Das Ende der Willkommenskultur

Wagen auf dem Düsseldorfer Rosenmontagszug 2016. Foto: Kürschner via Splash unter CC-Lizenz

Shadi Al Salamat lebt seit 2015 in Hamburg. Als er nach Deutschland kam, wurde er mit offenen Armen empfangen.  In diesem Beitrag erklärt er, wie und warum sich die Willkommenskultur seiner Meinung nach verändert hat.

Eine Kolumne von Shadi Al Salamat 

Im Herbst 2015 öffnete Deutschland seine Türen für uns. Es fanden viele Veranstaltungen an Bahnhöfen statt. Die Willkommenskultur war ein wichtiger Aspekt bei der Aufnahme von Flüchtlingen im Herbst 2015. Wir wurden von den deutschen Staatsbürgern unterstützt. Diese Menschen haben uns freiwillig geholfen. Ich bin 2015 in Hessen gelandet. Dort wurden beispielsweise mehrere Restaurants für uns eingerichtet, die auf uns warteten.  Ich werde niemals das Lächeln eines Mädchens am Hauptbahnhof in München vergessen, als sie mir gesagt hat: „Welcome to Germany!“ Als Erstes habe ich am Hauptbahnhof viele Bilder von deutschen Staatsbürgern gesehen, die die Flüchtlinge begrüßt haben. Ich habe mich in Deutschland und in die Deutschen verliebt.

Eigentlich wollte ich nach Schweden, denn dort habe ich ein paar Verwandte. Aber nach einem Blick auf die Willkommenskultur habe ich meine Meinung geändert.

In Frieden leben

Die Polizei war auch sehr nett, sie hat mich gut behandelt. Ich kann eine Frau nicht vergessen, die zu mir kam und mich fragte, ob ich Englisch spreche. Meine Antwort war JA und dann hat sie mir gesagt: „Willkommen in Deutschland, hier wird Ihr Leiden enden. Hier lebt ihr in Sicherheit und Frieden, hier seid ihr nicht fremd.“ Sie hat mich nach Syrien, nach meiner Familie gefragt. Ihre Augen waren voller Tränen. Ihre Entscheidung war es, Flüchtlinge freiwillig zu betreuen und ihnen zu helfen.

Ich hatte Glück, sie hat mir angeboten, zweimal in der Woche Deutsch mit mir zu lernen. Wir haben uns schnell kennengelernt. Nach vier Einheiten Deutschunterricht waren wir echte Freunde. Sie hat mir die Sprache effizient und zuverlässig beigebracht.

Eine neue Familie

Und ich bin sogar ihr Mieter. Sie besitzt eine leere Zwei-Zimmer-Wohnung im Dach ihres Hauses. Sie stellte mich ihrer Familie vor und ich habe ihre Familie kennengelernt. Jetzt bin ich Teil ihrer Familie. Ich bin ihr sehr dankbar! In meinem Vorstellungsgespräch für einen Job habe ich meinen Chef von ihr erzählt. Er schüttelte seinen Kopf und sagte: „Siehst du, die Deutschen sind toll!“

Aktuell hat sich die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland gewandelt. Es gibt viele Demonstrationen gegen Flüchtlinge, viel Hetze im Internet. Und auch Abschiebung und Rückführungen nach Afghanistan. Die sexuelle Belästigung in Köln in der Silvesternacht hat alles geändert, auch die Stimmung. Ich sehe in der Silvesternacht 2016 das Ende der Willkommenskultur. Ein Attentat auf einen deutschen Politiker, der Flüchtlinge unterstützt und Brandstiftungen in Flüchtlingsheimen kommen nicht aus dem Nichts. Sie sind Folge von rechtsextremer Hetze.

Verantwortung der Flüchtlinge

Wir als Flüchtlinge haben auch Verantwortung. Wenn jemand  gerne in einer Gesellschaft lebt, wo er Respekt finden möchte, dann sollte er ein aktives Mitglied dieser Gesellschaft sein. Wir müssen das negative Bild von Flüchtlingen ändern. Viele Medien haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, das öffentliche Bild von Flüchtlingen zu schädigen, vor allem nach den Bombenanschlägen in Europa. Aber die größte Verzerrung der Flüchtlinge in Europa liegt in den Händen der Flüchtlinge selbst. Wenn beispielsweise ein Flüchtling drei Jahre lang bleibt, aber die Sprache nicht lernt und auch nicht arbeitet, dann wirft dies ein negatives Licht auf uns Flüchtlinge.

 

Shadi Al Salamat kommt aus einem Dorf in Syrien in der Nähe der Stadt Darʿā, in der 2011 die Proteste gegen Baschar al-Assads Regierung ihren Ausgangspunkt nahmen. Heute lebt Shadi in Wiesbaden und arbeitet als Informatiker in Frankfurt. Shadi hat zwei “wunderbare Kinder”, wie er selbst sagt. Jeden Monat schreibt er für das Flüchtling-Magazin über seine Sicht auf Deutschland und die Welt. Er möchte die Menschen in Deutschland durch seine Texte besser über die Hintergründe von Flucht informieren und falsche Vorstellungen oder Vorwürfe gegenüber Geflüchteten aushebeln.

 

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