Zur Bedeutung der Muttersprache für die Integration

Die Muttersprache beizubehalten ist wichtig für die Integration. Foto: Jason Leung via Unsplash unter CC0 Lizenz

Die Muttersprache ist wichtig für die Integration. Das zeigt die aktuelle Sprachforschung. Caner Aver forscht am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, das an die Universität Duisburg-Essen angeschlossen ist. Im Interview erklärt er, warum das so ist. Tolga Özgül, der eine Bürgerinitiative zur Förderung der deutsch-türkischen Beziehungen gegründet hat, führte das Interview. Unser Autor Leonardo wiederum hat nachgefragt, wie die Bürgerinitiative über herkunftssprachlichen Sprachunterricht in den Schulen denkt. Ein Gespräch zwischen drei Parteien.

Von Leonardo de Araújo und Tolga Özgül

Tolga Özgül: Herr Aver, wir führen in Deutschland ja nicht das erste Mal eine öffentliche Debatte zum Thema Türkisch-Unterricht. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Qualität dieser Debatten verändert?

Caner Aver

Caner Aver: Die Debatten um Mehrsprachigkeit werden seit Längerem geführt und verlaufen zum Teil sehr kontrovers. Ursächlich hierfür ist u.a. auch die nach wie vor nicht in ausreichendem Maße umgesetzte Einwanderungsrealität im Bildungssystem, Dazu zählt auch die Frage, ob herkunftssprachlicher Unterricht (HSU) in Schulen eingeführt werden, wer ihn unterrichten und welches Gewicht er unter den Fächern erhalten soll. Je stärkere Ansprüche seitens der Migrant*innen  gestellt werden, desto stärker wird sowohl der strukturelle als auch der soziale Status Quo in Frage gestellt, was die Debatten noch weiter aufheizt. Da der HSU aber überwiegend von türkeistämmigen zivilgesellschaftlichen Organisationen gefordert wird, konzentriert sich die Debatte in erster Linie auf diese Gruppe, obwohl andere Sprachen wie russisch, arabisch, polnisch, griechisch oder serbokroatisch ebenfalls eine quantitative Relevanz haben.

Tolga Özgül: Welche Bedeutung hat die Muttersprache von Migrantenkindern?

Caner Aver: Es ist unbestritten, dass die Förderung der Muttersprache eine große Bedeutung hat. Auf

der integrationspolitischen Ebene kann durch die HSU-Förderung eine gesellschaftspolitische Anerkennung des Migrationshintergrundes mit positiven Effekten auf das Zugehörigkeitsgefühl der Betroffenen erreicht werden. Denn die (Mutter-)Sprache ist ein Teil der Identität. Sprachwissenschaftlich ist es unbestritten, dass der Erwerb einer weiteren Sprache auf Grundlage der Muttersprache weitaus effektiver und nachhaltiger ist. Zudem sind in einer globalisierten Welt Sprachkompetenzen wertvolle Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt.

Tolga Özgül: Sollten Kinder zuerst die Muttersprache lernen – und dann Deutsch?

Tolga Özgül

Caner Aver: Kinder mit Migrationshintergrund sprechen zu Hause in der Regel erst die Muttersprache, die zugleich auch ihre emotionale Sprache sein kann; oft werden aber auch mindestens zwei Sprachen gesprochen. Kognitiv sind sie durchaus in der Lage, mit beiden Sprachen umzugehen und durch ein „Switchen“ unter den Sprachen im Alltag auch beide anzuwenden. Allerdings besteht hierbei die Gefahr, dass eines oder beide Sprachen nicht ausreichend gut erlernt werden können, was sich negativ auf den weiteren Spracherwerb auswirken kann. Deshalb müssten vielmehr beide Sprachen richtig erlernt werden, was außerhalb des Elternhauses im schulischen Alltag geschehen sollte.

Tolga Özgül: Was können Eltern tun, um die mehrsprachige Entwicklung ihrer Kinder zu unterstützen?

Caner Aver: Zum einen sollten Eltern selbst zu Hause dafür sorgen, mit ihren Kindern in beiden Sprachen richtig gesprochen wird, ohne unter den Sprachen zu „Switchen“, zum anderen sollten sie – sofern sie Wert darauf legen – ihre Wünsche nach einem HSU in den Schulgremien am besten dann mit anderen Eltern organisiert äußern. Zum anderen sollten aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die selbiges fordern, unterstützt werden. Man darf aber nicht vergessen, dass nicht an allen Schulen ausreichend Schüler*innen für die Schaffung einer HSU-Klasse vorhanden sein werden. Hier sind Eltern auch verpflichtet, flexible Lösungen anzustreben bzw. diese dann auch mitzutragen. Gleichzeitig darf man aber bei all der Debatte auch nicht vergessen, dass Muttersprachenunterricht auch deshalb nicht an Schulen angeboten wird, weil ein quantitativer Bedarf seitens migrantischer Eltern nicht geäußert wird, obwohl er medial immer wieder gefordert wird. Hier erleben wir eine – auch kritisch zu hinterfragende – Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Tolga Özgül: Denken Sie, dass die Einführung des Muttersprachenunterrichts die Integration fördern würde. Wenn ja inwiefern?

Caner Aver: Die Einführung des Muttersprachenunterrichts würde unter den Migrant*innen zu einem erhöhten Zugehörigkeitsgefühl beitragen, weil dadurch ein Teil ihrer Identität – nämlich ihre Mutter- bzw. Herkunftssprache – eine Gleichwertigkeit gegenüber der deutschen bzw. anderen Sprachen erhalten würde. Denn die hybride Identität von Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist ein Normalfall und das Recht auf das Erlernen der Muttersprache ist ein kulturelles Menschenrecht.  Dies bedeutet aber keinesfalls, Deutsch als Hauptverkehrssprache abzulösen, sondern im Idealfall beide Sprachen auf einem hohen Niveau zu beherrschen.

FM: Herr Özgül, Welche Haltung nimmt die Bürgerinitative Genç ASİP zum herkunftssprachlichen Unterricht ein?

Tolga Özgül: Wir als Genç ASİP setzen uns für die Förderung des Muttersprachenunterrichts in Schulen ein. In Deutschland leben Menschen aus rund 200 Nationen mit verschiedenen Muttersprachen, Religionen und Weltanschauungen. Sprache ist Kultur, daher bedeutet Kulturenvielfalt, die Verschiedenartigkeit der einzelnen Muttersprachen zuzulassen. Daher ist es außerordentlich wichtig, die Muttersprache von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Schulen zu fördern.

FM: Ab 1961 begann die Einwanderung türkischer Gastarbeitern nach Deutschland. Auf Seiten der Einwanderer und der Aufnahmegesellschaft gab es damals Vorbehalte. Die Integration lief nicht optimal, könnte man aus heutiger Sicht sagen. Was hat sich seitdem verändert und wie kann man Integration noch besser fördern?

Tolga Özgül: Aus den damaligen Fehlern haben wir dazugelernt und gehen heute bestimmte Themen anders an wie zum Beispiel Sprachkurse, Wohnräume oder berufliche Perspektiven. Wo wir als Verband Defizite sehen und was wir gleichzeitig als ein Hindernis zur erfolgreichen Integration von neu ankommenden Menschen einordnen, ist, dass wir uns als Gesamtgesellschaft abschotten statt einander kennenzulernen und gegebenenfalls Vorurteile abzubauen. Wir dürfen uns nicht von unserem Gegenüber isolieren und auf populistische Aussagen hereinfallen. Denn damit spielen wir nur den Feinden der offenen und demokratischen Mehrheitsgesellschaft in die Hände.

FM: Wir erleben in Europa und weltweit tatsächlich eine starke Polemisierung in den politischen Debatten und im gesellschaftlichen Umgang. Rassismus und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Halten Sie es für möglich, dass wir als Gesellschaft an der Aufnahme bzw. Integration von Migrantinnen und Migranten scheitern, trotz aller Bemühungen verschiedener privater und politischer Organisationen?

Tolga Özgül: Wenn ich sie beruhigen darf: Nein, uns droht keine Spaltung als Gesellschaft, dafür sind wir als aufgeklärte Gesellschaft deutlich in der Mehrheit. Einige der seit 2015 aufgenommenen Migrantinnen und Migranten sprechen mittlerweile fließend Deutsch und sind auf einem B1 Level. Andere wiederum sind auf einem A2 Level, was ich aus Erfahrung sagen kann. Was wir meistern müssen ist, dass aus keinem Migrant in einigen Monaten oder Jahren ein Germanist werden kann. Das bedarf alles seiner Zeit.

Die Junge Europäische Bürgerinitiative Plattform (Genç ASİP) ist eine Nichtregierungsorganisation und wurde im Februar 2018 in Köln von Tolga Özgül gegründet. Aktuell ist sie in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg aktiv. Sie verfolgt unter anderem das Ziel, die deutsch-türkische Beziehung zu stärken und zu fördern, aber auch die politische Partizipation von Migrant*innen aus anderen Herkunftsländern zu unterstützen.

Über Leonardo De Araújo 44 Artikel
Leonardo De Araujo hat Werbung und Marketing in seiner Heimatstadt, Rio de Janeiro, studiert und mehrere Jahre in der Werbung gearbeitet. Seit 1984 arbeitet er für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt nebenbei Drehbücher und Artikel.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*