Westwind hilft – volle Fahrt voraus!

Westwind bietet Fahrräder für Bedürftige, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Foto: Hanna*

Der Verein Westwind Hamburg e.V. stellt Fahrräder für bedürftige Menschen zur Verfügung. Damit ermöglicht er ihnen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. So haben bereits 1.400 Fahrräder ein neues Zuhause gefunden.

Von Hanna*

Westwind wurde im Jahr 2015 gegründet, als viele Menschen nach Deutschland geflüchtet sind. „Ausschlaggebend war die Idee, den Geflüchteten durch die kostenfreie Ausgabe von gespendeten Fahrrädern gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen“, erzählt Gründer Christian Großeholz. Der Fahrradmechaniker macht die Fahrräder mit  Unterstützung von Ehrenamtlichen verkehrssicher. Dann verteilt er sie an Bedürftige. „Anfangs ging es vor allem auch darum, geflüchteten Menschen aus abgelegenen Unterkünften Mobilität und Unabhängigkeit zu verleihen, damit sie uneingeschränkt am Stadtleben teilnehmen konnten“, so Christian. Nach und nach hat sich das Angebot auch auf andere sozial benachteiligte Gruppen ausgeweitet. Jeder, der einen Flüchtlingsausweis oder Bedürftigkeitsschein besitzt, kann ein Fahrrad bekommen.

Nachfrage bei Westwind

Die Geflüchteten haben das Angebot positiv aufgenommen und die Nachfrage war groß. Auf die Frage, ob es unter ihnen auch Ängste oder Sorgen zum Thema Fahrradfahren gab, antwortet Christian schmunzelnd: „Leider nicht.“  Tatsächlich hätte er sich mehr Bedenken von den Geflüchteten gewünscht. Denn  die meisten kennen die Verkehrsregeln nicht und konnten teilweise nicht richtig Fahrradfahren. Deshalb bietet Westwind nun auch Fahrradkurse und Touren an. Weil viele der begeisterten Fahrradfahrer männlich sind, gibt es auch Fahrradkurse speziell für Frauen: „Der Gedanke dahinter war, einen ‚sicheren Ort‘ für Frauen zu schaffen, wo sie das Fahrradfahren üben können ohne Angst zu haben, von den Männern ausgelacht zu werden“, so Christian. Die Teilnahme an diesen Kursen ist jedoch nach wie vor gering.

Erfolgsgeschichten bei Westwind

Von 2015 bis heute gab es viele Erfolgsgeschichten bei Westwind: „Wir hatten zum Beispiel einen syrischen Praktikanten, der sich jahrelang für die Arbeit bei uns begeistert hat und nun in der Ausbildung ist,“ erinnert sich Christian. Für ihn gibt es einen klaren Sieger, wenn er über besonders schöne Ereignisse seit Beginn des Projektes nachdenkt: „Es ist immer wieder toll zu sehen, wie sich die Kinder über ihr neues Fahrrad freuen!“

Negative Aspekte

Allerdings gibt es auch negative Aspekte, die sich seit 2015 nicht geändert haben: „Einige Geflüchtete  sind der Meinung, dass sie Anspruch auf ein Fahrrad haben. Das ist natürlich nicht so. Aber das wollen einige nicht akzeptieren.“ Außerdem gab es viele Fälle von „bestellt und nicht abgeholt“ – Menschen wünschen sich ein Fahrrad und kommen auf die Warteliste. Wenn es dann soweit ist, wird es nicht abgeholt: „Neulich wurden fünf Fahrräder von uns zur Verfügung gestellt und kein einziges davon wurde abgeholt. Das ist sehr frustrierend. Es gab auch schon Zeiten, wo ich aufgrund von solchen Erfahrungen am liebsten alles hingeschmissen hätte“, erzählt Christian. Doch so weit ist es zum Glück nicht gekommen.

Hilfsbereitschaft der Deutschen heute

Häufig behaupten Menschen in Diskussionen zum Thema Willkommenskultur, dass die Hilfsbereitschaft der Deutschen zurückgegangen ist.  Besonders im Vergleich von 2015 zu heute. Christian stimmt dem nicht ganz zu: „Im Jahr 2015 gab es sozusagen einen ‚Hype‘ der durch die zahlreichen Medienberichte geschürt wurde und viele Menschen dazu bewegt hat, mitzuhelfen. Das ist natürlich mit der Zeit weniger geworden und nur der harte Kern ist geblieben.“ Das sind die Menschen, die wirklich hilfsbereit und anteilnehmend sind. Und das hat sich nicht geändert. Dieser Teil der Gesellschaft lässt sich nicht so leicht abschrecken. „Bei Westwind gab es niemanden, der aufgrund von negativen Erfahrungen aufgehört hat. Jedenfalls hat das noch nie jemand offen so gesagt,“ meint Christian.

Unterstützung für Westwind

Christian ist davon überzeugt, dass es in Deutschland schon immer eine Willkommenskultur gab und noch immer gibt. Er findet den Begriff allerdings zu allgemein. „Genau wie der Begriff ‚Gutmensch‘. Es gibt immer Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen und Stadtteilen. In manchen war es schon immer ganz normal, mit Migranten zusammenzuleben, in anderen nicht so sehr.“ Bei Westwind hat die Hilfsbereitschaft auf jeden Fall noch kein Ende. Die Nachfrage nach Fahrrädern ist nach wie vor hoch und Christian ist immer noch voller Eifer dabei. Allerdings ist der Verein auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen: „Wir sind immer auf der Suche nach Freiwilligen! Man braucht dazu keine besonderen Fähigkeiten – man sollte nur Fahrradfahren können und körperlich belastbar sein. Wir brauchen hauptsächlich Unterstützung bei der Ausgabe von Fahrrädern. Da muss man höchstens mal einen Sattel einstellen.“ Der Verein nimmt auch gerne Praktikanten, die lernbereit sind und tatkräftig mit anpacken wollen.

Für weitere Informationen: www.westwindhamburg.de

* Unsere Autorin möchte ihren Nachnamen nicht nennen. Der Redaktion ist ihr voller Name bekannt.

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