Ein Tabu, das Leben zerstört

Zahra. Bid von Ziad Znklow

Zahra bricht ein Tabu. Ihre Geschichte ist keine Fluchtgeschichte. Zahra ist legal im Wege des Familiennachzugs im Jahr 2016 eingereist. Die „Rücknahmeverfügung“ der Stadt, in der sie wohnt, ausgestellt nicht ganz drei Jahre später, erreicht sie wie der Blitz aus heiterem Himmel. Seitdem befindet sich Zahra im Ausnahmezustand. Sie hat entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

Von Zahra und Marta Ana Bougain

Zahra ist bereit ein Tabu zu brechen und an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir treffen uns zum ersten Mal Mitte Juli 2019. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, begleitet von dem Mann, der uns beide zusammengebracht hat. Zahra und ich werden ihre Geschichte aufschreiben, so ist die Vereinbarung. Bei unseren drei Treffen stehen wir beide am Flip-Chart.  Zahra mit Stift, ich mit Tonbandgerät. Zahra unterstützt ihre Erzählung mit schriftlichen Ergänzungen. Ich korrigiere ab und zu ihre Schreibweise und wir übersetzen gemeinsam vom Englischen ins Deutsche, falls der Wortschatz in Deutsch nicht ausreicht. Alles ist dokumentiert als Tonaufzeichnung, jeder Atemzug, jeder Schriftzug, jeder stille Moment, jedes gesprochene Wort.

Zarahs Herkunft

»Keine afghanische Frau, keine moslemische Frau soll das erleben, was ich erlebt habe. Ich will, dass andere Frauen wissen, was die afghanische Kultur für uns Frauen bereithalten kann. Ich weiß, dass ich ein Tabu breche, aber das ist es mir wert. Für mich und für alle Frauen aus Afghanistan, Iran und Syrien.«

Zahra hat noch drei Brüder und ist in Idlib/Afghanistan geboren. Ihre Eltern entscheiden sich fünf Jahre nach ihrer Geburt, die Heimat zu verlassen und in Isfahan/Iran eine neue Existenz aufzubauen. Zahra geht hier zur Schule, besteht das Abitur und studiert erfolgreich Ökonomie.  Ihre Promotion wurde im Oktober 2016 als einem deutschen Abschluss gleichwertig anerkannt. Zahra ist als 33-jährige Frau längst im heiratsfähigen Alter, als die Familien eine „Salonheirat“ arrangieren.

Heirat mit Ehsan

Der zukünftige Ehemann lebt seit vielen Jahren in Deutschland und besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Mutter fliegt mit ihrem Sohn in den Iran. Zahra und Ehsan werden einander vorgestellt und haben zwei Wochen Zeit, um sich kennenzulernen. Ein einziges Mal wird ihnen erlaubt, ohne Beisein der Familie für eine halbe Stunde miteinander zu sprechen und in einem Coffeeshop einen Kaffee zu trinken. Dann ist es entschieden.

Die Heirat findet in Isfahan/Iran statt, viele hundert Gäste sind geladen, alles in guter afghanischer Tradition. Ihre Freundinnen beneiden sie um diese schöne, romantische Hochzeit. Dann sind sie zum ersten Mal wirklich allein.  Zahras Zimmer in der elterlichen Wohnung ist jetzt ihr Rückzugsort.  Zahra war Jungfrau und Ehsan nahm große Rücksicht auf sie und bestand nicht auf den Vollzug der Ehe. Jeden Tag besuchte er sie, brachte ihr Blumen, küsste sie liebevoll und unternahm lange Spaziergänge mit ihr. Über Sexualität sprachen sie viel und ausgiebig. Aber immer wieder gab es für ihren Ehemann Gründe, nicht mit ihr zu schlafen, auch wenn Zahra Möglichkeiten dafür schaffte.

» Es ist schwierig für uns, in dieser Wohnung, wo auch Deine Familie lebt«.

»Ich habe Angst, dass Du ein Baby bekommst und noch nicht in Deutschland bist«.

Ja, Ehsan war ein guter und rücksichtsvoller Mann. Ein einziges Mal wurde sie aufmerksam und auch ein wenig misstrauisch. Sie entdeckte eine anatomische Unregelmäßigkeit bei Ehsan, aber auch dafür hatte er eine gute Erklärung. Er blieb liebevoll und Zahra war beruhigt. Daran lag es also nicht, dass er nicht mit ihr schlief.

Erste gemeinsame Zeit in Deutschland

Ein paar Wochen später flog Ehsan nach Deutschland zurück mit dem Versprechen, sie nachzuholen. Nach knapp zwei Jahren war es soweit. Zahra kam in Deutschland an. Eine wunderbare Wohnung war vorbereitet und vollständig eingerichtet. Im gleichen großen Haus, in dem auch Ehsans Mutter und seine Brüder wohnten. Ehsan und Zahra hatten ihr erstes gemeinsames Zuhause. Während vieler Telefonate hatten sie sich ausgemalt, wie es sein würde, endlich zusammen leben zu können. Irgendwann war es Zeit, das große, schöne Bett im Schlafzimmer einzuweihen.  Zu Zahras großer Überraschung erklärte Ehsan, dass er im Moment ganz und gar nicht imstande dazu sei:

» Ich habe so große Probleme mit meinem Chef, ich bin so depressiv, ich kann nicht.«

Nach dem langen Flug war auch Zahra müde; sie beruhigte ihn und versprach mit ihm zum Arzt zu gehen, damit er etwas gegen seine Depression tun kann. Es wurde nicht besser. Sie hatten keinen Sex. Zahra begann, sich Gedanken zu machen. Aber dabei blieb es.

Nach drei Monaten flog sie nach Isfahan zurück, um ihr Studium abzuschließen. Ehsan und sie kommunizierten viel über Whatsapp. Kleine Aufmerksamkeiten, jeden Tag. Ende des Monats kam vormittags eine whatsapp, die sie nicht verstand und unruhig machte:

» Zahra, du bist ein sehr gutes Mädchen und sehr nett, es tut mir leid.«

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