Das Gefühl ein Flüchtling zu sein

Sabrina Yusufi. Foto: Privat.

Sabrina aus Afghanistan berichtet in einem Brief über ihr Gefühl in der Fremde: “wir sind gezwungen, Flüchtling zu sein”.

Von Sabrina Yusufi*

Beschreibung einer Depression

Nicht nur als Flüchtling gibt es dieses Gefühl: du bist am Wochenende zu deiner Lieblingsfamilie eingeladen. Die ganze Woche über hast du dich darauf gefreut und darüber nachgedacht, welche Kleidung du tragen willst, welche Farben zueinander passen. Du hast dir vorgestellt, wie ihr zusammen Erinnerungsfotos macht. Und du hast dich gefragt, was du mitbringen sollst, Kekse oder Blumen. Aber dann, wenn der Tag kommt, kannst du nicht nach draußen. Du fühlst  dich verschlossen, fühlst du dich so, als ob dich jemand festgenommen hätte.  Du kannst nicht vom Bett aufstehen, bleibst einfach den ganzen Tag liegen. Dieses komische Gefühl, dass du nicht atmen kannst, heißt Depression.

Keiner möchte Flüchtling sein

Eine Frau hat gesagt, ich hasse Flüchtlinge. Ich habe gesagt, ja! Flüchtlinge hassen auch, dass sie Flüchtlinge sind. Das ist nicht unser Lieblingsname oder unser Lieblingswort. Ich hasse es auch. Aber wir sind gezwungen, Flüchlinge zu sein und Flüchtlinge genannt zu werden. Flüchtling zu sein macht mir keinen Spaß. Ich bin hier alleine, meine Mutter ist in Berlin alleine. Wir sind von unserer Familie, unseren Verwandten und unseren Freunden getrennt. Unsere Heimat ist fern.

Eigentlich müsste ich in meinem Alter anfangen zu arbeiten, aber ich habe gerade erst mit dem Studienkolleg begonnen. Ich kann meine Tante oder meinen Onkel nicht besuchen, wenn mir langweilig ist. Unsere zwei Feste muss ich hier allein feiern. Ich bin nicht schuld an dem, was passiert. Dieses Wort – Flüchtling – trägt alle Schuld. Wie kann ich dieses Wort mögen? Ich hasse dieses Wort genauso wie du…

Und es ist weder deine Schuld, dass ich Flüchtling bin, noch ist es meine Schuld. Das ist einfach Politik und ihr Spiel.

Sabrina

07.09.2019

*Sabrina Yusufi lebt seit 4 Jahren in Deutschland. Sie studiert am Studientkolleg in Hamburg. Sabrina hat diesen Brief geschrieben, weil ich damals auch dieses Gefühl hatte und es mir ähnlich ging.

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