Eine Krise in der Krise

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Für viele ohnehin schon vulnerable Menschen ist Corona eine doppelte Krisensituation. (Foto: kirstenmarie ZfD5Chm via unsplash)

 Die Corona-Krise bringt Einschränkungen und Veränderungen für die ganze Bevölkerung. Geflohene gelten als sogenannte vulnerable Gruppe[1]. Sie sind somit anfälliger für Ängste und Unsicherheiten, die durch globale Krisen ausgelöst werden. Für sie wird Corona zur Doppelbelastung.

von Luisa Eyselein und Simon Kolbe

Simon Kolbe ist seit 2014 Berater von Geflohenen und ihren Unterstützer*innen. Er schreibt regelmäßig für das Flüchtling-Magazin (weitere Artikel hier). Luisa Eyselein arbeitet seit 2017 für The Justice Project e.V. in Karlsruhe. Gemeinsam beschreiben sie hier, was Corona für Geflohene bedeuten kann.*

Stichwort Trigger

Unter Trigger versteht man eine plötzliche Erinnerung an ein traumatisierendes Ereignis. Reize aus der Umwelt können dies auslösen. Emotional stabile Menschen können eine gesellschaftliche Krise relativ gut bewältigen. Hingegen kann bei traumatisierten und emotional belasteten Personengruppen eine solche Situation Unsicherheiten und Ängste auslösen. Geflohene leiden häufig unter depressiven Episoden, Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS)[2] und anderen Angststörungen.

Deshalb erleben sie Trigger posttraumatischer Symptome in zahlreichen Alltagssituationen. Die betroffene Person erlebt während dieses Flashbacks ähnliche Gefühle wie damals. Das kann beispielsweise zu einer Panikattacke führen. [3].

Die Corona-Krise als Trigger posttraumatischer Symptome

Viele Geflohene erleben die Corona-Krise und alle damit zusammenhängenden Geschehnisse als solche Trigger. Für Geflohene sind Ausgangsbeschränkungen, das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, Eilmeldungen mit Todeszahlen und Nachrichtensendungen mit verstörenden Bildern eine unfassbare Bedrohung. Dazu gehören auch die verbreiteten Fake News in den sozialen Medien. Bisher sind uns dazu allerdings noch keine statistischen Erhebungen bekannt.

Erfahrung aus dem Beratungsalltag

Aus dem Beratungsalltag erfahren unsere Organisationen jedoch von ansteigenden Krisen und Sorgen. Unter anderem sagte eine Asylsuchende aus dem Iran einen Beratungstermin bei The Justice Project e.V.  mit folgenden Worten ab (aus dem Englischen übersetzt):

„Es tut mir sehr leid. Ich kann dich heute nicht sehen. Ich kann nicht in dein Büro kommen. Ich fürchte mich. Ich kann es nicht erklären. Es ist wegen des Coronavirus. Ich möchte allein sein. Ich bin sehr schwach. Ich muss den ganzen Tag im Bett bleiben.“ [Zitat noch vor den in Deutschland veranlassten Beschränkungen.]

Aber nicht nur unsere Klient*innen sagen aus Angst ihre Termine ab. Die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote schränken die Beratungsangebote selbst massiv ein.

Eingeschränkte soziale Dienstleistungen bringen Unsicherheit

Die Schutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Krise reduzieren zahlreiche staatliche und nicht-staatliche Dienstleistungen für Geflohene stark oder  stellen sie ganz ein. Viele NGOs bieten nun psychosoziale Beratung am Telefon an. Allerdings ist es schwierig diese Hilfe anzunehmen. Das führt dann oft dazu, dass die Geflohenen die Angebote gar nicht wahrnehmen. Vor allem gilt das für die Sozial-und Verfahrensberatung in Flüchtlingsunterkünften. So meldete sich beispielsweise eine ehemalige ghanaische Klientin in der Beratungsstelle von The Justice Project e.V. mit folgenden Worten (aus dem Englischen übersetzt):

“Guten Tag. Wie geht es dir? Wie geht es der Familie? Wie ist die Arbeit? Corona ist ein sehr großes Problem. Viele Menschen arbeiten nicht. Sie bleiben einfach zu Hause. Weil niemand sterben will. Das ist ein sehr großes Problem. Sogar unsere Sozialarbeiterin arbeitet nicht wegen Corona. Ich habe einen Brief bekommen, aber ich weiß nicht, was drinsteht, weil er auf Deutsch ist. Die Leute müssen jetzt aufhören Briefe zu schicken, weil alle Angst vor Corona haben und die Leute nicht arbeiten. Aber Gott ist groß. Hoffentlich werden wir Corona sehr bald vergessen.”

Aber nicht nur die fehlenden Beratungsmöglichkeiten stellen einen schwerwiegenden Einschnitt für die Betroffenen dar. Gerüchte und Falschnachrichten sorgen für weitere Sorgen und Ängste.

Fake News und verdächtige Gerüchte erzeugen Angst

Fake News und verdächtige Gerüchte lösen Ängste aus, die noch zusätzlich zu den Unsicherheiten kommen, die die Corona-Krise ohnehin schon verursacht. In vielen Flüchtlingsunterbringungen ziehen diese ihre Kreise. Dabei vermischen sich oft amtliche und korrekte Informationen der Behörden und Institute mit Unsinn und Panikmache aus den sozialen Medien, Netzwerken und Kommunikationsplattformen.

Zum Beispiel berichtet eine nigerianische Klientin von einer Sprachnachricht, die rumgeht. In der erklärt ein Mann auf Englisch, dass man Briefe mit einem Handschuh in eine Plastikfolie packen soll, um sie einige Tage darin aufzubewahren. Damit können die Viren absterben. Weiterhin sagt er, dass man sich um Klagefristen oder andere Fristen nicht sorgen solle. Aufgrund der Corona-Krise sei dies nun sowieso nicht mehr relevant.

Eine andere Nachricht, die in Form eines Flyers rumgeht, sagt den Weltuntergang für den 23. April 2020 voraus (aus dem Englischen übersetzt):

„Das Ende der Welt ist nahe.“

Empfehlungen für Ehrenamtliche und Hauptamtliche

Bei zahlreichen Geflohenen fallen diese Botschaften auf fruchtbaren Boden. Die auslandsspezifische Unsicherheit sowie mystische Weltanschauungen führen oft zum schnellen Glauben dieser Nachrichten. Gerade jetzt ist es umso wichtiger, dass Sozialarbeitende verfügbar bleiben und proaktiv arbeiten, damit sie Ängsten entgegenwirken können. Daher empfehlen wir die Lektüre des Beitrages der geschätzten Autorin Cornelia Dürkhauser (hier zu lesen) und ergänzen lediglich mit einigen Empfehlungen für Ehrenamtliche und Hauptamtliche:

Sorgen Sie für adäquate Informationen:

Informieren Sie die Geflohenen wo und wie sie amtliche Informationen in ihrer Sprache bekommen (z.B. bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) und teilen Sie ihnen die richtigen Notfallnummern mit. Auch die Telefonseelsorge und die Krisenbereitschaft gehören dazu.

Identifizieren Sie Fake News und klären Sie auf:

Kommt ihnen ein Post oder eine Kettennachricht verdächtig vor? Erzählt Ihnen eine Person von bestimmten fragwürdigen Zaubern, Ritualen und Hilfsmitteln, die absoluten Schutz vor einer Infektion bedeuten? – Beziehen Sie Stellung und weisen auf die behördlichen und amtlichen Informationen und Maßnahmen hin. Nutzen Sie zur Überprüfung zum Beispiel die Faktenchecks des öffentlichen Rundfunks, des RKI oder der WHO. Aber auch zum Beispiel Faktenfuchs und Mimikama helfen oft.

Soziale Distanz bedeutet nicht emotionale Distanz

Je weniger Sie vor Ort sein können und je länger die Einschränkungen dauern, desto wichtiger werden Zeichen und Symbolhandlungen. Zeigen Sie persönliches Mitgefühl, bieten Sie Gespräche am Telefon an. Machen Sie sich gegenseitig Mut und gehen Sie mit gutem Beispiel voran: Zeigen Sie, dass Sie niemanden allein lassen.

Zum Schluss sollten die positiven Nachrichten nicht zu kurz kommen. Vor kurzem rief ein ehemaliger Klient aus dem Irak an, der ehrenamtliche Hilfe bei Bedarf angeboten hatte. Er habe noch Zeit nach seiner Arbeit, um andere zu unterstützen: „Wir müssen jetzt alle zusammenhelfen! Sag Bescheid, wann immer jemand Hilfe braucht“.

Systemrelevante Geflohene

Nur wenige nehmen wahr, dass viele Geflohene bereits Ausbildungen in der Altenpflege oder in anderen gesellschaftstragenden Berufen begonnen haben oder dort bereits arbeiten. Plötzlich werden Geflohene also auch systemrelevant. So berichtet eine langjährige Klientin aus Eritrea von ihrer Tätigkeit als Altenpflegehelferin (übersetzt aus dem Englischen):

„Wir müssen derzeit 12-Stunden Schichten arbeiten. Ich muss zwei Tage hintereinander zum Beispiel von 7:00 Uhr bis 19:00 Uhr arbeiten. Dann habe ich 4 Tage frei. […] Ansonsten bleiben wir mit den Kindern zu Hause und waschen uns oft die Hände […]. Auch wenn ich Angst habe werde ich weiter arbeiten gehen. […] Ich habe Angst um die Leute, um die wir uns kümmern. Wer kann ihnen helfen, wenn wir es nicht machen? Sie warten auf uns, dass wir sie wecken und ihnen zu Essen geben. Also mache ich weiter, egal ob die Lage schlechter oder besser wird. Ich mache die Arbeit aus der Tiefe meines Herzens, weil ich sie liebe.“

Es bleibt zu hoffen, dass bei laufenden Asylverfahren oder Härtefallanträgen dieser Aspekt in der Zukunft eine Rolle spielen wird.

In eigener Sache:

Der Verein The Justice Project e.V. identifiziert, berät und begleitet Betroffene von Menschenhandel. Betroffene, meist Asylsuchende, können in der Schutzeinrichtung von The Justice Project e.V. leben und am vorbereitenden Integrationsprogramm des Vereins teilnehmen.

Seit 2019 arbeiten Luisa Eyselein und Simon Kolbe gemeinsam in einem interdisziplinären Team am EU-kofinanzierten internationalen Forschungsprojekt INTAP. Die Beteiligten untersuchen die Chancen und Herausforderungen für die Integration von nigerianischen Opfern des Menschenhandels.

Quellen:

[i] Als vulnerable Gruppen beschreibt man „aufgrund ihrer körperlichen und/oder seelischen Konstitution (z.B. Behinderung, psychische Störung, Schwangerschaft, hohes Alter) oder/und aufgrund ihrer besonderen sozialen Situation (z.B. obdachlose Frauen) verletzlichere (vulnerable) Personenkreise.“ (Quelle: Glossar Themenheft 42 – Gesundheitliche Folgen von Gewalt).

[ii] Lindert, Jutta/ von Ehrenstein, Ondine S./ Priebe, Stefan/ Mielck, Andreas/ Brähler, Elmar. 2009. Depression and anxiety in labor migrants and refugees – A systematic review and meta-analysis. Social Science & Medicine Vol. 69 No. 2: 246-257.

[iii] Stangl, W. (2020). Stichwort: ‘Trigger’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

Über Hussam Alzaher 102 Artikel
Studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen (BA). Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland und Gründer und Chefredakteur des Flüchtling-Magazins.

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