Happy Valentines – Happy Flüchtling Magazin – Happy Neuer Name

Das Team das Flüchtling-Magazins. Illustration: Eugenia Loginova

In drei Jahren haben wir sehr viel geschafft, aber auch sehr viele gelernt. Die Frage ist: Was sollen wir weiter machen? Wir haben noch viel vor. Und: Wir starten in die Zukunft mit einem neuen Namen!

Ein Kommentar von der Chefredaktion des Magazins

Genau vor drei Jahren, am 14.2.2017 haben wir das Magazin gegründet. Die Idee dazu stammte von mir, einem Geflüchteten, der damals noch in einer Erstaufnahme-Unterkunft wohnte. Mit Unterstützung von vielen Freunden und Bekannten ist es uns gelungen, die Idee tatsächlich umzusetzen. Damit wurde ein Traum zur Realität. Nach sechs Wochen waren wir zunächst ein Team von sechs Ehrenamtlichen. Ein Jahr später, am 14.02.2018 hatten wir uns bereits zu einer Gemeinschaft mit 15 Ehrenamtlichen weiterentwickelt. So konnten wir mehr Artikel veröffentlichen und eine größere Leserschaft aufbauen.

Dieses Magazin bleibt für mich das Symbol für eine Willkommenskultur, die sich in der deutschen Gesellschaft gezeigt hat. Heute arbeiten wir mit mehr als 35 Ehrenamtlichen und können eine dritte Kerze auf unseren Geburtstagskuchen setzen. Viel ist passiert und vieles wird sich in Zukunft verändern – davon möchten wir heute berichten.

Projekte erreichen und verbinden Menschen miteinander

Neben dem Blog mit mehreren Beiträgen pro Woche gibt es einige Projekte, die uns wichtig sind: Im Jahr 2019 konnten wir unsere dritte Printausgabe mit 10.000 Exemplaren vertreiben. Sie enthält Texte, mit denen Geflüchtete zu Wort kommen und etwas über Grundrechte in Deutschland sagen. Wir arbeiten jetzt an der vierten Printausgabe zum Thema Kinderrechte und hoffen, dass wir sie Ende März veröffentlichen können.

Ein weiteres Projekt ist “Multivitamin” – so heißt unser Podcast. Denn wir wollen neue Formate ausprobieren und neue Zielgruppen ansprechen. In dieser Form haben jetzt unsere zweite Folge zum Thema Wahlrecht in Deutschland veröffentlicht.

Auch mit unserem Projekt “Schreibtandem” möchten wir weiter arbeiten. Wir hoffen, dass wir noch mehr Leute mit unterschiedlichem Hintergrund – Migranten mit Fluchtgeschichten und Deutschsprachige – in Tandems zusammenbringen. Bis jetzt haben solche Tandems zum Beispiel zu den Themen Heimatliebe, Bitte erklärt mir nicht, was ich selber erlebt habe! Zum Umgang mit Rassismus geschrieben.

Bis wann bleibt ein Flüchtling ein Flüchtling?

Wie ihr wisst, haben wir im März letzten Jahres eine Umfrage zum Namen unseres Magazins gemacht. Die Ergebnisse zeigten, dass die Mehrheit unserer Leser*innen nicht zufrieden ist mit dem Namen “Flüchtling Magazin”.  Manche finden es grammatikalisch falsch, dass ein s zwischen Flüchtling und Magazin fehlt. Oder es wurde der Unterschied zwischen den Begriffen „Geflüchteter“ und „Flüchtling“ diskutiert.  Viele fürchten, dass das Wort “Flüchtling” als Diskriminierung empfunden wird. Oder dass der Name den Eindruck erweckt, dass das Magazin nur für Geflüchtete und nicht für alle Menschen gedacht ist. Auch sind viele ehemalige Flüchtlinge inzwischen so gut hier angekommen, dass der Begriff vielleicht gar nicht mehr richtig passt. Bis wann bleibt ein Flüchtling ein Flüchtling und will auch weiterhin so genannt werden?

Unser Name in der Kritik

So haben wir Kritik von unterschiedlichen Leuten aus unterschiedlichen Perspektiven bekommen. Nicht nur Menschen, die unsere Posts mit Kommentaren von rechts versehen, sondern auch Menschen, die eher links oder liberal eingestellt sind, haben Probleme mit unserem Namen. Sie wollen Geflüchtete nicht als Gruppe benannt sehen. Manche empfinden den Namen “Flüchtling” eher als Beleidung oder Respektlosigkeit. Noch bevor sie unsere Artikel lesen, begegnen sie dem Magazin mit Vorbehalten und akzeptieren uns nicht. Mich erinnert das an ein arabisches Sprichwort, das beschreibt, wie manches Buch von seinem Titel her gelesen wird.

Tatsächlich mögen viele Geflüchtete selbst nicht mehr als Geflüchtete bezeichnet werden. Denn der Begriff sagt wenig aus über ihre individuelle Persönlichkeit mit ihrer individuellen Geschichte. Vor ein paar Monaten hat unsere Kollegin Lilli ein Interview mit einem Syrer geführt, der eine Fluchtgeschichte hat. Als dabei zur Sprache kam, dass das Interview im Flüchtling Magazin erscheinen sollte, war er damit nicht einverstanden. Schließlich sei er inzwischen kein Geflüchteter mehr. Er hat einen Arbeitsplatz und bald sollte er seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen. Nein, als Flüchtling wollte er nicht mehr in Erscheinung treten.

Mut für Veränderungen

Mit viel Hoffnung haben wir dieses Magazin gegründet, um mit dem Magazin Vorurteile abzubauen. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, dass der Name und meine Ziele nicht mehr zusammen passen. Wir als Geflüchtete haben nicht vergessen, was das Worte Flüchtling bedeuten kann und wie manche Deutsche dieses Wort benutzen und uns damit als Gruppe kennzeichnen: Entweder denken sie bei Geflüchteten nur an arme Leute, die alles verloren haben und Hilfe brauchen. Oder sie denken an Eindringlinge, die die neue Kultur ruinieren möchten.

Über all diese Erfahrungen haben wir im Team viel miteinander diskutiert. Und wir haben versucht, alle Perspektiven zu verstehen. Die Veränderung ist nicht einfach – und sie braucht Mut. Wir haben den Mut dafür. Wir verstehen uns als ein Medium für Veränderungen. Deshalb müssen wir selbst auchanfangen, uns zu verändern.

Aus diesem Grund werden wir unseren Namen verändern. Meine Kollegin Julia beschrieb das sehr treffend so: Wir sind wie ein Schmetterling, der sich aus einer Raupe entwickelt hat und wir werden uns vom “Flüchtling Magazin” zu einem Magazin entwickeln, das einen treffenderen neuen Namen trägt.

Die Raupe wird zum Schmetterling

Denn wir möchten nicht nur unsere Identität weiterentwickeln, indem wir uns nicht nur als Geflüchtete oder Leute mit Fluchtgeschichte sehen.  Wir möchten das auch mit einem veränderten Charakter des Magazins zeigen, das sich in seinem Anliegen weiterentwickelt. Das Magazin soll nicht nur als Stimme der Geflüchteten gesehen und verstanden werden, sondern auch als Stimme von St. Pauli, als Stimme von Berlin (in Zukunft ) und  Multikultur .

Für uns, die Mitarbeitenden des Magazins, ist nicht allein die Flucht ein Teil unserer Geschichte, sondern auch die Geschichte von St. Pauli. Und genau so wie wir die Erinnerung an unsere Heimat in  uns tragen, genau so lernen wir auch hier, wo wir jetzt leben. Wir lernen zum Beispiel die Werte von St. Pauli oder das Leben in Neukölln.

Mit diesen Gedanken versuchen wir auch, Vorurteile über Geflüchtete in der deutschen Gesellschaft  zu verändern: bei all jenen, die Geflüchtete nur als Gruppe sehen oder als Gefahr – und die sich mit diesem Vorurteil noch durch andere Medien und Parteien bestärkt fühlen.

Noch mehr miteinander sprechen statt übereinander

Mit unseren Veränderungen  sehen wir eine große Chance, um mehr Leute zu erreichen und mehr Veränderung in unserer Gesellschaft zu bewirken, auch über die Community hinaus. Wir wünschen uns noch mehr Offenheit füreinander, um mehr miteinander zu sprechen, nicht übereinander.

Auch möchten wir durch diese Veränderung nicht mehr als soziales Projekt gesehen werden, das wie viele Projekte für oder von Geflüchteten nur für eine begrenzte Zeit von Bedeutung ist.  Vielmehr verstehen wir uns als ein soziales Unternehmen, das für lange Zeit bleibt und sich weiter entwickelt.

Es bleibt uns wichtig, eine Stimme der Ehrenamtlichen zu sein. Denn viele von uns und von euch, die seit fünf Jahren als Ehrenamtliche mit uns arbeiten, verstehen jetzt besser, wie und warum Missverständnisse zwischen Einwohnern und Migranten entstehen. Mit diesen wichtigen Erfahrungen und Stimmen können wir Veränderungen weiter voranbringen. Wir können unser Zusammenleben stärken und unsere Sicht füreinander verändern.

Ein Name, der uns deutlicher miteinander verbindet

Mit dieser Veränderung möchten wir in unserer Arbeit professioneller werden. Wir möchten gerne mit euch diskutieren und nicht einfach nur verschiedene Meinungen akzeptieren.

Mit der Veränderung bleiben wir ein Magazin von Migranten mit Fluchtgeschichte und Ehrenamtlichen, aber mit einem anderen Name, der uns deutlicher miteinander verbindet. Lasst uns über alles weiterhin mit Respekt diskutieren und voneinander lernen.

Deswegen möchten wir euch heute mitteilen, dass wir endlich eine Entscheidung getroffen haben. Wir werden uns ab dem 30. April mit einem neuen Name präsentieren. Und um die Überraschung perfekt zu machen, bleibt der neue Name noch ein Geheimnis. Ihr werdet aber bald schon einen kleinen Vorgeschmack auf das neue Erscheinungsbild bekommen.

Wir freuen uns darauf, euch bald ein neues cooles Magazin für die Zukunft zu präsentieren.

Über Hussam Alzaher 82 Artikel
Studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen (BA). Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland und Gründer und Chefredakteur des Flüchtling-Magazins.

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