Ein Leben auf der Flucht

Foto: Simon Sun via Unsplash unter CC BY-SA 3.0-Lizenz.

Seit drei Jahren lebt Zahra in Deutschland. Ihre Familie kommt aus Afghanistan. Dort aber konnten sie nicht leben. Gemeinsam haben sie viel versucht, um anderswo eine sichere Bleibe zu finden – und viele Rückschläge erlebt. Trotz großer Anstrengungen und Gefahren hat Zahra ihren Glauben an die Chance der Veränderung nie ganz verloren. Im Rückblick erzählt sie von ihren Erlebnissen.

Von Zahra*

Mein Name ist Zahra. Ich bin 30 Jahre alt. Ich komme aus Afghanistan. Geboren und aufgewachsen bin ich im Iran. Meine Eltern lebten schon 35 Jahre als Flüchtlinge im Iran. Vor drei Jahren bin ich nach Deutschland gekommen. Ich bin im Iran bis zum Abitur zur Schule gegangen. Leider durfte ich nach dem Abitur nicht zur Universität gehen. Es war verboten, als Flüchtlinge an der Universität zu studieren.

In der der Schule war ich immer unter Druck, weil ich ein afghanisches Mädchen war. Die Lehrerin und die Kinder haben mich beleidigt. Wir hatten keine Unterstützung vom Staat. Mein Vater musste sehr viel arbeiten und für die Schule selber bezahlen. Das war sehr teuer.

Hoffnung auf Europa

Damals war mein Onkel mit seiner Frau und den Kindern in Europa. Die Lebenssituation von ihnen war viel besser. Zum Beispiel konnte meine Cousine kostenlos zur Schule gehen. Danach hatte sie gearbeitet und eine Karriere gemacht.
Ich hatte schon als Kind den Wunsch in Europa zu leben. Und zur Schule zu gehen. Ich wollte einen guten Job finden und eine gute Arbeit.

Leider konnten wir auch nicht nach Afghanistan zurückgehen. Dort war immer noch Krieg. Außerdem hatten wir keine Unterkunft und kein Geld. Im 2014 haben wir uns entschlossen zu fliehen, und wir haben unseren Hausrat verkauft. Wir haben, um eine bessere Zukunft zu haben, eine abenteuerliche und gefährliche Reise nach Europa gewagt. Auf dem Weg habe ich schreckliche Dinge erlebt. Es gab viele Leichen. Ich habe viele tote Männer, Frauen und Kinder gesehen

Schockiert von Afghanistan

In der Türkei – unser erstes Land, in das wir kamen – wurden wir von der Polizei festgenommen und nach Afghanistan zurückgeschickt. Das war mein erster Besuch von  meinem Heimatland. Ich war schockiert. Die Männer sahen die Frauen ganz anders an, wenn sie keine Burka trugen. Es war ein sehr unschöner Blick. Mir hat es Angst gemacht.

Ich hatte das Gefühl, dass meines  Land einhundert Jahre zurück war in seiner Entwicklung: Es gab keine Geräte, um sich etwas warm zu machen und kein heißes Wasser in der Wasserleitung. Man konnte nicht zuhause duschen. Der Strom war nicht immer da, nur zwei Stunden lang am Tag oder nachts. Die Straßen waren schmutzig. An jeder Ecke lag Müll. Es gab keine Mülltonnen.

Bei Null neu anfangen im Iran

Ich bin der Ansicht, dass man in Afghanistan überall nur schwarz sieht, nur den Schmutz sieht. Ich könnte da nicht leben. Nach einer Woche sind wir noch einmal in den Iran gereist. Wir wollten ein zweites Mal versuchen, nach Europa zu kommen.
Leider hat sich mein Vater bei diesem Versuch in den Bergen seinen Fuß gebrochen. Also hat dieser Versuch auch nicht geklappt. Danach haben wir uns überwunden und sind wieder in den Iran gewandert.

Wir hatten alles Geld ausgegeben. Wir waren ohne Geld, ohne Unterkunft, ohne Hausrat. Mein Vater konnte nicht mehr arbeiten. Das war die schwierigste Zeit für mich und meine Familie. Mein Bruder und ich sahen uns gezwungen, zur Arbeit zu gehen und Geld zu verdienen, um leben zu können. Ein neues Leben. Wir haben bei Null angefangen. Es war anstrengend.

Arbeit statt Schule

Zuerst habe ich drei Monate bei einer Schneiderin gearbeitet. Der Tag begann um 8 Uhr und dauerte bis 20 Uhr am Abend, auch am Wochenende. Nach drei Monaten hat die Ladenbesitzerin ihren Laden geschlossen, und ich war einen Monat arbeitslos. Mein Bruder hat auch einen Job gefunden, aber er hat nicht viel verdient. Da er unter 18 Jahre alt war musste er zur Schule gehen. Aber wegen der herrschenden Umstände konnte er nicht weiter zur Schule gehen und musste arbeiten. Er arbeitete von 6 Uhr morgens bis 21 Uhr.

Obwohl sein Arbeitgeber ihn nicht jeden Monat voll bezahlt hat, hat mein Bruder dort ein Jahr gearbeitet. Nach einem Monat habe ich eine neue Stelle gefunden. Ich habe ein Jahr als Verkäuferin im Bereich Schreibwaren gearbeitet. Dann habe ich mich verlobt. Mein zukünftiger Mann war allerdings in Deutschland.

Hochzeit im Iran

Mein Onkel wohnt neben den Eltern meines Mann in Mashhad im Iran. Damals suchten die Eltern meines Mann nach eine Frau für ihren Sohn und fragten meinen Onkel und seine Frau, ob sie eine nette Frau kennen. Mein Onkel und seine Frau wussten, dass ich den Traum hatte, in Europa zu leben. Deswegen stellten mein Onkel und seine Frau mich dieser Familie vor. Ich begann, per WhatsApp Gespräche mit meinem Mann zu führen. Danach kam er in den Iran und wir trafen uns zum ersten Mal. Nach ein paar Treffen habe ich Ja gesagt. Vier Monate später hatten wir eine Hochzeitsparty im Iran.

Auf der einen Seite habe ich mich sehr gefreut, dass mein Mann in Deutschland war. In Deutschland zu leben, war lange schon mein Traum. Andererseits hatte ich Angst, weil ich wegen meines Visums und der Dokumente nach Afghanistan reisen musste. Doch am Ende bin ich alleine nach Afghanistan gereist und habe vier Monaten dort gelebt. Es war sehr schwer und anstrengend, weil damals Winter war. Ich hatte viele Probleme, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich hatte die Hoffnung, irgendwann fliege ich nach Deutschland.

Endlich in Deutschland

Ich habe mein Visum nach vier Monaten bekommen und mein Ziel erreicht, nach Deutschland zu kommen. Jetzt möchte ich die deutsche Sprache ganz gut lernen und fließend sprechen. Ich möchte eine gute Ausbildung machen und einen guten Job finden, um meiner Familie zu helfen. Weil zur Zeit im Iran eine schlimme Situation herrscht und die Lebensmittel sehr teuer sind, sorge ich mich um meine Eltern. Ich kann nachts nicht gut schlafen, und ich denke immer was mit meinen Eltern und meinem Bruder im Iran im Krieg passiert.

* Zahra ist ein Pseudonym. Die Autorin möchte anonym bleiben. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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