Integriere dich!

Eine Utopie von Inklusion. Illustration: Eugenia Loginova

Man hört und liest viel von Integration. Ausländer, Geflüchtete sollen sich integrieren, aber auch Behinderte, Homosexuelle oder Andersdenkende. „Integriere dich!“, wird gefordert. Du gehörst zu einer Minderheit, also passe dich der Mehrheit an, wenn du dazugehören willst! Und wenn du es nicht machst, dann bist du selber schuld. Aber kann man Integration wirklich auf so eine „einfache“ Formel reduzieren? Was ist Integration überhaupt?

Von Cornelia Dürkhauser

Es gibt ganz wissenschaftliche Antworten auf diese Frage: Integration beschreibt allgemein die soziale Einbeziehung bisher ausgeschlossener Individuen oder Gruppen. Davon zu unterscheiden ist die Inklusion (Einschluss von Menschen in die Gesellschaft mit dem Ziel, Ungleichheiten abzubauen) und die Assimilation (nahezu komplettes, unter Umständen sogar zwangsweise Angleichen einer gesellschaftlichen Gruppe an eine andere).

Und es gibt alltägliche, praktische Antworten: Meiner Meinung nach bedeutet Integration in erster Linie Chancengleichheit. Jeder Mensch sollte alle Chancen haben, um das gleiche erreichen zu können wie der andere. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, diese Chancen zu schaffen und dabei aktiv auf die zu Integrierenden zuzugehen. Natürlich hat derjenige, der neu hinzukommt, Pflichten und Aufgaben. Aber Integration ist nie nur Aufgabe derer, die bisher ausgeschlossen waren, sondern immer auch Aufgabe derjenigen, die zur Mehrheit gehören. Dieser Aspekt wird in der deutschen Gesellschaft allzu oft vernachlässigt. Man fordert, die Geflüchteten sollen sich anpassen und die Sprache lernen. Man meint, wer Deutsch kann, die Verfassung respektiert  und einen Arbeitsplatz hat, ist gut integriert. Doch ist das wirklich so?

Sprache und Arbeit = integriert?

Ich unterhielt mich neulich mit einem jungen Mann, der 2015 nach Deutschland kam und seither in einer sächsischen Kleinstadt lebt. Dort gibt es nur sehr wenige Geflüchtete und eine haupt- oder ehrenamtliche Infrastruktur zur Unterstützung ist kaum verfügbar. Er ist über ein Praktikum nahtlos an seine jetzige Arbeitsstelle gekommen, wo er, im Drei-Schicht-System arbeitend, dasselbe verdient wie seine deutschen Kollegen. Sein Chef ist voll des Lobes, und auch er selbst ist mit der Arbeit sehr zufrieden. Sein hervorragendes Deutsch brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Ein Musterbeispiel an Integration also?

Ich unterhielt mich aber etwas länger mit ihm und erfuhr, dass er in seiner Wohnung in der sächsischen Kleinstadt den ganzen Tag alleine ist, weil er keine Freunde hat, die ihn besuchen  kommen oder die er besuchen könnte. Ich erfuhr, dass die Einheimischen seinen Gruß nicht erwidern. Dass er im Bus argwöhnisch beäugt wird und er nach Einbruch der Dunkelheit vermeidet, auf die Straße zu gehen, weil er Angst vor Übergriffen hat. Das bereitet ihm große Probleme, wenn er von der Spätschicht kommt oder zur Nachtschicht muss oder von der Nachtschicht nach Hause geht. Dann hat er große Angst und ist froh, wieder sicher in seiner Wohnung zu sein, in der er sich dann aber wieder seiner Einsamkeit bewusst wird.

Ich erfuhr, dass er im lokalen Fußballverein eine Außenseiterrolle hatte, weil er wegen seiner Schichtarbeit nicht regelmäßig am Training teilnehmen konnte. Weil er nicht regelmäßig trainierte, wurde er von anderen Vereinsaktivitäten bewusst ausgeschlossen. Ich erfuhr, dass er ein Ekzem auf seiner Haut hat und auch gern einen HNO-Arzt aufsuchen würde, aber dass spätestens dann, wenn er seinen Namen sagt, keine Termine verfügbar sind.  Einmal hatte er ein halbes Jahr auf einen Termin gewartet und dann einen Tag vorher von der Praxis ohne Begründung einfach eine Absage bekommen. (*)

Fühlt sich dieser junge Mann integriert, aufgenommen, angenommen? Ganz klar: nein! Doch das liegt nicht an ihm. Er tut, was er kann, aber er hat keine Chance, um weiter voranzukommen. Er kann sich noch so viel Mühe geben, um dazuzugehören. Es wird ihm nie gelingen, solange man ihn nicht dazugehören lässt!

Integration als gesellschaftliche Aufgabe

Hier ist unsere Gesellschaft gefordert, und unsere Gesellschaft, das sind wir alle. Mit ein bisschen mehr Offenheit, mit ein bisschen mehr Toleranz, mit ein bisschen mehr Empathie wäre das Leben für diesen jungen Mann und seine Leidensgenossen sehr viel einfacher.

Aber solange der Fahrlehrer rassistische Bemerkungen über den Fahrstil im Herkunftsland seines Schülers macht, ohne je dort gewesen zu sein. Solange der an der Haltestelle wartende Flüchtling von einem aussteigenden Fahrgast grundlos zusammengeschlagen wird und bei der medizinischen Versorgung, bei der Wohnungssuche, beim Finden einer Arbeitsstelle oder eines Studienplatzes die Herkunft eine Rolle spielt (*). Solange im Alltag der Name zu fremd, die Haut zu dunkel, die Haare zu schwarz sind und es keine Chancengleichheit für alle hier lebenden Menschen gibt, sind wir noch weit von Integration entfernt. Und erst recht von Inklusion. Denn solange die Unterschiede explizit betont und dazu benutzt werden, um sich bewusst von „denen da“ abzugrenzen, hat die deutsche Gesellschaft noch nicht einmal im Ansatz ihre Rolle bei der Integration verstanden, geschweige denn, ihre Aufgaben erledigt.

Der Ruf nach Assimilation ist gefährlich

Nicht selten hört man auch die Forderung nach Assimilation. Wenn alle Fremden genau wie die Deutschen wären, wäre das nicht die höchste Form von Integration?  Nein, der Ruf nach Assimilation ist gefährlich, denn hier wird erstens wieder von unser aller Verantwortung abgelenkt und die Wichtigkeit unserer  Rolle beim Integrationsprozess negiert. Und zweitens kann sich nur derjenige integrieren, der sich seiner eigenen Herkunft bewusst ist, der seine eigene Persönlichkeit behält, seine Identität nicht aufgibt. Nur wer seine Wurzeln pflegt, kann auch in der Fremde wachsen.

Fazit

Integration ist keine Einbahnstraße. Sie ist ein von allen Seiten ausgehender und in viele Richtungen weisender Prozess, der idealer Weise in Inklusion, also echter Zugehörigkeit mündet. Das würde die Forderung nach Assimilation überflüssig machen. Aber davon sind wir leider noch weit entfernt.

(*) Sämtliche Beispiele sind real und betreffen Flüchtlinge, die ich begleite.

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