Fluchtursachen

Ein Trümmerhaufen: Das Haus von Shadis Familie in Syrien. Foto: Shadi Al Salamat

Weltweit befinden sich derzeit mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor Krieg, Armut und Diskriminierung. Und erst wenn Krieg, Armut und Diskriminierung besiegt wurden, wird es keine Flüchtlinge mehr geben. Eine Verschärfung des Asylrechts bewirkt dagegen gar nichts.

Eine Kolumne von Shadi Al Salamat

Viele Menschen befinden sich gerade auf der Flucht. Wir tragen alle dafür die Verantwortung. Doch über die Fluchtursachen wird kaum gesprochen. Stattdessen wird viel darüber diskutiert, wie die Anzahl der Flüchtlinge reduziert werden könnte. Viele Politiker fordern eine Beschleunigung der Abschiebung. Das ist grausam, denn die Polizei bringt Drittstaatsangehörige ohne Aufenthaltsstatus im äußersten Fall mit Gewalt außer Landes. Das Thema „Flüchtlinge“ spielt eine große Rolle in den Wahlprogrammen der Parteien. Asylbescheide werden dauerhaft und ständig geprüft. Auch die Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten wird alle sechs Monate geprüft. Deshalb wird oft darüber gefachsimpelt, ob nicht doch die Möglichkeit der Abschiebung besteht. Dazu kommt, dass die Bundesregierung zahlreiche Gesetzesänderungen in den Bereichen Migration und Asylrecht plant. Der Familiennachzug wurde ausgesetzt und eingeschränkt. Dabei wird ignoriert, dass sich derzeit mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht befinden.

Die Heimat in den Augen der Betroffenen

Aber wie sehen die Geflüchteten selbst die Situation in ihren Herkunftsländern? Lassen Sie mich dazu etwas aus meiner persönlichen Erfahrung berichten.

Ich komme aus Syrien. Dort bin ich ausgewachsen und dort habe ich studiert. Ich hatte in der Vergangenheit ein tolles Leben. Dann kam der Krieg, den ich von 2011 bis 2015 miterlebt habe. Der Gedanke an meine Heimat ist seither von schlechten Erinnerungen geprägt. Jede syrische Familie hat eine traurige Geschichte zu erzählen. Syrien bedeutet für uns nur mehr Explosionen und Krieg. Obwohl die Lage inzwischen etwas besser geworden ist, herrschen dort nach wie vor Verfolgung, Armut und Unsicherheit.

Ein Trümmerhaufen: Das Haus von Shadis Familie in Syrien. Foto: Shadi Al Salamat

Wenn ich an meine Heimat Syrien denke, habe ich Bilder von zerbombten Häusern, von Schießereien und Toten vor Augen. Die Mitglieder meiner Familie wurden in verschiedene Länder vertrieben. Ich bin der einzige, der in Deutschland lebt. Damit bin ich nicht allein – vielen Geflüchteten geht es ähnlich. Auch sie leben unter den diesen Umständen in Deutschland.

Wer sagt, dass wir alles verloren haben, spricht leider die Wahrheit. Denn wir haben unsere Familien verloren, unsere Verwandten und unsere Zukunftsperspektive. Viele von uns haben sogar ihre Persönlichkeit und ihre Identität verloren.

Wer ist Schuld?

Fest steht: Flucht ist  keine freiwillige Option. Immer mehr Menschen sind dazu gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen und ihr Zuhause zu verlassen. Es gibt viele Gründe und Faktoren, die dazu führen, dass sie dieses Schicksal auf sich nehmen. Die führende Rolle spielt hierfür der Krieg. In vielen Ländern auf der Welt herrscht Krieg oder ein bewaffneter Konflikt. Über 60 Millionen Menschen sind hiervon betroffen.

Armut macht krank – und Krankheit macht arm. Weltweit leiden rund 700 Millionen Menschen unter extremer Armut. Mit der Armut stellt sich Chancenlosigkeit und Perspektivlosigkeit ein. Die Armut setzt der Menschlichkeit zu und steigert die Kriminalität. Das motiviert viele Menschen aus ihrer Heimat zu fliehen. Kein Mensch kann es ertragen, seine Kinder hungern zu sehen. Sie vor den eigenen Augen sterben zu sehen.

Viele Menschen leiden zudem wegen ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung unter Diskriminierung. Dabei sind alle Menschen gleich frei, haben dieselbe Würde und wurden mit denselben Rechten geboren. Jeder von uns verdient diese Rechte – unabhängig von seiner Sprache, seiner Religion, seiner Hautfarbe und seiner Herkunft.

Ich bin davon überzeugt: Die Flüchtlingskrise wird erst beendet werden können, wenn wir all diese Probleme gelöst haben. Wenn Krieg, Armut und Diskriminierung besiegt wurden. Und nicht durch eine Verschärfung des Asylrechts!

Shadi Al Salamat kommt aus einem Dorf in Syrien in der Nähe der Stadt Darʿā, in der 2011 die Proteste gegen Baschar al-Assads Regierung ihren Ausgangspunkt nahmen. Heute lebt Shadi in Wiesbaden und arbeitet als Informatiker in Frankfurt. Shadi hat zwei “wunderbare Kinder”, wie er selbst sagt. Jeden Monat schreibt er für das Flüchtling-Magazin über seine Sicht auf Deutschland und die Welt. Er möchte die Menschen in Deutschland durch seine Texte besser über die Hintergründe von Flucht informieren und falsche Vorstellungen oder Vorwürfe gegenüber Geflüchteten aushebeln.

1 Kommentar

  1. Lieber Shadi,
    Du schreibst: “Die Flüchtlingskrise wird erst beendet werden können, wenn WIR (meine Hervorhebung) all diese Probleme gelöst haben. Wenn Krieg, Armut und Diskriminierung besiegt wurden.” Damit hast Du natürlich recht. Aber, da Du ja selbst auch ein Teil dieses “WIR” bist, schreibe bitte auch dazu, was Du ganz persönlich & konkret dazu beiträgst, Krieg, Armut und Diskriminierung in den Herkunftsländern der jetzt 700 Millionen Flüchtlinge zu beseitigen. Denn nur die Aufklärung anderer Menschen darüber, was diese tun könnten und sollten, kann es doch nicht sein? Solange Du nämlich nicht selbst auch berichtest, was Dein ganz persönlicher Beitrag ist, kommt diese Deine Kolumne nämlich ‘rüber wie eine Moralpredigt vom hohen Ross. Übrigens wurde hier bei uns in Deutschland in der ersten Jahreshälfte 2019 20.000 Antragstellern aus Syrien Schutz zuerkannt, was einer Gesamtschutzquote von 84 Prozent entspricht. Deshalb und auch, weil Deutschland Dir seit 2015 (?) Schutz und Entfaltungsmöglichkeiten gewährt hat, kann ich auf Deine ausschließlich negative und tadelnde Kommentierung der Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik im ersten Absatz Deiner Kolumne sehr gut verzichten.

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