ich habe gar nicht gemerkt, dass du hier zurück bist.“

Samah: „Ich bin erst jetzt angekommen. Guck mal, was ich gekauft habe. Reis, Eier, Tomaten und Spaghetti. Wir kochen heute was Leckeres.“

Sie legte die Tüten auf den Tisch neben einen zerrissenen Briefumschlag und machte die Tür wieder auf: „Ich gehe kurz zu Sabreen. Ich muss ihre Einkäufe abgeben.“

Wahidah: „Das brauchst du nicht mehr.“

Samah: „Was?“

Wahidah: „Sie haben heute die Zimmer durchsucht und alle Herdplatten wieder eingesammelt.“

Samah: „Ach nein. Sabreens Kind kann das Essen von der Kantine nicht vertragen.“

Wahidah: „Keiner kann es vertragen. Selbst ich kann hier nichts mehr vertragen.“

Samah machte die Tür zu und zog ihr Kopftuch aus. Vor dem Spiegel kämmte sie sich die schwarzen, lockigen Haare.

„Und wegen des Essens hast du dich heute so geschminkt? Sag mal, wolltest du meinen roten Lippenstift essen?“

Wahidah lachte: „Entschuldige. Ich konnte meinen eigenen nicht finden.“

Samah lächelte sich im Spiegel an und war noch beschäftigt mit den Haaren: „Kein Problem. Hast du heute Briefe von der Post abgeholt?“

Wahidah stand immer noch am Fenster und pustete den Rauch ihrer Zigarette nach draußen: „Du hattest heute keine.“

Samah atmete tief ein: „Ok. Dann warte ich noch.“

Wahidah: „Dieses sinnlose Warten kann ich nicht mehr ertragen. Ich war heute nach der Post im Büro. Da habe ich mich über die Durchsuchungen unserer Zimmer beschwert und wie immer hatten sie tausende Gründe dafür.“

Samah: „Sei nicht so dramatisch. Das ist doch nur einmal in der Woche.“

Wahidah warf den Rest der Zigarette durch das Fenster hinaus: „Sag mir bitte nicht dasselbe, was sie mir sagen. Diese Sozialarbeiter leben selbst ja nicht zu viert in Räumen mit zwölf Quadratmeter Fläche und Plastiktüren. Es gibt doch in Deutschland ein Recht auf Privatsphäre oder nicht?“

Samah legte den Kamm auf den Tisch und setzte sich auf ihr Bett: „Denk nicht daran. Das Warten in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft ist besser als in einem Zelt vor der serbischen Grenze. Mach das Licht bitte aus und versuch zu schlafen. Morgen hast du es vergessen. Schmeiß diesen Briefumschlag auch weg!“

Wahidah schaute immer noch durch das Fenster nach draußen ohne sich zu bewegen.

„Soroush renn! Renn schneeell! Jaaaa! Toooooooor!“

„Wie kannst du bei diesem Lärm schlafen? Die Kinder haben schon die siebte Runde angefangen. Bis jetzt war der Bruder von diesem süßen Typen der beste Fußballer im ganzen Lager.“

Samah lag auf dem Bett und warf stirnrunzelnd einen Blick auf Wahidah: „Der Bruder von welchem Typen?“

Wahidah lächelte und schaute auf das Fenster des gegenüberstehenden Containers, an dem stand „Ich hasse alle“: „Ich meinte diesen Afghaner, der gegenüber wohnt.“

Samah: „Sag nicht, dass du diesen merkwürdigen Jungen süß findest.“ Ihr Ton wurde ironisch: „Er hasst alle. Vielleicht hasst er dich auch. Und mach bitte das Fenster zu! Es ist laut.“

Wahidah machte das Fenster zu und lachte: „Ich wollte ihn heute tatsächlich ansprechen, nachdem ich durch sein Fenster gesehen habe, wie er sich umgezogen hat.“

Sie lachte auch: „Ach, deshalb hast du dich geschminkt, oder?“

Wahidah: „Nein, Quatsch. Wahidah setzte sich auf einen Plastikstuhl vor dem Fenster. „Er ist viel jünger als ich. Er ist genau so alt wie mein Bruder. Oh, ich habe voll Kopfschmerzen.“

Samah lachte nicht mehr: „Dein Bruder?“

Wahidah: „Ich meinte, wenn mein Bruder nicht tot wäre, hätten die beiden dasselbe Alter, aber er wurde damals zwei Jahre nach dem Einmarsch der Terroristen im Irak umgebracht.“

Samah betrachtete die weiße Wand neben ihrem Bett. Nach einer Pause sagte sie: „Es tut mir sehr leid.“

Es schien wieder ein Lächeln auf Wahidahs Gesicht, während sie auf das Spiel der Kinder starrte: „Nein, ich brauche kein Mitleid. Ich habe es nur erzählt, weil mein Bruder heute die ganze Zeit in meinem Kopf ist. Ich spüre ihn in meiner Nähe, als ob er hier wäre. Ich suche ihn die ganze Zeit zwischen den Kindern da unten. Ich dachte, vielleicht ist er da, aber ich glaube, jetzt ist er sogar näher gekommen. Wahrscheinlich ist er in unserem Zimmer.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Samah antwortete „Du bist müde. Soll ich selber das Licht ausmachen?“

Wahidah: „Samah, ich werde ihn wieder treffen. Ich wusste, dass dieses Treffen bald ist. Ich hätte doch nicht so viel Zeit verschwenden sollen. Dreizehn Jahre Flucht durch Irak, Syrien, Europa und durch mein Inneres war ein Kampf, in dem ich sowieso der Verlierer bin. Samah, ich bin bereit, dem lieben Gott mein Leben zu geben. Hier ist das Ende.“

Samah stand auf, um das Licht auszumachen. „Wahidah, du bist jung. Ich weiß, dass du traurig bist. Wir sind es alle, aber wenn wir aufgeben…“

Wahidah unterbrach sie. „Ich habe heute einen Brief bekommen.“

Die beiden atmeten eine Weile. Samah fühlte den kalten Schweiß und Wahidah starrte immer noch zu den Kindern draußen: „In diesem Brief steht, ich werde nächste Woche Montag von Deutschland abgeschoben.“

Samah ging vor den Tisch, um Wahidahs Medikamente zu finden. Sie versuchte die Tränen zu verstecken: „Mach dir keine Sorgen. Ich kenne einen Deutschen. Er kann für dich einen guten Anwalt finden und danach…“

Wahidah unterbrach sie lachend. „Ich will das nicht. Ich kämpfe nicht mehr. Ich kämpfe nicht mehr um das Leben im Tod. Ich möchte meinen Bruder wiedersehen.“

Samah: „Wahidah, was hast du gemacht? Wo sind deine Tabletten?“

Sie fiel zu Boden. Samah lief zu ihr. Die Tränen machten das kalte Gesicht der liegenden Frau nass.

 

Diese Geschichte ist mit Hilla Fitzen im Schreibtandem Projekt aufgeschrieben worden

 

Sorour Keramat. Foto Dennis Ofosu
Sorour Keramat
Ich hatte erst das 16. Lebensjahr vollendet, als ich in Deutschland ankam. Die ersten zwei Jahre in Deutschland wohnte ich in mehreren Flüchtlingsunterkünften und beobachtete das Unglück anderer Flüchtlinge, die aus verschiedenen Ecken dieser Welt in Deutschland Schutz suchten. Dass die anderen Menschen genau wie ich unter Heimatlosigkeit leiden und jeden Tag ein Stück von ihrer Identität verlieren, versetzte mich in tiefe Melancholie. Was noch dazukam, war, dass ich sah, wie schamlos Deutschland und andere europäischen Länder die Asylsuchenden abschieben und durch Europa treiben. Alle Herausforderungen, die die Geflüchteten in Deutschland und auf der Flucht haben, tragen dazu bei, dass ich heute Literatur als eine Form des Ausdrucks nutze, um über das ganze Elend zu berichten. Der Iran ist für mich eine untrennbare Sehnsucht nach Heimat, aber ein anderes Stück meiner Identität sind diejenigen Menschen, deren Leben in Deutschland fremdbestimmt wird, die in Ohnmacht gefallen und in deutscher Bürokratie gefangen sind. Das literarische Schreiben über die Flüchtlingspolitik bedeutet für mich ein neuer Lebenssinn.

 

 

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