Moria – die Asylpolitik als Achillesferse der EU

Bildunterschrift: Die Kampagne #leavenoonebehind macht auf die Lage in Flüchtlingslagern während der Corona-Krise aufmerksam. (Foto: Johan Graßhoff)
Bildunterschrift: Die Kampagne #leavenoonebehind macht auf die Lage in Flüchtlingslagern während der Corona-Krise aufmerksam. (Foto: Johan Graßhoff)

Zu Zeiten von Social Distancing erscheint die Situation im Lager für Geflüchtete Moria auf der Insel Lesbos besonders unerträglich: Mehr als 20.000 Menschen drängen sich in der für 3.000 Personen ausgelegten Zeltstadt. Der EU-Abgeordnete Erik Marquardt berichtet im Multivitamin-Podcast über dramatische Gegebenheiten vor Ort und nimmt Verantwortliche in die Kritik.

Vor kurzem beantwortete bereits die Journalistin Isabel Shayani unsere Fragen zum aktuellen Stand in Moria im Interview. Im Oktober 2019 und Februar 2020 reiste die Reporterin nach Lesbos und sprach dort vor allem mit Kindern. Sie beschreibt „eine Situation, die man sich als Europäer nicht vorstellen kann“ und nennt diese einen „schwer zu toppenden Superlativ“. Das komplette Interview steht hier zum Nachlesen und Anhören zur Verfügung. Shayanis Erfahrungen teilt auch Erik Marquardt, Fraktionsanhänger der Grünen/EFA im Europäischen Parlament. Der Foto-Journalist erlebt Leid und Hoffnungslosigkeit der Geflüchteten aktuell vor Ort.

Humanitäre Krisen bewusst in Kauf genommen

Das griechische Festland ließe die zugehörigen Inseln mit der Überforderung alleine. Zwar befindet sich das größte Lager auf Lesbos, doch auch auf Samos, Chios oder Kos harren Geflüchtete während ihres oft langwierigen Asylverfahrens aus. Tagelang ströme kein fließendes Wasser aus den Leitungen. Auch der Zugang zu Nahrung sei beschränkt, so Marquardt. Der hohe Prozentsatz älterer Menschen im Camp sei die einzige Gewährleistung medizinischer Versorgung durch NGOs, so Shayani.

Alle Faktoren zusammen zeichnen angesichts der weltumspannenden Corona-Pandemie ein Schreckensszenario. Dazu der Abgeordnete: „Eine Situation, in der bewusst humanitäre Krisen in Kauf genommen werden […], dass es noch Orte in Europa gibt wo sich dieses Virus unbegrenzt ausbreiten kann und das ist eine Situation, die wir uns einfach nicht erlauben können.“

Legitimation für Gewalt

Griechenlands Regierung befeuere die Umstände zusätzlich, indem sie die These verbreite, ankommende Flüchtlinge seien eine Waffe Erdogans und seiner Grenzöffnung. Die Reaktionen spiegelten sich jüngst im Verhalten der Küstenwache wider, welche Schlauchboote mit Warnschüssen zurück aufs offene Meer drängte. Der vermittelte Eindruck spiele rechtsextremen Bewegungen in die Karten, und schaffe auch in der breiten Gesellschaft eine „pogromähnliche Stimmung“, meint Marquardt. Im Internet vereinigten sich User gegen einen vermeintlichen Ansturm auf Europa, wie auch die Deutsche Welle berichtet.

Lösungsansätze

Die Lösungsansätze, die Marquardt vorschlägt, sind vielseitig. Er mahnt zu Kreativität und lenkt den Fokus weg von Unmöglichem. Viele Kreuzfahrtschiffe und Hotels stünden derzeit leer und verfügten über Kapazitäten, Geflüchtete aufzunehmen. 25.000 Erstaufnahmeplätze in Deutschland böten gleichwohl Schutzsuchenden und bedürftigen Obdachlosen ein sicheres Heim. Auf europäischer Ebene verfüge die Kommission über finanzielle Mittel zur Unterstützung Griechenlands.

Forderung nach einheitlichen Gesetzen

Bei der schnellstmöglichen Evakuierung des Camps und Aufnahme der Bewohner sieht er die Mitgliedsstaaten in der Pflicht. Langfristig gilt wohl für das EU-Parlament das Beschließen einheitlicher Gesetze. Seit 2016 diskutiere Europa über ein Asylsystem: „Die Asylpolitik ist eine krasse Achillesferse der Europäischen Union.“ Die angedachte Aufnahme von 1.600 unbegleiteten Kindern von acht EU-Staaten, darunter Deutschland (mehr dazu hier), heißt Marquardt gut. Gleichwohl könne es nicht das Ziel sein, nur einige wenige Menschen zu evakuieren: „Politik hat dann eben schon auch die Aufgabe, Katastrophen die so sichtbar anrollen, wie Corona in den Flüchtlingslagern an den Außengrenzen, dann auch diese Probleme zu lösen und sich nicht in einem überfluteten Keller hinzustellen und zu sagen, drei Eimer nehmen wir mal mit nach oben und dann ist das Problem gelöst…“

Mit seiner Beteiligung an der Kampagne „leave no one behind“ rückt er das Bewusstsein für die prekäre Lage an den Außengrenzen in den Mittelpunkt. Das Engagement gilt allen besonders Benachteiligten der Corona-Krise. Neben dem Schaffen eines öffentlichen Diskurses sammelt die Initiative Spenden für unterstützende Organisationen.

Das gesamte Interview mit Erik Marquardt im Podcast:

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