Lernerfahrungen mit Musik. Zuhören und ermutigen

Foto: Doris Seitz

„Fünf Sterne. Daumen hoch. Ein absolutes Muss“. Danny Kruse ist begeistert. „Die Fortbildung ‚Interkulturelle Musikpraxis‘ war für mich eine tolle Erfahrung. Sie bot nicht nur viele Informationen, sondern auch Raum für Selbstreflexion und gab einen Seelenfrieden und Gelassenheit. Ich gehe jetzt mit offeneren Augen durch die Welt.“

Von Susanne Brandt

Der 24-jährige Musiker und angehende Erzieher gehört zu der Gruppe von 17 Hobby- und Profi-Musikerinnen und Musikern, die an der Zertifikats-Fortbildung ‘Interkulturelle Musikpraxis’ vom Verein Tontalente im Rahmen des Projekts MuV (Musik und Vielfalt) in Lübeck teilgenommen haben.

Die Musikhochschule Lübeck und der Landesmusikrat Schleswig-Holstein sind Kooperationspartner dieser interkulturellen Fortbildung.  Der inhaltliche Bogen reicht von Musikethnologie über Makams und Rhythmen, Musik- und Sprachförderung bis hin zu Projektentwicklung und Networking.  Und natürlich kommt auch das gemeinsame Musik machen nicht zu kurz.

Welche Rolle spielt Musik in unserem Leben?

Die Hälfte der Teilnehmenden ist zugewandert. Menschen aus verschiedenen Ländern und Lebensbereichen nehmen an der Qualifizierung teil. Die Altersspanne reicht von jungen Studierenden bis hin zu Menschen, die bereits seit mehr als 30 Jahren in einem sozialen oder pädagogischen Beruf arbeiten. Allen gemeinsam ist, dass sie mit Musik beruflich oder privat zu tun haben: in Kitas, Schulen, Stadtteilen, Jugendzentren oder anderen Bereichen. Nun ist es ihr gemeinsamer Wunsch, neue Musikkulturen kennen zu lernen und neue Ausdrucksmöglichkeiten gemeinsam auszuprobieren.

„Ich habe so viele neue Lieder aus den verschiedenen Kulturen kennen gelernt und sehr gute Vorträge über elementare Musikpädagogik gehört.  Und ich habe viel darüber diskutiert, welche Rolle Musik in unserem Leben spielt“, schwärmt auch Astghik Sisakyan aus Armenien. Sie engagiert sich neben der Ausbildung noch beim Frauenmusiktreff von Tontalente.  Am Anfang habe sie keinen gekannt. Doch in Laufe der fünf Wochenenden von Ende Oktober 2018 bis Ende März 2019, „sind wir wie eine Familie geworden.“

Lernen, eigene Vorstellungen zu hinterfragen

Die gemeinsame Lernerfahrung in dieser so vielfältigen Gruppe ist etwas Besonderes. Denn es geht bei diesem Kurs nicht im klassischen Sinne darum, Fertigkeiten an einem bereits vertrauten Instrument zu verbessern.  Zum Lernweg gehört zunächst die Bereitschaft, sich gerade auch mit unvertrauten Musikkulturen auseinanderzusetzen. Die Männer und Frauen entdecken, was es heißt, den Begriff „Musik“ völlig neu zu hinterfragen. Überraschende Begegnungen und das Experimentieren mit Stimmen und Instrumenten prägen die besondere Atmosphäre in der Gruppe. Beim gemeinsamen Musik machen können alle ihre verschiedenen Erfahrungen und Ideen einbringen.

Immer wieder tauchen dabei spannende Fragen auf. Wo und wie werden Maßstäbe für richtige oder falsche, gute oder schlechte Musik festgelegt? Und was bedeutet das für den interkulturellen Austausch?  Was meinen wir, wenn wir Begriffe wie „Weltmusik“ benutzen? Die Vorstellung von Musik als eine „Weltsprache“ mag schön klingen, wird aber oft leichtfertig aus einer eher einseitigen Perspektive beschrieben. Ohne der großen Vielfalt an Wahrnehmungs- und Ausdrucksweisen dabei wirklich gerecht zu werden. Auf der Suche nach einer vermeintlich verbindenden gemeinsamen Sprache kommen schnell werteästhetische Maßstäbe mit ins Spiel. Aber genau diese lassen einen echten Austausch oft nicht zu.

Lernen als Prozess

Bei diesem Kurs wird deutlich: Das eigentliche Lernen geschieht hier für alle – und für jeden und jede anders – als Prozess. Es ist nicht gebunden an vorgegebene Genres und nationale Prägungen, die festlegen, ob etwas richtig, falsch oder gar authentisch ist.

Dabei ist in allen Phasen der offene Austausch wichtig. „Immer wieder geht es bei Musik darum, aufeinander zu hören“, stellt eine der Teilnehmenden fest. „Und dieses Zuhören – das sensibilisiert auch insgesamt die Wahrnehmung in der Begegnung.“

Im Frühjahr 2019 kam anlässlich der Abschlussfeier für den ersten Kurs vieles davon in einem gemeinsamen mehrsprachigen Musikstück zum Klingen. Nach diesem ersten erfolgreichen Zertifikats-Kurs  wird daran gedacht, diese interkulturelle Fortbildung noch deutlicher über die Grenzen Lübecks hinauswirken zu lassen.

Und auch für die ersten Absolvent*innen steht am Ende eher eine Öffnung als ein Abschluss. Das Lernen durch Musik bleibt ein Prozess. Es hat viele dazu ermutigt, sich musikalisch mehr zu trauen als anfangs gedacht. Das bleibt – und das wird weiterwirken.

Wer neu einsteigen möchte: Hobby- und Profi-Musiker*innen können sich für die kommende Fortbildung bewerben. Sie läuft von September 2019 bis Februar 2020 und umfasst 5 Wochenenden.

Kontakt und Quelle der Infos:

https://www.tontalente.de/MuV_Musik_und_Vielfalt.html

 

Über Susanne Brandt 20 Artikel
Studierte Bibliothekswesen und Kulturwissenschaften und arbeitet als Lektorin und Autorin, hauptberuflich für die Büchereizentrale Schleswig-Holstein und ehrenamtlich für das Flüchtling Magazin - als "Nordlicht" an der dänischen Grenze vorwiegend online. Daneben ist sie in verschiedenen Projekten, z.B. als Integrationslotsin, in der interkulturellen Musikpraxis sowie im kirchlichen Bereich engagiert. Für das Flüchtling Magazin schreibt sie vor allem Beiträge mit oder über Menschen, die in Kunst und Kultur, in der Friedensarbeit oder auch in ihrer Religion etwas erleben und bewegen, was sie gern anderen mitteilen möchten. Gelegentlich stellt sie neue Bücher und Initiativen vor, die für den interkulturellen Austausch interessante Impulse liefern. Und manchmal fließen Impressionen aus Begegnungen mit Menschen auch ein in ein Gedicht oder Lied...

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*