Sorgen und Nöte eines Krankenhausarztes

Dank ihrem syrischen Kollegen ist Cornelias Kind wieder gesund. Foto: Cornelia Dürkhauser

Ausländische Patienten müssen im Krankenhaus leider oft Benachteiligungen durch medizinisches Personal in Kauf nehmen. Aber auch medizinisches Personal hat es schwer, wenn es nicht aus Deutschland stammt – und zwar gleich von zwei Seiten: Die Ablehnung kommt einerseits von deutschen Patienten, und andererseits auch von Kollegen und Vorgesetzten.

Von Cornelia Dürkhauser

Ich hatte Nachtdienst und brauchte für eine Patientin auf meiner Station einen Chirurgen. Ich wählte die Nummer des chirurgischen Dienstes. Unser syrischer Kollege meldete sich: Ramez, mit dem ich sehr gern zusammenarbeite und mit dem mich ein freundschaftliches Verhältnis verbindet.

Viel Tadel

Er kam auf meine Station mit einem großen Stapel Patientenakten unter dem Arm. „Was willst du denn mit diesen ganzen Akten?“, fragte ich ihn. „Die muss ich alle noch korrigieren heute Nacht“, seufzte er. „Die Oberärzte schimpfen mit mir und der Chefarzt auch. Sie sagen, meine Arztbriefe sind schlecht und so kann man die nicht wegschicken. Aber niemand erklärt mir, wie ich es machen soll. Immer nur so nicht, so nicht, so nicht! Und morgen früh muss ich alle fertig haben …“

Arztbriefe sind ein Kapitel für sich. Selbst deutsche Kollegen tun sich damit oft schwer, und C1 und Fachsprachenprüfung schützen leider auch nicht vor bösen Fallstricken. Damit quälte sich also unser syrischer Kollege, und niemand nahm Rücksicht und jeder schimpfte mit ihm. Es gab in unserem Krankenhaus Ärzte, die deswegen sehr schlecht über ihn sprachen, obwohl er fachlich und menschlich hervorragend ist.

Ratlosigkeit

Ramez stand also ratlos mit seinen Patientenakten und Briefen vor mir und wollte sich, nachdem er nach meiner Patientin geschaut hatte, in die Nacht verabschieden. „Komm mal mit in mein Zimmer“, bat ich ihn. „Aber nur kurz, ich habe keine Zeit“, antwortete er mit einem Blick auf den Stapel. „Ja eben, deswegen!“, lachte ich. „Komm, wir schauen uns das mal zusammen an. Was gefällt denn deinem Chef an deinen Briefen nicht?“

Gemeinsame Korrektur

Ich nahm die oberste Akte, schlug sie auf und bat ihn, sich neben mich zu setzen. Er war völlig überrascht und unheimlich dankbar, als ich begann, den ersten Brief mit ihm zusammen Satz für Satz zu korrigieren. Ich habe ihm erklärt, was er besser machen kann, und er konnte alles fragen, was unklar war. So viel Zeit hatte sich noch nie jemand für ihn genommen. Den Rest haben wir uns geteilt, für einen alleine wäre das in den verbleibenden Stunden zu viel zu viel gewesen. Zum Glück kamen uns keine großen Notfälle dazwischen.

Am nächsten Morgen legte Ramez in seiner Frühbesprechung 20 korrekte Arztbriefe vor, die der Chefarzt mürrisch entgegennahm. Einen Dank oder ein Lob erhielt er nicht. Es wurde vorausgesetzt, dass er nach einem halben Jahr an unserem Krankenhaus nun endlich den Erwartungen entsprach.

Ein krankes Kind

Einige Monate später musste mein Sohn notoperiert werden. Wieder hatte ich Nachtdienst, als meine Mutter, bei der mein Kind war, mich stündlich anrief und mir ein ums andere Mal schilderte, wie es ihm immer schlechter ging. Ich war froh, als beide endlich bei mir in der Klinik eintrafen. Tapfer ließ mein Junge alles Nötige über sich ergehen. Die Kinderärzte und ich hatten den selben Verdacht. Das chirurgische Diensttelefon wurde bemüht, und es kam wieder einmal Ramez. Auch er bestätigte die Diagnose. Mein Sohn musste noch in derselben Nacht operiert werden.

Die Vertrauensfrage

Doch vorher stellte mir Ramez eine Frage, die mich schockierte, die ich nicht verstand und die ich niemals für möglich gehalten hätte: „Bist du denn auch damit einverstanden, dass ich deinen Sohn operiere? Willst du ihn mir wirklich anvertrauen – mir, einem Flüchtling?“

Ich war sprachlos, denn ich hatte, ehrlich gesagt, in ihm noch nie den Flüchtling gesehen. Ich sehe ihn als Kollegen, als Freund, als Vater von Kindern, ein bisschen jünger als mein eigenes, als Menschen, mit dem ich zusammenarbeite, den ich mag und der mir sympathisch ist.  Warum sollte ich ihm mein Kind nicht anvertrauen? „Mein Kind ist krank und es braucht diese Operation, ich bin seine Mutter, ich hab Angst, natürlich hab ich Angst um mein Kind. Bitte hilf ihm, ich bin dir doch dankbar, wenn du ihm hilfst!“

Ramez erklärte mir daraufhin, dass er fast jeden Tag deutsche Patienten hat, die sich nicht von ihm untersuchen oder behandeln lassen wollen. Oder Eltern, die ihre Kinder wieder mitnehmen, wenn er in der Notaufnahme ist. Deshalb fragt er grundsätzlich nach …

Besonders gut

Mein Kind war noch nicht entlassen, da las ich den Arztbrief zu einem Patienten, der schon einmal in unserem Krankenhaus war und nun wieder aufgenommen wurde. Dieser Brief fiel mir auf, denn er hob sich positiv ab von vielen anderen Arztbriefen, die ich schon gelesen hatte. Er war sehr gut strukturiert und formuliert, fachlich exakt auf den Punkt gebracht, orthografisch und grammatisch fehlerfrei. Es war eine Freude, ihn zu lesen. Ich war wirklich beeindruckt!

Das Lob

Ich las Zeile um Zeile, Abschnitt um Abschnitt, ich kam zum Ende, sah die Unterschrift und – rief meinen syrischen Kollegen an: „Kannst du mal bitte kurz zu mir kommen, ich möchte dir etwas sagen!“ Ramez kam und erwartete … ich weiß nicht was, aber auf jeden Fall etwas Negatives. Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung verrieten mir das. „Du, ich bin total begeistert! Ich habe selten einen so guten Arztbrief gelesen. Das wollte ich dir unbedingt sagen, und zwar persönlich und nicht am Telefon!“, freute ich mich. „Meinst du das ernst?“, entgegnete er ganz verunsichert. „Ja, völlig ernst meine ich das. Das ist einer der besten Briefe, die ich je gelesen habe. Das hast du wirklich ganz hervorragend gemacht!“

Ich habe selten einen Menschen gesehen, der sich über ein paar wenige Worte so sehr gefreut hat.

Mein Kind übrigens hat alles gut überstanden und ist wohlbehalten und gesund wieder zu Hause. Vielen lieben Dank, Ramez!

Über die Autoin:

Cornelia ist Ärztin und leitete einige Jahre den Aufbau eines Krankenhauses in Kambodscha. Heute ist sie in einer Klinik in Sachsen angestellt. Seit 2015 engagiert sie sich für geflüchtete Menschen in Deutschland, indem sie unter anderem eine Ambulanz in einer Erstaufnahmeeinrichtung gründete. Für das Flüchtling-Magazin schreibt sie über den alltäglichen Rassismus, den sie in dieser Arbeit erlebt, aber auch über kleine Lichtblicke.

„In einem Klima der Ablehnung im Osten Deutschlands gibt es nicht viele Möglichkeiten, über Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe zu sprechen. Das Schreiben gibt mir die Chance, zu reflektieren und meine Gedanken mitzuteilen. Außerdem gefällt mir das Konzept des Flüchtling-Magazin: Von  Geflüchteten für alle, nicht über- sondern miteinander reden – genau meins!”

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