Eine Geschichte aus Syrien

In dieser Geschichte geht es um eine zerissene Familie und einen Todesfall. Foto: Muhannad Ghannam on Unsplash

Shadi Salmat erzählt eine traurige Geschichte über eine ihm bekannte syrische Familie. Nur die Eltern erhalten Asyl, um ihrem ältesten Sohn nach Deutschland zu folgen. Drei weitere minderjährige Geschwister müssen in Syrien bleiben. Wie es ihnen dort ergeht, berichtet Shadi Salmat unterbrochen von tagebuchähnlichen Fragmenten,  in denen er aufruft zu mehr Verständnis und Toleranz untereinander. 

Ein Erfahrungsbericht von Shadi Salmat

Ich werde euch eine dramatische, traurige Geschichte von einer syrischen Familie erzählen, die ich persönlich kenne. Es handelt sich um eine isolierte Familie, die schockierende Szenen erlebt hat. Die Familie besteht aus den Eltern, die seit zwei Jahren in Deutschland nördlich von Frankfurt leben und einem Sohn, der bereits seit vier Jahren in Deutschland lebt. Drei minderjährige Kinder leben noch in Syrien ohne Begleitung. Sie leiden dort unter der Gewalt von Verwandten sowie unter Armut und leben ohne Respekt vor den Menschenrechten. Der Vater ist stumm, er ist sprachlos seit der Geburt. Er ist krank im Herzen und benötigt tägliche Betreuung. Er äußert seine Meinungen nur mit Tränen und Fingersignalen. Er ist arbeitsunfähig. Der älteste Sohn studiert hier nahe Frankfurt a.M. in der Schule. Um ihn machen sich die Eltern keine Sorgen, er macht seine Zukunft. Er sieht seine Eltern nur am Wochenende. Aber er ist mittlerweile integriert. Die Mutter kümmert sich um ihren Ehemann.

Die Familie wird auseinander gerissen

Die Familie hat in Syrien ein Haus, aber es wurde aufgrund des Krieges komplett zerstört. Der älteste Sohn ist im Jahr 2015 über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Er war damals ein minderjähriger Flüchtling ohne Begleitung. Er bekam Asylrecht und ein Bleiberecht für drei Jahre. Im Jahr 2018 wurde seine Aufenthaltserlaubnis noch drei Jahre verlängert. 2016 hat seine komplette Familie, die Eltern und seine Geschwister, einen Antrag auf Familiennachzug bei der Deutschen Botschaft in Beirut beantragt. Das Ergebnis: Nur den Eltern wurde ein Visum nach Deutschland gegeben. Der Antrag der minderjährigen Kinder wurde abgelehnt. Kein Visum für seine Geschwister. Das war ein neuer Anfang der Tragödie und eine harte Überraschung.

Die Familie ist nicht gut informiert und sie wissen nichts über die neuen Änderungen in der deutschen Flüchtlingspolitik und im Asylgesetz. Sie haben sich entschieden, dass die Eltern nach Deutschland fliegen. Ihre Hoffnung war, dass sie die Kinder in sechs Monaten nachholen können. Solche Entscheidungen kann man gar nicht verstehen, aber leider passiert so etwas! Wir kennen nicht die Umstände, und wir wissen nicht, welche Hintergründe oder Bedürfnisse dahinter stecken. War es wegen der Krankheit des Vaters, dem zerstörten Haus, den falschen Informationen über Deutschland? Genauso kann ich auch nicht verstehen, warum die Botschaft in Beirut den Visumsantrag der Kinder abgelehnt hat! Egal, welche Gründe es gab, ich kann es echt nicht nachvollziehen. Das Ergebnis ist, dass drei minderjährige Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, in Syrien gelassen wurden.

Die zurückgelassenen Kinder in Syrien leiden unter der Gewalt der Verwandten

Die Kinder wurden zuerst von den Verwandten gegen die Bezahlung von Geld betreut. Die Eltern hatten in Deutschland keine andere Option. Sie müssen für die Betreuung der Kinder bezahlen. Die Verwandten in Syrien denken, dass die Eltern in Deutschland reich geworden sind. Sie wollen immer mehr Geld für die Betreuung der Kinder, aber die Kinder bekommen nichts. Die Verwandten haben die Kinder geschlagen, wenn die Eltern kein Geld geschickt haben. Die Eltern selbst sind arme Schweine, sie wohnen noch im Flüchtlingscamp. Sie bekommen beide nur Sozialhilfe – 525 Euro. Sie essen fast nichts, damit sie etwas sparen und nach Syrien überweisen können!

Die Verwandten in Syrien haben die Kinder gezwungen, arbeiten zu gehen. Sie erlauben nicht, dass die Kinder mit ihrer Mutter sprechen. Das älteste Mädchen, 14 Jahre, wurde belästigt. Sie weint oft. Sie will ihre Mutter. Sie wohnt jetzt bei ihrer Tante. Die Tante selbst wohnt unter der Kontrolle der Familie ihres verstorbenen Mannes und diese erlaubt nur ,das Mädchen dort wohnen zu lassen, und das auch nur gegen Geld. Die anderen beiden Kinder befinden sich in der Gewalt ihres Onkels. Sie haben die Schule verlassen. Der Onkel jammert, er benötigt mehr Geld um die Kinder zu ernähren. Die Eltern in Deutschland können die neuen Forderungen der Verwandten für die Betreuung der Kinder nicht mehr leisten, was aber mehr Gewalt gegen die Kinder in Syrien bedeutet.

Die Eltern bekommen nun eine eingeschränkte Aufenthaltserlaubnis, einen sogenannten subsidiären Schutz in Deutschland. Sie haben endlich das Recht auf Familiennachzug. Aber wann das klappt, weiß kein Mensch! Ich denke, aus meiner Erfahrung, wird es wegen der Bürokratie Jahren dauern. Die Mutter kommt täglich zu uns. Sie kriegt bei uns Essen und telefoniert mit den schlimmen Verwandten in Syrien. Manchmal hat sie die Chance, mit ihren Kindern zu sprechen oder zu chatten. Im Flüchtlingscamp hat sie kein WLAN. Ich wollte euch diese Geschichte erzählen, die ein schlechtes Gefühl bei mir hinterlassen hat.

Zwischeneinschub 1 –  Meine Erfahrungen als Demonstrant

Heute war ich in einem Protest gegen die Aussetzung des Familiennachzugs für die Geflüchteten in Wiesbaden. Unabhängig von der Anzahl der Demonstranten hat die Geschichte dieses Kindes im Video mich berührt. Sie machte mich sprachlos und hat mich total schockiert. Er und seine Schwester sind alleine in Deutschland ohne Vater und Mutter. Wir wissen nicht, wie oft er vor dem Schlafen weint. Solche Geschichten hört man oft. Ich kann mir nicht vorstellen, elf Jahre alt zu sein, und meinen Vater und meine Mutter seit vier Jahren nicht gesehen zu haben. Von Herzen wünsche ich ihm viel Kraft und hoffe, dass er seine Familie bald wieder sieht. Ich danke besonders den Deutschen, die bei der Demonstration mitgemacht haben.

Zwischeneinschub 2 – Wir alle sind Menschen – ein Appell an euch

Liebe Menschen, wir leben in einer einzigen Welt. Wir haben ähnliche körperliche Eigenschaften. Wir unterscheiden uns in der Hautfarbe, in der Körpergröße, im Gewicht, und wir kommen aus verschiedenen Nationen und Ländern. Aber wer hat von euch seine Nationalität oder seine Heimat bzw. die Haarfarbe ausgewählt. Wer ist Schuld daran? Es bleibt ein Rätsel!

Ja, ich weiß, was du jetzt sagst… deinen berühmten Satz: “Wir können nicht die Welt retten! Wir haben selbst genug Probleme.” Du wirst dazu folgendes ergänzen: “Die Armut in Afrika, der Krieg in Syrien, die Unstabilität in Afghanistan, die Arbeitslosigkeit in Nordafrika, die iranische Bedrohung, die Konflikte zwischen den Russen, der Klimawandel, die Konflikte im Nahen Osten, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China…”. Sorry, darf ich kurz unterbrechen? Für mich sieht die Situation ganz anders aus. Ich weiß, dass es niemandem  komplett gut geht, glaub mir. Wir leiden alle unter Problemen, gesundheitlichen Problemen. Viele von uns arbeiten hart, um die eigenen Kinder zu ernähren. Wir leben alle im Stress, aber wir müssen uns bemühen, gut zu werden. Das Leben wartet nicht darauf, was ihr wollt und euch wünscht. Jeder hat Träume. Ich empfehle euch nur, eine Regel zu beachten. SEI MENSCH! Denk mal positiv! Bitte Abstand von Rassismus halten! Die Humanität fordert Menschen, die miteinander verbunden sind. Dadurch und durch Toleranz vereinigen wir uns, für das wichtigste Ziel des Lebens, die Liebe. Meine Worte sind nur ein Aufruf zur Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschen für Menschen! Wir sind nur Gäste in dieser Welt.

Ein Kind stirbt in Syrien – wer ist verantwortlich?

Omar hat uns verlassen! Ein Junge, der davon träumte, mit seinen Eltern und seinem Bruder, in Deutschland in Sicherheit zusammen zu leben. Seine Schuld war es, dass er als ein syrischer Junge, der in einem Kriegsgebiet geboren und aufgewachsen ist, durch diese Erfahrungen gewalttätig wurde. Trotz der Versuche seiner Mutter, ihn auf verschiedene Weisen nach Deutschland zu bringen, ist er alleine in Syrien geblieben. Die deutsche Botschaft in Beirut hatte eine andere Meinung. Sie erlaubte nur, dass die Eltern nach Deutschland kommen. Omar ist das Opfer falscher Entscheidungen in der Einwanderungs- und Asylpolitik, Omar ist das Opfer der Ignoranz seiner Eltern, er ist das Opfer einer grausamen Gesellschaft. Die deutsche Botschaft war ein Partner in diesem Verbrechen.

Am 05.07.2017 war Omar bei der Botschaft mit seinen zwei Geschwistern und seinen Eltern. Der älteste minderjährige Bruder von Omar wohnte bereits seit 2015 in Deutschland. Nach ein paar Monaten hat die Botschaft sich entschieden dass nur die Eltern kommen sollten! Omars Antrag wurde abgelehnt. Was war das Ziel? Die Anzahl der Flüchtlinge zu reduzieren? Oder war das Ziel, die Familie zu spalten? Es war klar, dass die Familie sich zwischen dem Tod in Syrien oder der Spaltung zwischen Syrien und Deutschland entscheiden sollte.

Der Vater leidet unter einer Krankheit. Die Idee der Eltern war es, dass sie nach Deutschland gehen und die Kinder so schnell wie möglich nachholen. Wir wissen nicht, welche Lebensumstände dazu geführt haben, dass sie eine solche Entscheidung getroffen haben. Aber ich kann die Entscheidung der Deutschen Botschaft nicht verstehen. Der Ablehnungsbescheid war der Killer. Die Familie hatte zwei Optionen: Den Vater in Deutschland zu behandeln oder in Armut und im Krieg in Syrien zu bleiben. Die deutsche Botschaft hat indirekt zwei Optionen angeboten. Den Tod des Vaters oder den Tod des Sohnes. Wenn diese Geschichte ihre Gefühle erreicht, dann haben wir die Chance seinen Geschwistern weiterzuhelfen. Meine Gedanken sind bei seiner Mutter.

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