Seebrücke und SPD: Peer Asmussen im Gespräch

Flagge der Seebrücke Foto: Sophie Martin

 Für den Pinneberger Peer Asmussen lebt eine demokratische Gesellschaft von aktiven Demokraten. Seitdem die AfD im Bundestag vertreten ist und immer mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken, beschloss er deshalb sich einzubringen. Seit circa einem Jahr ist der 27-Jährige Versicherungskaufmann Mitglied in der SPD, darüber hinaus unterstützt er die Initiative Seebrücke. Doch der Weg in die Politik und in die Flüchtlingshilfe war anfangs gar nicht so klar für Peer Asmussen. Was für Ziele er mit seiner Arbeit verfolgt, was er sich für unsere Gesellschaft und Europa wünscht und warum er der Meinung ist, dass Migration nicht nur für Deutschland wichtig ist, davon berichtet er in dem folgenden Portrait:

Interview von Sophie Martin

Seit etwas über einem Jahr bin ich in der SPD in Pinneberg aktiv. Ich bin damals eingetreten als es um die GroKo-Debatte ging: Soll die SPD in die Regierung oder nicht? Ich persönlich war dagegen. Zunächst hatte ich auch gar nicht gedacht, dass ich der SPD beitreten würde. Doch dann war ich beim Parteitag und da waren so viele junge Menschen, die auch gesagt haben: Hey, wir wollen nicht, dass unsere Partei in die Regierung geht, wir wollen ein linkeres Profil. Das hat mich angesprochen, da habe ich gemerkt, dass die ähnlich denken wie ich, dass auch sie die SPD verändern wollen.

Aktiv in der SPD

Ich war also durchaus motiviert, aktiv mitzumachen, aktiv den Veränderungsprozess mitzugestalten. Denn: Die SPD muss moderner werden und auch jünger. Wie die Gesellschaft, so hat auch die SPD ein Überalterungsproblem. Und trotzdem haben wir in der SPD an die 80.000 Mitglieder, die unter 35 sind, doch abgesehen von Kevin Kühnert sieht man diese kaum, sie sind nicht so präsent.

Mitstreiter in der Seebrücke

Die Seebrücke gibt es seit Juni 2018 und seit September 2018 bin ich persönlich mit dabei. Die Seenotrettung im Mittelmeer ist für mich eine humanitäre Katastrophe, das Ganze macht mich betroffen und ich erschrecke angesichts des ganzen Leids. Hinzu kommt, dass ich den Staat, das Umfeld, in dem ich lebe, aktiv mitgestalten möchte. Ich will nicht ein einer europäischen Union leben, die so mit Menschen umgeht. Für mich ist das eine Prinzipienfrage. So wie es gerade ist, kann ich es nicht akzeptieren.

Ziele der Seebrücke

Es geht der Seebrücke natürlich immer darum, vor Ort die kommunalen Parlamente dazu zu bringen, ein sicherer Hafen zu werden. Mittlerweile gibt es deutschlandweit über 70 Städte, die das schon gemacht haben. Wie arbeiten wir konkret? In den Kommunen starten wir verschiedene Aktionen, wir organisieren Demos und Kundgebungen, treten den Bürgermeister*innen auch mal auf die Füße. Und Bündnisarbeit nimmt einen großen Raum ein, ebenso administrative Aufgaben und die Verwaltung. Die Seebrücke Pinneberg hat derzeit circa 25 aktive Mitstreiter, ich bin vor allem für die Pflege der Social-Media-Kanäle zuständig.

Aktiv in der Seebrücke: Der Pinneberger Peer Asmussen  Foto: Sophie Martin

Ehrenamtliches Engagement

Ich glaube, zu einer Demokratie gehört Ehrenamt einfach dazu, unsere Demokratie lebt davon, dass Menschen sich engagieren, dass sie die Demokratie aktiv mitgestalten. Und es macht auch richtig Spaß, wenn man später den Erfolg sieht. Ich habe mich vor meinem Engagement im politischen Bereich schon in der kirchlichen Jugendarbeit eingesetzt. Das Ehrenamt ist die Stütze der Gesellschaft. Für mich persönlich ist dies total wichtig geworden! Trotzdem möchte ich sagen, dass viele Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, die früher mal in staatlicher Hand lagen. Hier hat sich der Staat zurückgezogen. Ich möchte, dass der Staat sich wieder mehr um die Menschen in unserem Land kümmert.

Die Willkommenskultur

Ich habe mich erst nach 2015 so richtig politisiert. Ich war zwar schon immer politisch interessiert, war aber früher eher im konservativen Spektrum verordnet. Der Willkommenskultur stand ich anfangs eher skeptisch gegenüber. Ich fand es schon toll, dass Menschen sich so eingesetzt haben. Und trotzdem habe ich mir die Fragen gestellt: Woher kommt das auf einmal und wer kommt da überhaupt hierher? Über die Kirche bin ich in persönlichen Kontakt mit Flüchtlingen gekommen. Dort sind mir viele Menschen aus beispielsweise Afghanistan oder dem Iran begegnet. Ich habe also deren Schicksale mitbekommen, sie haben mir ihre Geschichten erzählt. Das hat meine eigene Perspektive total verändert. In Schleswig-Holstein haben wir eine lange Geschichte mit Flucht und Migration. Nach dem zweiten Weltkrieg sind über eine Million Menschen nach Schleswig-Holstein geflohen. Auch meine Großmutter gehörte dazu. Ich glaube, dass es immer noch eine Willkommenskultur gibt, aber sie hat sich verändert, vor allem der Diskurs in der Öffentlichkeit. Am Anfang war die Berichterstattung durch die Medien sehr positiv, doch nach der Silvesternacht 2016 hat sich das Blatt dann gewendet. Das war der Moment, wo das Ganze in das andere Extrem umgeschlagen ist. Man hatte plötzlich das Gefühl, es gebe nur noch kriminelle Geflüchtete. Dies hat zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt: Von einem Teil der Gesellschaft wird die Willkommenskultur gelebt, von dem anderen eben nicht. Ich muss an dieser Stelle aber betonen, dass ich es wichtig finde, dass auch über Probleme berichtet wird. Und dass es Probleme mit Menschen gibt, die aus völlig anderen Kulturen kommen, ist völlig normal. In der Debatte um Migration brauchen wir vor allem Vernunft und Menschlichkeit.

Die Lage auf dem Mittelmeer

Damit sich die Lage auf dem Mittelmeer entspannt, müssen drei Dinge geschehen: Erst einmal müssen wir dafür sorgen, dass die private Seenotrettung nicht mehr behindert wird. Der Verteilungsmechanismus muss für die Staaten, die Häfen am Mittelmeer haben, gerecht ausgelegt werden. Dieses Vorhaben muss auf EU-Ebene laufen, was sich jedoch schwierig gestaltet. Und es kann überhaupt nicht sein, dass private Menschen die Seenotrettung übernehmen. Eigentlich bräuchte es eine staatliche Seenotrettung, beispielsweise die Marine. Und wir müssen schauen, dass die Flüchtlinge gar nicht erst auf diese Boote steigen müssen. Es muss also ein Weg gefunden werden, dass die Fluchtwege sicher sind. Dazu gehört sicherlich auch, dass man aus dem Ausland heraus Asyl beantragen kann. Dies ist ja rechtlich überhaupt nicht möglich, die Geflüchteten müssen ja erstmal hierherkommen, um dann den Asylantrag zu stellen. Diese Regelung ermöglicht überhaupt erst das Geschäft der Schlepper.

Migrationspolitik der Zukunft

Langfristig müssen wir unser Augenmerk darauflegen, dass die Menschen ihre Lebensgrundlage nicht verlieren, dass sie gar nicht erst fliehen müssen. Das ist eine paradoxe Situation: Denn wenn der Wohlstand in einem Land wächst, dann stärkt dies eher die Migrationsbewegung. Die ärmere Bevölkerungsschicht kann sich schlichtweg keine Schlepper leisten. Für sie ist es überhaupt nicht möglich, nach Europa zu kommen. Es ist also überwiegend der Mittelstand, der flieht. Das ist ein Riesenproblem, weil man eben diesen Mittelstand braucht, um das Land wirtschaftlich aufzubauen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass dies jedoch kein Plädoyer gegen Migration ist. Wir brauchen Migration unbedingt, auch hier in Deutschland. Europa ist ja sehr groß und die Länder sind sehr unterschiedlich. Hier in Deutschland leben wir in einer sehr alten Gesellschaft, wir sind nach Japan die zweitälteste Gesellschaft der Welt. Seit Jahren haben wir den demografischen Wandel, hinzu kommt der massive Fachkräftemangel gerade im Handwerk und in den Pflegeberufen. Es gibt aktuelle Schätzungen von Wirtschaftswissenschaftlern, die besagen, dass Deutschland eine Zuwanderung von 300.000 bis 500.000 Menschen pro Jahr benötigt, um die Produktivität aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig haben wir die Situation, dass deutschlandweit an die 300.000 Lehrstellen nicht besetzt sind. Alleine im Kreis Pinneberg sind es über 700. Genau deswegen brauchen wir eine menschliche und geregelte Migrationspolitik.“

 

 

 

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