Gewalt gegen Frauen – falsche Nutzung der Thematik

foto:Sydney Sims on Unsplash
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Der Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen taucht seit einiger Zeit mehr und mehr in den öffentlichen und politischen Debatten auf. Dieses ist der hartnäckigen Arbeit feministischer Aktivistinnen zu verdanken. Leider nutzt die extreme Rechte diese Thematik jedoch immer mehr. Die will der Allgemeinheit glauben machen, dass diese gegen Frauen gerichtete Gewalt überwiegend von Ausländern, von Migranten und von Asylbewerbern kommt. Das stigmatisiert eine ganze Bevölkerungsgruppe.

Autorin: Noémie Tissot 

Man nutzt ein rassistisches Ereignis in vollem Umfang für den Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen. Es kommt zum Missbrauch feministischer Zusammenschlüsse, um eine Anti-Migrationsbotschaft zu verbreiten.

Das Ziel?

Mitglieder von Paris Vox erklären als Ziel „Die wahren Täter zu denunzieren“. Auf deren Seite geben die Frauen exakt an, was genau sie wollen: „Allem voran wird das Wort der Französinnen freigegeben und die Rolle, die die Einwanderungspolitik spielt, hervorgehoben. Für sie sind die wahren Täter also Ausländer, Migranten“.

Die Ausländer sind die einzigen Schuldigen. Auf Twitter verbreiten die Frauen zahlreiche Presseartikel, die Bezug auf die Gewalt gegen sie nehmen. Sie haben immer denselben Vermerk: Die Täter seien Ausländer, Außer-Europäer, Asylbewerber, Migranten.

Für Luci Groussin, einer feministischen Aktivistin der Gruppe F (#NousToutes), „ist klar, dass diese Frauen nicht über Frauenrechte sprechen, um diese zu verteidigen, sondern dass sie diese vielmehr instrumentalisieren. Es ist sehr schlimm, dass die Bewegung der extremen Rechten diese Themen aufgreift, um einen Teil der Bevölkerung schlecht zu machen“.

Die Instrumentalisierung der Überfälle von Köln

Es ist keine Neuigkeit mehr, dass der Ausländer als Sündenbock einer patriarchischen Gesellschaft herhalten muss. Die Partei von Marine Le Pen vertritt seit Jahren diese Meinung. Am 13. Januar 2016 beispielsweise, nach den Gewalttaten in der Silvesternacht in Köln, hat Marine Le Pen in einer Stellungnahme in der Zeitung L’Opinion Folgendes geäußert: „Dass sich die Barbarei dank einer völlig unsinnigen Migrationspolitik erneut gegen die Frauen richtet und entwickelt, erfüllt mich mit Furcht“.

Indem Le Pen sich auf die Migrationskrise bezieht, sagt sie gleichzeitig, dass die europäischen Staaten ihre Grenzen schließen sollten. Dies solle die Frauen wieder schützen. Die sexuelle Gewalt in Köln, die Männer algerischer oder marokkanischer Herkunft begangen haben, habe sich wiederholt.

Damit nutzt Le Pen gekonnt den feministischen Ansatz, den man für gewöhnlich nicht in der extremen Rechten findet. Es ist, als wäre die Gewalt gegen Frauen mit einer Kultur, einem Land, einer Religion verbunden und nicht mit einem gesellschaftlichen, systemischen Phänomen, das Grenzen und Nationalitäten ignoriert.

Nein, 52 Prozent der Vergewaltiger in Frankreich sind keine Ausländer

Heutzutage ruht sich die Argumentation der extremen Rechten zum Teil auf einem Prozentsatz aus: 52 Prozent der Vergewaltiger in Frankreich seien Ausländer. Man findet diese Aussage auch in den Mündern der Politiker wieder: Marine Le Pen drohte mit dieser Zahl im Fernsehen. Nicolas Dupont-Aignan hat sie getwittert genau wie Damien Rieu.

Unter dem Vorwand, dass diese Statistik aus einer offiziellen Studie des ONDRP (l’Observatoire national de la délinquance et des réponses pénales) hervorgeht, bekommt sie einen Schein von Wahrheit. Trotzdem warnen sogar die Verfasser dieser Studie auf den ersten Seiten vor einer totalen Verallgemeinerung.

Eine offizielle Studie

Der Titel dieser Studie lautet „Vergewaltigungen, die in den Jahren 2013 und 2014 in Paris verübt und durch die Polizei registriert wurden“.

Anders als im Titel angegeben, belegt die Studie jedoch nicht, dass diese Vergewaltigungen den Behörden gemeldet beziehungsweise angezeigt wurden. Dies ist nämlich sehr selten der Fall. Laut der Observatoire national des violences faites aux femmes bringt nur ein Vergewaltigungsopfer von sechs die Vergewaltigung zur Anzeige. Die ONDRP erinnert in ihrer Einleitung nochmal schwarz auf weiß daran.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist folgender: Wenn sich die Studie auf eine Stichprobe von 688 Vergewaltigungen beruft, stehen davon 390 in Frage. Diese 390 können daher nicht für alle Täter der 688 Vergewaltigungen in der Stichprobe und noch weniger für alle in diesem Zeitraum in der Hauptstadt begangenen Vergewaltigungen repräsentativ sein. Es ist also unmöglich, eine Verallgemeinerung dieser 52 Prozent durchzuführen, wiederholt Aurélien Langlade, der Co-Autor dieser Studie.

Laut dem Innenministerium besaßen im Jahr 2018 von den 26.000 Personen, die an Sexualstraftaten beteiligt waren, fast neun von zehn Tätern (86 Prozent) die französische Staatsangehörigkeit. Die Ausländer repräsentierten 14 Prozent der Befragten. Also weit entfernt von den berühmten 52 Prozent.

Der Mythos des unbekannten Täters in der Vergewaltigungskultur

Leider hält sich die extreme Rechte nicht lange mit Zahlen auf, die ihr widersprechen könnten. Indem sie diese Nachrichten verbreitet, schürt sie zum einen den Hass gegen die Migranten. Zum anderen befeuert sie auch die Vergewaltigungskultur und eines ihrer ältesten Stereotypen. Sie gibt zu bedenken, dass ein Vergewaltiger nichts anderes sein kann, als ein Fremder, als ein „Anderer“.

In einer Episode eines Podcast zum Thema Männlichkeit (Les Couilles sur la Table) interviewt Victoire Tuaillon Noemie Renard. Noemie Renard ist Autorin des Blogs antisexisme.net und des Buches En finir avec laculture du viol, welches im letzten Jahr erschienen ist.

Sie erklärt: „Die Vergewaltiger, das sind immer die anderen. Es sind nicht die Menschen, die man kennt, nicht die normalen Menschen, es sind nicht unsere Freunde, unsere Brüder, unsere Väter. Es sind immer die anderen.“

In unserer allgemeinen Vorstellung sei ein Vergewaltiger ein aus dem Gleichgewicht gerissener Mensch, ein Ausgegrenzter, ein Unbekannter, ein Migrant. Einer aus den unteren Klassen oder jemand, der etwas von allem mitbringt. Er ist nachts tätig in einer schwach beleuchteten Gasse oder auf einem düsteren Parkplatz.

In fast 90 Prozent der Fälle kennt das Opfer seinen Vergewaltiger

Opferstudien zeigen, dass die meisten Vergewaltigungen im privaten Raum stattfinden. Zu diesem Thema wurden mehrere Umfragen durchgeführt. Dazu zählt  auch die Studie der Jean Jaures Stiftung im Jahr 2017. Diese zeigt, dass in fast 90 Prozent der Fälle das Opfer sexualisierter Gewalt den Täter kennt. Es kann ein Ehepartner, ein enger Verwandter, ein Kollege oder ein Nachbar sein“, erklärt Leonore Guénoun, Aktivistin bei #NousToutes.

Der erste Ort der Gewalt gegen Frauen ist demnach der familiäre Kreis. So belasten 49 Prozent der Vergewaltigungsopfer ihren Ehepartner, 17 Prozent einen Verwandten, sechs Prozent ein Familienmitglied und nur 17 Prozent einen Fremden.

Die Annahme, dass der Vergewaltiger in den meisten Fälle ein Ausländer ist, ist laut Leonore Guénon „ein rassistischer Mythos, der aus unserer kolonialen Vergangenheit stammt. Dieser Mythos ist voreingenommen und er ist schlichtweg falsch. Keine Studie hat je bewiesen, dass es ein typisches Porträt des Vergewaltigers gibt. Es gibt keine zuverlässigen Daten, die dies zeigen“.

Das Spiel des Vergewaltigers spielen

Laut Guénon sind die Folgen dieses Missverständnisses dramatisch:

„Das ist sehr gefährlich. Erstens weil es ein völlig falsches Bild von Männern mit Migrationshintergrund zeichnet. Aber auch für die Opfer ist es gefährlich: Wenn sie eine Person beschuldigen, die diese Kriterien nicht erfüllt, dann wird ihnen im schlimmsten Fall nicht geglaubt. Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass die betroffenen Frauen überhaupt keine Aussage machen, wenn man bedenkt, dass ihre Worte sowieso nicht berücksichtigt werden“, erläutert die Aktivistin von #NousToutes.

Der Mythos des ausländischen Vergewaltigers trägt somit dazu bei, eine gewisse Straflosigkeit für die Vergewaltiger zu fördern.

„In allen Phasen der Rechtskette, von der Beschuldigung bis zur Verurteilung, wird eine Vergewaltigung umso günstiger für das Opfer behandelt, je näher sie dem Klischee der „echten Vergewaltigung“ kommt. Sie kann Gegenstand einer Beschwerde, einer Strafverfolgung und einer Verurteilung sein. Im Allgemeinen melden Opfer, die ihre Vergewaltiger kennen, die Vergewaltigungen, zwei- bis dreimal weniger,” sagt Noemie Renard.

Vergewaltigung in der Ehe

„Viele Frauen wissen nicht, dass sie möglicherweise einer Vergewaltigung in der Ehe ausgesetzt sind und wieder andere wissen nicht, dass sie möglicherweise bereits Opfer waren“, ergänzt Leonore Guénon.

#NousToutes hat vor einigen Wochen eine große Umfrage unter heterosexuellen Paaren durchgeführt. Die Ergebnisse sind noch nicht bekannt, aber mit mehr als 100.000 gesammelten Ergebnissen hat das Kollektiv einen sensiblen Punkt berührt.

„Wir haben viele Nachrichten von Frauen erhalten, in denen es heißt: Dank ihrer Umfrage wurde mir erst klar, was überhaupt mit mir passiert ist.   Ich war mir der sexualisierten Gewalt, der ich ausgesetzt war, gar nicht bewusst“, schließt Guénon ab.

Diese Artikel wurde  auf  guitinews.fr auf französisch veröffentlicht. und Sophie Martin hat auf Deutsche übersetzt.

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