Deutsche Freunde als Gastgeber

Freunde oder Fremde. Foto:Sidharth Bhatia via Unsplash unter CC 0 Lizenz

Meiner Meinung nach hat jede kulturelle Tradition ihre Vor- und Nachteile. Ich bin nicht hier um zu sagen, was besser ist, sondern um unterschiedliche Traditionen zu beschreiben. So können uns die Unterschiede  bewusster werden. Das würde uns dabei helfen, respektvoll und auf gute Weise miteinander umzugehen. Denn manchmal wird von dem einen etwas als gut angesehen, von dem anderen aber als unhöflich. Heute möchte ich über meine Erfahrungen mit meinen deutschen Freunden als Gastgebern schreiben.

Eine Kolumne von Maen Elhemmeh

Zur Vereinfachung habe ich die üblichen Verhaltensweisen bei gegenseitigen Besuchen in drei Phasen unterteilt: Planung – Während des Besuchs – Nach dem Besuch. Heute geht es um die Planung.

Einladung per E-Mail

Wenige Monate nach meiner Ankunft in Deutschland wollte mein bester deutscher Freund ein Kaffeetrinken mit mir organisieren. Er hat mich nicht mal telefonisch angerufen, sondern alle Details in einer E-Mail verschickt. Für mich war das ein sehr kaltes und klares Zeichen dafür, dass er mich nicht als guten Freund ansah. Ich glaubte, dass gute Freunde andere per Telefon einladen, nicht per E-Mail.  Als arabische Person habe ich in den letzten 20 Jahren dreimal E-Mails in persönlichen Angelegenheiten geschrieben. Aus diesem Grund schickte ich eine Woche später meine Antwort, weil ich mir nicht sicher war, wie ich reagieren sollte!

Nicht nur das; er erwähnte sogar in seiner E-Mail, von wann bis wann er frei sein würde. Eine genaue Startzeit für den Besuch festzulegen war nicht schön. Freunde tun das nicht, dachte ich. Es war für mich auch eine ungewöhnliche Art, die Besuchsdauer mitzuteilen. Nach meiner ursprünglichen Auffassung beträgt die typische Besuchsdauer 2-3 Stunden. Wenn der Gastgeber sie verkürzen möchte, beschleunigt er den Bewirtungsprozess. Bietet er beispielsweise arabischen Kaffee an und trinkt ihn sehr schnell, so signalisiert er, dass der Besuch beendet ist.

Für mich war auch sehr seltsam, dass der Freund mir diese E-Mail 3 Wochen vor unserem Treffen geschickt hat. Das empfand ich als ein Zeichen der Arroganz, oder als würde er diesen Besuch als Geschäftsbesuch ansehen.

Wirklich schön in seiner E-Mail fand ich, dass er mich nach meinen Essgewohnheiten fragte. Er wollte wissen, ob ich bestimmte Essgewohnheiten befolge, die normalerweise niemand aus meiner Kultur hätte. Sie könnten ein bestimmtes Essen vorschlagen, um es zuzubereiten.

Einladung auf arabisch

Was wäre, wenn ich Freunde zu einem solchen Treffen oder Abendessen einladen würde?

Ich würde 2–3 Tage vorher telefonisch anrufen und für irgendeinen Abend einen Termin ohne eindeutigen Start- und Endpunkt vereinbaren. Was würden sie wohl als chaotischen und ungeplanten Lebensstil bezeichnen?

Ausblick

Ich erwähnte bisher drei Unterschiede, die ganz oder teilweise bei der Planung eines gemeinsamen Treffens zwischen Menschen aus der deutschen Kultur und Menschen aus dem Nahen Osten auftreten könnten.

Was ist mit dem Besuch selbst? Darüber möchte ich in einem nächsten Text im Flüchtling-Magazin sprechen.

Und denkt immer daran: Seid ihr euch bewusst, urteilt nicht, seid ihr neugierig, fragt nach.

Maen Elhemmeh in einem Workshop. Foto: Mahmoud Aryan
Maen Elhemmeh in einem Workshop. Foto: Mahmoud Aryan

Maen ist Projektmanager, Berater und Aktivist. Er arbeitet heute in der IT-Branche, hat mehrere soziale Initiativen gegründet und war Hochschuldozent. Seit er 2016 aus Syrien nach Deutschland kam, beschäftigt er sich mit interkultureller Kommunikation. Für das Flüchtling-Magazin schreibt er über kulturelle Missverständnisse und gibt Tipps, um sie zu lösen – immer mit einem Augenzwinkern.

„Ich glaube an gegenseitiges Verstehen und dass jede Kultur ihre eigene Brille hat, es gibt nichts Richtiges oder Falsches, solange es keine Gewalt und Respekt vor den Menschenrechten gibt. Als Mensch, der zwischen diesen beiden Gesellschaften lebt, kann ich Vorurteile von beiden Seiten sehen und hören. Es ist mir wichtig, ein neues Verständnis für beide Seiten zu fördern.“

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