Integrationslehrerin – kein Job fürs Leben

Marthe arbeitete als Integrationslehrerin und berichtet uns von ihren Erfahrungen. Foto: Sophie Martin

Heterogene Lernergruppen, keine Festanstellung, ein geringes Honorar und kein Verdienst in Ferienzeiten. Klingt nicht gerade nach einem Traumjob. Integrationslehrerinnen und -lehrer arbeiten unter schwierigen Bedingungen. Wir haben mit Marthe Hammer, einer ehemaligen Integrationslehrerin, darüber gesprochen, dass der Job trotzdem Freude machen kann, am Ende aber kaum den Lebensunterhalt sichert – und so auch das Lernen der Kursteilnehmenden erschwert wird.

Ein Interview von Anna Heudorfer mit Marthe Hammer

FM: Marthe, du hast als Integrationslehrerin gearbeitet. Wie bist du dazu gekommen?

Marthe: Ich bin relativ spontan zu diesem Job gekommen, nachdem ich mein Germanistik-Studium abgeschlossen hatte und nicht genau wusste, wohin es gehen soll. Eigentlich wollte ich nie als Lehrerin arbeiten. Weil das Thema Flucht 2015 aber so präsent war, habe ich angefangen darüber nachzudenken, ob ich in diesem Bereich nicht doch unterrichten will. 2018 habe ich dann damit begonnen. Zuvor musste ich aber eine Zulassung erwerben, die man braucht, wenn man die offiziellen BAMF-Kurse unterrichten will. Aufgrund meines Studiums dauerte das nur ungefähr drei Monate. Ich fand die Fortbildung sehr sinnvoll. Ich habe mich dann in den Job gewagt. Meine einzige Erfahrung war bis dahin ehrenamtlicher Sprachunterricht, in dem mir aber zurückgespiegelt wurde, dass ich Grammatik ganz gut erklären kann.

FM: Wie hast du den Job erlebt?

Marthe: Meine Erfahrung war, dass der Job einerseits schön und erfüllend ist, da man zur Bezugsperson für die Schülerinnen und Schüler wird. Manchmal ist man die einzige deutsche Ansprechpartnerin. Es ist schön zu sehen, wenn es plötzlich „Klick“ macht und die Lernenden etwas begreifen. Andererseits fand ich aber auch frustrierend, unter welchen Bedingungen man arbeitet. Das eine ist die Heterogenität der Lernergruppe, die es einem nicht leicht macht, Unterricht zu konzipieren, der für alle sinnvoll ist.

Die Menschen unterscheiden sich in ihrer Erstsprache, in ihrem Herkunftsland, in ihrer Fluchtgeschichte, die dramatisch gewesen sein kann, und in ihrem Alter – von 18 bis ins Rentenalter. Am schwierigsten war der Unterschied im Bildungshintergrund, der sehr weit auseinander klaffte. Es gab ambitionierte junge Leute, die studieren wollten und auf der anderen Seite Leute, die nur die Grundschule besucht hatten und zum Teil nicht in der lateinischen Schrift alphabetisiert waren. Diese Menschen muss man mit einem Lehrwerk und einem vorgegebenen Zeitplan bis zur Prüfung bringen. Man merkt, man überfordert manche Menschen und andere brauchen genau diese hohen Anforderungen. Hier einen Mittelweg zu finden, habe ich als sehr schwierig empfunden. Man wird oft beiden Gruppen nicht gerecht.

Nicht alles passt für alle

Binnendifferenzierung ist in der Theorie schön und man versucht das umzusetzen, soweit es geht. Aber man stößt an seine Grenzen. Manche hätten kleinere Gruppen oder Einzelunterricht benötigt. Man muss oft in Kauf nehmen, dass man zum nächsten Kapitel fortschreitet, obwohl man merkt, dass ein Drittel des Kurses den Stoff noch nicht begriffen hat. Das ist schade, da man relativ schnell Leute abhängt. Bei vielen wird schnell klar, dass sie die Prüfung wahrscheinlich nicht schaffen werden. Ihnen wird im Unterricht ständig vor Augen geführt, dass andere schneller und vermeintlich schlauer sind, einfach weil sie lernerfahrener sind. Außerdem bekommen alle die gleichen Inhalte vorgesetzt, selbst wenn sie vielleicht sogar eine Lernbehinderung haben oder schon fast im Rentenalter sind und nicht auf den Arbeitsmarkt gehen werden. Was nützt es diesen Menschen, wenn sie sich mit Bewerbungen und Kündigungen auseinandersetzen sollen?

FM: Wir haben kürzlich schon einen Erfahrungsbericht von Integrationslehrern veröffentlicht, der vor allem die Arbeitsbedingungen der Lehrerinnen und Lehrerinnen zum Thema hatte. Wie ist es dir damit ergangen?

Marthe: Man ist als Integrationslehrerin als Honorarkraft beschäftigt und nicht fest angestellt. Ich konnte mir das nur leisten, weil ich keine Kinder habe, in einer WG lebe und einen zweiten Job hatte, über den ich sozialversichert war. Krankheitsausfall wird nicht bezahlt und man hat keinen bezahlten Urlaub. Die meisten Bildungsträger halten sich aber an die Hamburger Schulferien. Das heißt, im Sommer sind sechs Wochen frei. Und das bedeutet, dass man in der Zeit kein Gehalt hat. Außerdem zahlt man im Folgejahr Steuern nach, wobei man nie genau weiß, wie viel man zurücklegen muss.

Gehalt reicht nicht für den Lebensunterhalt

Ich würde deshalb der Kritik zustimmen, dass einerseits immer hoch gehalten wird, wie wichtig Integration ist und wie wichtig die Leute sind, die diese Kurse geben. Andererseits ist ein Teil der Wertschätzung neben dem positiven Feedback aus dem Kurs auch das Gehalt, von dem man leben muss – und das ist definitiv gering, auch wenn es von 23 auf 35 EURO pro Unterrichtseinheit hochgesetzt wurde. Das gilt außerdem nur für die offiziellen Kurse vom BAMF. Andere Träger können immer noch weniger anbieten und tun das auch. Als Anfängerin war ich darauf angewiesen, mich gut auf den Unterricht vorzubereiten. Das war nochmal so viel Arbeitszeit wie der eigentliche Unterricht. Denn durch die Binnendifferenzierung muss man sich vieles gut überlegen: Was mache ich, wenn die eine Gruppe schneller fertig ist oder die anderen etwas nicht verstehen? Man sucht sich Übungsprüfungen und ergänzende Lehrwerke. Wenn man sich das ausrechnet, schrumpft der Stundenlohn nochmal gewaltig.

FM: Welche Gründe gab es dafür, den Job wieder aufzugeben?

Marthe: Ich glaube nicht, dass ich die Arbeit schlecht gemacht habe, aber die negativen Faktoren haben irgendwann überwogen. Die Gruppe nicht in einem Tempo unterrichten zu können, hat auch meinen Anspruch an mich selbst nicht erfüllt, alle durch die Prüfung zu bekommen. Man muss erstmal damit umgehen lernen, Leute nicht „mitzunehmen“. Die Arbeitsbedingungen sind das andere. Hinzu kommt, dass man nie weiß, ob der Kurs in einem halben Jahr wieder zustande kommt. Es gibt Mindestteilnehmerzahlen, denn auch die Träger müssen wirtschaften. Sie bekommen Geld vom BAMF pro Teilnehmer. Erst ab einer bestimmten Teilnehmerzahl lohnt sich ein Kurs, denn auch wenn die Träger keinen Gewinn machen müssen, müssen sie zumindest „bei Null“ wieder rauskommen. Das ganze Paket war am Ende für mich nicht mehr attraktiv.

FM: Welche Forderungen würdest du formulieren, was sich ändern müsste?

Marthe: Mehr auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmenden eingehen und dann kleine Gruppen bilden: Wer will auf den Arbeitsmarkt und wem reicht es, beim Einkaufen, beim Arzt oder mit der Lehrerin des Kindes kommunizieren zu können?

Mehr auf individuelle Bedürfnisse der Teilnehmenden eingehen

Ansonsten: Eine bessere Bezahlung und mehr Festanstellungen. Wenn man den Job langfristig macht und nie die Aussicht hat, angestellt zu werden, muss man wirklich dafür brennen. Die jetzige Situation gefährdet die Existenz der Lehrerinnen und Lehrer.

FM: Was motiviert einen trotzdem? Was sind die schönen Seiten?

Marthe: Man wächst mit der Gruppe zusammen und sieht, wie sie Fortschritte machen. Ich hatte einen Anfängerkurs. Als die Schülerinnen und Schüler zu mir kamen, haben sie gar nichts verstanden und plötzlich konnten sie sich doch verständlich machen. Von manchen habe ich lange Zeit später noch Nachrichten bekommen, wenn sie eine Prüfung bestanden haben. Daran merkt man, dass die Leute dankbar und glücklich sind, dass sie das hier lernen können.

FM: Wie schätzt du persönlich die Qualität der Integrationskurse ein? Bereiten sie die Zuwanderer hier tatsächlich auf das Leben in Deutschland vor?

Marthe: Im Anschluss an den Sprachkurs folgt der Orientierungskurs, in dem es um „Leben in Deutschland“ geht. Die Inhalte werden am Ende über einen Ankreuz-Test abgeprüft, was auch durch Auswendig-Lernen zu schaffen ist. Das zeugt nicht unbedingt davon, ob jemand unsere deutsche Lebensweise und unsere Gesetze verstanden hat.

Sinnvoll – aber fraglich, was wirklich ankommt

Ich finde die Kurse trotzdem sinnvoll. Gerade Menschen, die sich vorher nicht mit dem Grundgesetz oder dem politischen System auseinandergesetzt haben, werden dadurch vielleicht darauf aufmerksam, wie das hier funktioniert. Ich finde es daher nicht per se verkehrt, das zu machen. Aber die Frage ist natürlich: Wie viel kommt tatsächlich an?

 

Fakten zu Integrationskursen:

  1. Zur Teilnahme kann man berechtigt oder verpflichtet sein. Eine Berechtigung für einen Platz im Integrationskurs haben Menschen mit Aufenthaltserlaubnis (aus Nicht-EU-Ländern) und seit 2015 auch Menschen mit Aufenthaltsgestattung. Bei letzteren richtet sich die Teilnahme aber nach der Kapazität freier Kursplätze. Nicht teilnehmen dürfen Asylbewerber*innen aus sicheren Herkunftsländern. Wer Leistungen nach SGB II („Hartz IV“) bekommt, kann vom Jobcenter zu einem Kurs verpflichtet werden.
  2. Wer einen Integrationskurs erfolgreich abschließt, kann die Mindestfrist für die Einbürgerung von acht auf sieben Jahre verkürzen.
  3. Der Integrationskurs umfasst 700 Unterrichtseinheiten, wovon 600 auf den Sprachkurs und 100 auf den Orientierungskurs fallen.
  4. Mit guten Lernvoraussetzungen kann man einen Intensivkurs mit nur 430 Unterrichtseinheiten besuchen. Für Menschen mit besonderem Förderbedarf gibt es Spezialkurse (Jugend- und Frauenintegrationskurse oder Alphabetisierungskurse), die 900 Unterrichtseinheiten umfassen.
  5. Der Integrationskurs schließt mit einer Prüfung im Sprachniveau B1 ab. Wer nicht besteht, kann weitere 300 Unterrichtsstunden beantragen.
Über Anna Heudorfer 13 Artikel
Anna ist Medien- und Bildungswissenschaftlerin. Beim Flüchtling-Magazin koordiniert die Redaktion und schreibt, wenn die Zeit es zulässt, Artikel zu Integration, Wissenschaft und unseren Monatsthemen.

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