„Die CDU will das Miteinander fördern“

Der CDU-Politiker Baris Karabacak. Foto: Sophie Martin

Der studierte BWLer Baris Karabacak (31) ist leidenschaftlicher CDU-Politiker, Vorstandsvorsitzender seines Vereins Brücken der Kulturen e.V. und hat selber einen Migrationshintergrund mit Wurzeln in der Türkei. Bei einer Tasse Kaffee unterhielten wir uns darüber, welche Voraussetzungen seiner Meinung nach erfüllt sein müssen, damit Integration gelingen kann, was ihm sein ehrenamtliches Engagement bedeutet und was er über die aktuelle Willkommenskultur in Deutschland denkt. Und Baris Karabacak hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht: Während des Wahlkampfes letztes Jahr wurde er Opfer rechter Hetze, hatte Angst um sein Leben. Wie er diese Krise gemeistert hat und was er sich für seine politische Zukunft wünscht, davon erzählt er in dem folgenden Gespräch.

Interview von Sophie Laura Martin

Im Oktober 2012 habe ich den Verein Brücken der Kulturen e.V. mitgegründet. Ich habe selber einen Migrationshintergrund, komme aus der Türkei, bin in der dritten Generation hier in Deutschland und in Pinneberg großgeworden. Mich zu integrieren, ist mir immer leichtgefallen, weil meine Eltern eben diese Integration sehr gefördert haben, dafür bin ich ihnen dankbar. Ich bin zweisprachig und bikulturell aufgewachsen, kenne beide Kulturen, sowohl die deutsche als auch die türkische. Ich habe aber gesehen, dass dies bei anderen Menschen mit Migrationshintergrund nicht so ist, vor allem nicht bei den Jugendlichen. Sie sind oft schon in vierter Generation hier, aber sich zu integrieren, ist schwer für sie. Mir ist aufgefallen, dass die Sprache sich zurückentwickelt hat, sowohl die Muttersprache als auch die deutsche Sprache. Um gerade diese Jugendlichen bei ihrer Integration zu unterstützen, haben wir also den Verein Brücken der Kulturen gegründet.

Der Verein Brücken der Kulturen

Wir bieten beispielsweise Tanzkurse aus verschiedenen Ländern an, aktuell läuft ein indischer Tanzkurs, der von den Kids auch sehr gut angenommen wird. Ergänz wird dieses Angebot durch Hip-Hop und Bauchtanz. Im Vereinsvorstand haben wir eine Tänzerin, die diesen Aufgabenbereich leitet, um die Jugendlichen von der Straße zu holen und um das Miteinander zu fördern. Verschiedene Kulturen treffen hier aufeinander, es wird die Sprache des Tanzes gesprochen. Ergänzend gibt es jeden Samstag eine Hausaufgabenhilfe. Hier unterstützen wir die Schüler bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten und Referate, schreiben aber auch mal eine Bewerbung mit ihnen. Denn eine gute Schulbildung ist sehr wichtig!

Und selbstverständlich begleiten wir auch Geflüchtete, die die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrschen, zu Arztterminen oder bei Behördengängen. Auch unser Patenschaftsprogramm für junge, unbegleitet Flüchtlinge wird sehr gut angenommen. Hier übernehmen Familien die Patenschaft für einen geflüchteten Jungen oder ein geflüchtetes Mädchen, sie treffen sich regelmäßig und bringen ihnen die deutsche Kultur näher durch gemeinsames Kochen oder Ausflüge. Bis dato konnten wir 27 Patenschaften erfolgreich vermitteln, darauf sind wir sehr stolz.

Ein weiterer Teil unseres Engagements ist das Durchführen von Kulturveranstaltungen. Hier stellen die verschiedenen Länder sich und ihre Kultur vor. Deutschland ist ein Zuwandererland, wo einfach unterschiedliche Kulturen und Sprachen aufeinandertreffen. Offenheit ist an dieser Stelle ganz, ganz wichtig. Ich erwarte von jedem, dass er einen Schritt nach vorne macht und versucht, die Gegenseite, den „Fremden“, zu verstehen. Denn wir dürfen nicht den Fehler machen, wegzuschauen. Dazu müssen erst einmal Vorurteile abgebaut werden. Und es müssen auch die Muttersprache und die eigene Kultur erhalten werden, dieser Aspekt ist natürlich von immens hoher Bedeutung. Selbstverständlich müssen Geflüchtete beziehungsweise Menschen mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache lernen. Aber die eigene Sprache ist elementarer Teil ihrer selbst, genauso wie ihre Kultur. Diese beiden Dinge müssen geschützt werden. Ziel unseres Vereines ist es also ganz klar, die Integration in Deutschland zu unterstützen und voranzubringen! Wir wollen das Miteinander, das gemeinsame Leben fördern.

Wie Integration funktionieren kann

Integration hat für mich drei Säulen. Die erste Säule ist tatsächlich die Sprache, denn ohne Sprache können wir uns nicht verständigen. Jeder, der nach Deutschland kommt, muss unsere Sprache lernen, wenn er hier leben will. Denn erst das Beherrschen der Sprache ermöglicht den Austausch. Die zweite Säule ist die Teilhabe an Bildung und am Arbeitsleben. Wer arbeitet, trägt etwas zur Gesellschaft bei und außerdem ist die Arbeit wichtig für das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl, sie trägt zur eigenen Identität bei. Die Flüchtlinge dürfen nicht nur unter sich sein, sie brauchen Kontakt und Begegnungen, müssen sich verteilen.

Und die dritte Säule ist das ehrenamtliche Engagement: Indem sich Geflüchtete ehrenamtlich einbringen, lernen sie die deutsche Sprache schneller, sie erleben die deutsche Kultur, das Miteinander und gleichzeitig tun sie etwas Gutes. Denn durch Ehrenamt kann man viel schaffen, viel aufbauen. Als 2015 die große Flüchtlingswelle in Deutschland ankam, da lief so gut wie die gesamte Unterstützung über ehrenamtliches Engagement, denn wir waren ja gar nicht darauf vorbereitet, so viele hilfesuchende Menschen bei uns aufzunehmen.

Für mich ist Ehrenamt die Stütze der Gesellschaft. Es gibt mir ein gutes Gefühl, weil ich soviel Positives dadurch zurückbekomme. Nehmen wir als Beispiel die Hausaufgabenhilfe meines Vereins: Es ist einfach toll, zu beobachten, wie die Kinder, die ich vor sechs, sieben Jahren betreut habe, ihren eigenen Weg gehen. Sie haben die Schule geschafft, machen jetzt eine Ausbildung oder studieren. Sie sind mir so dankbar und wir halten bis heute den Kontakt. Das ist ein schönes Gefühl.

Aktiv in der CDU

Zusätzlich zu meiner Arbeit im Verein, bin ich auch seit 2011 politisch in der CDU aktiv. In erster Linie war das „C“ für mich ausschlaggebend: Die CDU ist eine christliche Partei und ich bin Moslem. Viele denken, dass dies doch paradox sei. Aber für mich fängt genau hier Integration an. Christen und Muslime engagieren sich gemeinsam, haben dieselben Ziele. Die CDU steht für Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden, das gefällt wir, das sind für mich christliche Werte. Und das Thema Familie wird in der CDU großgeschrieben, was für mich als klarer Familienmensch immens wichtig ist. Und ich finde, dass Religion immer auch eine Identität ist. Jeder Mensch kann seine Religion im Herzen für sich leben. Für Religion gibt es keine bestimmten Richtlinien.

Von 2014 bis 2018 war ich im Landesvorstand Schleswig-Holstein als erster Mensch überhaupt mit Migrationshintergrund, ich habe dort also das Thema Integration mit all seinen Aspekten und Facetten vertreten. Darüber hinaus bin ich Vorsitzender des Landesnetzwerkes Integration und Ratsherr hier in der Stadt Pinneberg und ich fungiere als Fachsprecher für Integration. Politik ist meine Leidenschaft, gerade auf kommunaler Ebene kann man selbst sehr viel bewegen, man sieht die Erfolge, dass, was man gemacht hat. Das bedeutet mir sehr viel. Und der Wahlkreis, für den ich zuständig bin, ist mir wichtig. Innerhalb diesem vertrete ich die Wähler, ich bin ihre Stimme. Die Sorgen meines Wahlkreises sind meine Sorgen. Diese Aufgabe nehme ich sehr ernst.

Angriffe und Diskriminierungen

Aber nicht jedem gefällt mein politisches Engagement. Während des Wahlkampfes letztes Jahr musste ich mich mit Diskriminierungen auseinandersetzen. Ich habe Drohanrufe und Drohbriefe bekommen, in denen ich massiv beschimpft und wegen meiner muslimischen Herkunft angegangen wurde. Meine Wahlplakate wurden beschmiert, beschädigt und sogar verbrannt. Auch mein Haus ist attackiert worden. Das war das erste Mal in meiner politischen Karriere und auch in meinem privaten Werdegang, dass ich Erfahrungen mit Rechtsextremismus machen musste. Ich hatte Angst um mein Leben und vor allem auch um meine Familie.

Ich überlegte kurz, mich politisch zurückzuziehen, mit der Politik erst einmal aufzuhören, ich wollte mich und meine Familie schützen. Aber dann habe ich Unterstützung von Politikern aus diversen Parteien wie der Linken, den Grünen, der SPD und der FDP bekommen. Sie haben mir signalisiert, dass sie geschlossen hinter mir stehen, sich mit mir solidarisieren. Das hat mir Mut gemacht, mir neue Kraft gegeben. Und auch die Unterstützung meiner Familie, meiner Nachbarschaft und meines Wahlkreises haben mir durch diese schwere Zeit hinweggeholfen. Mein Motto letztes Jahr war also schlussendlich: „Jetzt erst recht!“. Die Wahl habe ich letztendlich auch gewonnen.

Gedanken zur Willkommenskultur

Eine weitere Frage, die mich und mein politisches Engagement beschäftigt, ist die, wie man Flüchtlinge hier in Deutschland willkommen heißen kann. Diese Willkommenskultur fängt für mich schon am Flughafen an. Ich denke, gerade die Passkontrollen sollten viel, viel freundlicher ablaufen, nicht so förmlich, streng. Das ist schade, denn es schreckt die Einreisenden eher ab. Und in jeder Stadt sollte es ein Welcome-Center geben, wo die Geflüchteten sich auf verschiedenen Sprachen erkundigen können, wo sie in der Stadt was finden. Das wäre wichtig für die Orientierung, sie brauchen definitiv einen Ansprechpartner.

Allgemein lässt sich sagen, dass die Willkommenskultur in Deutschland weniger geworden ist, leider. Die Menschen haben noch mehr Vorurteile. Das liegt an dem Rechtsruck in Europa, die rechten Strömungen werden immer stärker, das beunruhigt mich. Viele haben Angst vor neuen Kulturen, vor dem Unbekannten, sie wollen sich davon distanzieren, gehen einen Schritt zurück. Natürlich gibt es auch Probleme mit Flüchtlingen, ich erinnere mich hier vor allem an die Silvesternacht 2016, so etwas geht natürlich gar nicht. Frauen wurden drangsaliert und sexuell belästigt. Das darf nicht sein, die Männer dürfen Frauen nicht als Sexobjekt ansehen. Sie müssen lernen, die Frauen zu respektieren. In diesem Zusammenhang kann ich Flüchtlingskritiker verstehen, dass sie an dieser Stelle Ängste und Vorurteile haben. Derzeit ist allerdings die gesamte Stimmung gegenüber Geflüchteten in Deutschland sehr negativ, diesen Trend beobachte ich mit Unwohlsein.

Ich selber lebe Integration, indem ich in meinem Alltag beide Kulturen zulasse, ich akzeptiere sowohl die deutsche als auch die türkische Kultur. Für mich ist es zum Beispiel auch selbstverständlich, beide Sprachen zu sprechen. Für meine politische Zukunft wünsche ich mir, dass die Wichtigkeit des Themas Integration weiterwächst. Dafür werde ich mich nach wie vor einsetzten und kämpfen!

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