Kein Flüchtlingsdokument auf zwei Beinen!

Integration: Zwischen der Rolle des Staates und der Zivilgesellschaft

Nun könnte die Frage aufkommen, wo denn der französische Staat bei all dem sei. In Bezug auf die persönlichen Rechte der Flüchtlinge heißt es laut der Genfer Konvention, dass ihnen das Recht auf Wohnen, medizinische Versorgung, soziale und familiäre Verpflichtungen, das Recht auf Wiedervereinigung mit ihren Familien, auf Beantragung der Staatsbürgerschaft und das Recht auf Arbeit zusteht. Ab dem Moment, ab dem der Antragsteller das Recht auf Asyl erhält, ist er verpflichtet, einen zweitägigen Kurs zu machen. An diesem nehmen Flüchtlinge und Einwanderer teil. Am ersten Tag werden die Werte und Prinzipien der französischen Republik durchgenommen.

Laut des französischen Büros für Einwanderung und Integration ist das Ziel, dass die Teilnehmer die französische Gesellschaft kennenlernen. Sie sollen die Werte und Institutionen der Republik und die Rechte und Pflichten, die mit dem Leben in Frankreich verbunden sind, verstehen, um sich auf die allgemeine Integration in die französische Gesellschaft vorzubereiten. Am zweiten Tag konzentrieren sie sich auf das Leben und die Arbeitssuche in Frankreich. Es umfasst sechs Themen: Die Ansiedlung in Frankreich, die Gesundheitsversorgung, die sozialen Rechte, Bildung, die Wohnsituation und die Arbeit.

Beginn einer nationalen Strategie

Diese Kurse sind nicht nur zu kurz und zu komprimiert, was ihre Effizienz beeinflusst. Sie werden auch noch in französischer Sprache gehalten. Ein Übersetzer kann zwar hinzugezogen werden. Nur haben die Teilnehmer verschiedene Nationalitäten. Wenn dann der Dozent und mehrere Übersetzer gleichzeitig sprechen, können sie sich gut vorstellen, was dann passiert. Und was das Lernen der französischen Sprache angeht, so wird jeder einer Prüfung unterzogen, um sein Niveau festzulegen. Dann wird er einem Level zugeordnet mit einer Dauer von entweder 200, 100 oder 50 Stunden.

Level B1 darf dabei nicht überschritten werden. Der Unterricht ist also nur für Anfänger und auf eine bestimmte Anzahl von Stunden beschränkt. Das reicht nicht aus, um eine Sprache zu beherrschen. Der französische Staat ist sich dieses Defizits bewusst und arbeitet seit Jahren an einer Änderung. Im Jahr 2017 äußerte sich dazu der Flüchtlingsleiter im Innenministerium, Raphael Sodini. Er sagte, dass die Chancen, einen besseren Arbeitsplatz zu finden und die Sprache zu lernen verbessert werden müssten.

Und tatsächlich wurde mit der Ausarbeitung einer nationalen Strategie und der Errichtung einer Verwaltungsstelle begonnen. Sie ist für die Aufnahme und die Integration der Flüchtlinge verantwortlich. Zudem wurde vorgeschlagen, im Jahr 2019 das Integrationsbudget um 40 Prozent zu erhöhen. Diese Erhöhung gewährleistet die Unterstützung der Zivilgesellschaft, die für die Integration der Flüchtlinge in die französische Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung ist. Der Staat erkennt die Bedeutung dieser Rolle an und unterstützt die Initiativen, die mit Flüchtlingen arbeiten – nicht nur finanziell, auch rechtlich.

Geburt eines Flüchtlingsmarktes

Die Fachgebiete der Vereine und Institutionen, die sich auf die Begleitung von Flüchtlingen spezialisiert haben, sind unterschiedlich. Es gibt Vereine für die sofortige Reaktion, für die Rettung und die Notfallversorgung also. Die sind in Frankreich, im Vergleich zu Griechenland und Italien, nur sehr gering. Dann gibt es Vereine, die auf Recht und Verwaltung spezialisiert sind. Ebenso Vereine zur Sensibilisierung von Grundrechten und zur Bekämpfung von Diskriminierung, die für das Bewusstsein der Gastgemeinde verantwortlich sind.  Und solche für den Sprachunterricht und die Unterstützung bei der Integration. Schließlich gibt es Vereine für die berufliche Begleitung, die aufgrund ihrer wichtigen Rolle und der direkten und klaren Ergebnisse ihrer Arbeit, beträchtliche finanzielle und moralische Unterstützung in Frankreich erhalten haben. Letztere gibt es vor allem in der Hauptstadt und den Großstädten.

Betrachten wir die Finanzierungsquellen der Vereine, so wird deutlich, welche große Bedeutung sie haben. So werden von der Europäischen Union jährlich Wettbewerbe im Blick auf die effektivste Zusammenarbeit in Bezug auf Einwanderer und Flüchtlinge veranstaltet. Es gibt Seiten, auf denen staatliche und nichtstaatliche finanzielle Fördermittel angeboten werden, die internationale Organisationen und großen Unternehmen wie Total bereitstellen.

Der Wettbewerb verschärft sich

Woanders wird erklärt, wie Fördermittel beantragt und die Chancen auf den Erhalt erhöht werden. Sie erklären, wie man die Erfolgsquoten aufrecht erhält, um die Erneuerung der Finanzierung und den Zugang zu neuen Finanzierungsmöglichkeiten gewährleistet. Zusätzlich erfährt man auf anderen Seiten, wie Vereine gegründet werden, in denen die Flüchtlinge ehrenamtlich von Universitätsstudenten für ihr Abschlussprojekt oder einem Kurs begleitet werden.

Und der Wettbewerb auf diesem Markt verschärft sich. Dabei wird der Flüchtling als ein primäres Gut angesehen. Es kommt sogar manchmal dazu, dass ein konkurrierender Verein diskreditiert wird oder einige sich weigern, mit bestimmten Vereinen zu arbeiten. In jeder Teilnehmergruppe ist es wichtig, mindestens einen Teilnehmer zu finden, der als Erfolgsgeschichte genutzt werden kann.

Erfolgsgeschichten – Wettbewerbsinstrumente auf dem Markt

Erfolgsgeschichten: Ich versuche seit geraumer Zeit eine geeignete Definition für diesen legeren Begriff zu finden. Wenn wir diesen Begriff nachschlagen, lautet die Definition: “Einer oder etwas, der sehr erfolgreich geworden ist”. Oder “Etwas oder jemand, der ein Ziel erreicht hat oder Reichtum und Ruhm”. Diese Definitionen zwingen einen dazu, nach weiteren Definitionen für Erfolg, Reichtum und Ruhm zu suchen. Folgt man dann den Erfolgsgeschichten der NGOs, findet man Ratschläge für die Formulierung und die Präsentation der Erfolgsgeschichten. Wobei die sich auf das Endergebnis und nicht auf den Weg dorthin konzentrieren. Dafür nutzen sie Bilder von realen Gesichtern und vermenschlichen die Geschichten. Sie geben Ratschläge, damit man die Möglichkeit hat, aus irgendwelchen Geschichten Erfolgsgeschichten zu machen.

Die Bevormundung und das Monopol auf Flüchtlinge sind Realitäten, auf die man stößt, wenn man der Arbeit der Vereine folgt oder an deren Programme teilnimmt. Wie auf jedem Markt tauchen die Folgen der Konkurrenz ziemlich schnell auf. Wobei bei dieser Konkurrenz bestimmte Richtlinien befolgt werden müssen – auch wenn nur Gutes beabsichtigt wird. Seitdem ich ein Flüchtling bin, erlebe ich Situationen, in denen der Helfer zum Vormund wird. Schließlich denkt er, dass er kompetenter ist zu entscheiden, was besser für dich ist und was deine Interessen sind. Er denkt sogar, er versteht deine Qualen manchmal besser als du.

An dieser Stelle leihe ich mir die Geschichte einer französischen Freundin aus. Sie hatte einen kostenlosen Workshop über Kinos organisert, um den Flüchtlingen das französische Kino näher zu bringen und mit ihnen eine Diskussion darüber zu führen. Da es ihre erste Veranstaltung dieser Art war, trat sie mit Vereinen in Kontakt, die Flüchtlinge in Paris begleiten, um den Workshop vorzustellen und Zuschauer zu gewinnen.

Macht ausüben statt Mut machen

Es fiel ihr schwer, ihren Schock zu verbergen, als sie über die Reaktionen dieser Vereine sprach. Sie wurde gebeten, zunächst eine detaillierte Auskunft abzugeben. Diese sollte dann entweder angenommen und den Nutznießern vorgelegt oder aber abgelehnt werden. Und das, ohne den Flüchtlingen selbst überhaupt die Wahl zu geben. Dieses Beispiel der Bevormundung ist natürlich nicht das einizige Beispiel.

Meine persönliche Erfahrung war ähnlich, als ich einen Verein kontaktierte, der im Exil lebende Künstler in Paris betreut: Einige Studenten und ich wurden gebeten, eine Studie über Flüchtlinge durchzuführen. Daher entschieden wir uns für diesen Verein. Ich kontaktierte dort einen Freund und dann besuchten wir diesen Verein. Nachdem wir uns vorstellten, kurz den Zweck unseres Besuchs erklärten und den Wunsch äußerten, mit den Künstlern zu sprechen, rief die Ankunftsdame die Chefin an. Wütend erklärte diese, dass dieser Ort kein menschlicher Zoo sei und wir kein Recht hätten mit ihnen zu sprechen. Schließlich seien die Künstler hier, um ihr vorheriges Leben zu vergessen. Ich sagte ihr, dass ich als syrischer Flüchtling diese Verallgemeinerung ablehne, da nicht alle Flüchtlinge sich ihrer Vergangenheit entledigen oder sie vergessen wollen. Sie hätten das Recht darüber zu reden oder es abzulehnen.

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