Wie Tandems Brücken bauen

BHFI: Gibt es noch etwas, was Ihr gerne erzählen würde, was ich nicht gefragt habe?

Ehsan: Ich will erzählen, wie ich nach Deutschland gekommen bin. Ich hatte kein Geld, bin von der Türkei mit dem Boot nach Griechenland gekommen und dann bis nach Deutschland zu Fuß gelaufen. Ca. 20 Tage alleine im Wald, es gab zwar Wasser, aber 20 Tage ohne Essen. Ich war ungefähr sieben oder acht Tage alleine, dann habe ich zwei Kumpel gefunden, einer aus Ghana und einer aus dem Irak. Bis Serbien war ich ganz allein. Ich hatte einen Freund, der 20 Tage früher nach Deutschland gekommen war und ich hatte Kontakt mit ihm über whatsapp. Der hat mir die Kennzeichen des Weges gesagt, und dann bin ich an den Schienen entlanggelaufen. So habe ich Deutschland gefunden. Das war wirklich schwer, ich werde das nie im meinem Leben vergessen.

Adam: Ich bin von Eritrea in den Sudan geflohen. Von meiner Stadt, in der ich wohnte, sind es 350 Kilometer bis zur Grenze. Die ersten Tage war ich alleine, unterwegs habe ich auch zwei andere Männer gefunden, bis wir angekommen waren. Ich habe anschließend vier Monate als Bäcker gearbeitet, keinen Platz gehabt zum Schlafen. Dann bin ich nach Libyen gezogen und mit einem kleinen Boot nach Italien übergesetzt. Das war sehr gefährlich. Wir waren ca. 280 Leute in einem Boot. Wir waren drei Boote. Einen ganzen Tag und eine Nacht gefahren, und dann Italien. Ich weiß es gar nicht mehr so ganz genau wieviel Tage, ich will nicht mehr so daran denken. Und dann nach Deutschland. Teilweise war es schwierig, aber wenn man sich für diesen Weg entscheidet, dann weiß man, dass es schwierig ist.

BHFI: Wenn dies hier ein Life-Interview wäre, was würdet ihr anderen Geflüchteten sagen, was ihnen raten? Was ist gut, wie man hier vorankommt?

Adam: Wenn man in einem fremden Land Erfolg haben will, muss man Geduld, Geduld, Geduld haben. Nicht aufhören immer weiter zu lernen und immer das Ziel vor Augen haben. Wenn Du hier bleiben willst, gucke auf Dein Ziel und gehe Schritt für Schritt. Die Sprache zu verstehen, das ist der Schlüssel von allem. Immer mit Geduld und Durchhalten.

Ehsan: Am Anfang ist alles schwer. Aber wenn man ein Ziel hat, dann kann man kämpfen. Es ist keine gute Idee, nur herumzusitzen, sondern man muss kämpfen. Wir hatten sehr schwierige Tage am Anfang. Wir waren 16 Leute in einem Zimmer, alle arbeitslos, keiner wollte schlafen und das Licht ausmachen. Ich habe trotzdem weitergemacht und nicht aufgegeben. Und darüber bin ich dankbar und ich freue mich.

Adam: Wir waren 15 Leute auf 40 qm Raum, das war zum Start unsere Situation im ersten Lehrjahr. Ich wurde gefragt: „Was machst Du, warum strengst Du Dich so an?“ Viele sagten: „Hör auf, Du musst Dich doch erst einmal ausruhen von der Flucht.“  Ich war der einzige der 15 Leute, der das nicht wollte. Das erste Lehrjahr war deshalb schwierig. Man muss kämpfen, so wie Ehsan sagt. Niemand schenkt Dir etwas, Du musst etwas dafür tun. Jetzt staunen viele Freunde und sagen: „Du hast es durchgehalten.“ Und mein Chef sagt: „Bleib dabei, lerne weiter, lerne weiter.“

Ebrahim: Adam hat recht, man muss am Ziel festhalten. Wir sind ja alle drei Fußballer. Wenn man spielt, muss man auch Tore machen wollen. Die beiden sind voller Potenzial, die machen irgendwann einen Betrieb auf. Trotzdem gibt es auch Sachen, die mich nicht nur traurig, sondern auch wütend machen. Dass Menschen mit migrantischem Hintergrund, die hier geboren sind, die sich deutsch nennen, den beiden sagen: „Ihr könnt ja nicht richtig Deutsch.“ Ich habe Politik studiert, ich rede über Globalisierung, und die beiden leben das. Ich muss danke sagen zu Euch, dass Ihr das so schafft.

Das Interview wurde von Rose-Marie Hoffmann-Riem (BHFI) geführt. Wer Interesse an einer Patenschaft hat oder wissen möchte, wie Tandems entstehen, kann sich an Rose-Marie Hoffmann-Riem unter paten@bhfi.de wenden.

Hintergrundinformation

Menschen, die hier kein dauerhaftes Bleiberecht erhalten, aber aus diversen Gründen nicht abgeschoben werden können, erhalten eine Duldung. Mit dem Inkrafttreten des Integrationsgesetzes am 6. August 2016 hat der Bundesgesetzgeber daher die Voraussetzungen geschaffen, diesen Menschen eine Perspektive zu vermitteln, wenn sie eine Ausbildung beginnen und anschließend in dem erlernten Beruf arbeiten. Sie heißt ‘3 + 2-Regelung’, weil sie einen gesicherten Aufenthalt für drei Jahre Ausbildung und die zwei folgenden Jahre als Angestellte*r sichern.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*