Recyclehero: Alessandro, Nadine und die Helden des Alltags

Nadine und Alessandro wollen mit recyclehero Menschen eine Arbeitsperspektive geben. Foto: Leonardo de Araujo
Nadine und Alessandro wollen mit recyclehero Menschen eine Arbeitsperspektive geben. Foto: Leonardo de Araujo

Alessandro und Nadine sind ein junges Paar, das noch vor zwei Jahren eine gesicherte Existenz mit Festeinstellungen genoss. Für eine neue und gute Idee waren sie bereit, den goldenen Käfig teilweise zu verlassen. Hier ist die Geschichte hinter Recyclehero.

FM: In eurer Firma werden Geflüchtete und schwer vermittelbare Arbeitslose beschäftigt. War dieser soziale Schwerpunkt von vornherein gewollt oder hat sich das ergeben?

Allessandro: Am Anfang hatten wir die Vorstellung, mit der Abholung und Entsorgung von Altglas und Altpapier, Obdachlosen eine Job-Chance zu geben und ihnen dadurch den Zutritt in ein geregeltes Leben zu ermöglichen. Das war die ursprüngliche Idee, als wir das Konzept vor zwei Jahren spontan bei der Social Innovation Challenge vorgestellt haben. Ein paar Coaches brachten uns bei dieser Gelegenheit auf die Idee, auch andere Gruppen mit einzubeziehen. Wir sollten unser Jobangebot breiter streuen. Wir dachten uns, warum nicht, denn unser Ziel war, alle Menschen für diese Idee zu gewinnen, die keinen Zugriff auf den regulären Arbeitsmarkt haben. Die Voraussetzungen sind eher einfach, kein Mensch braucht einen Führerschein und einfache Deutschkenntnisse reichen durchaus. Ein gering qualifizierter Mensch kann diesen Job auch machen. Und damit war der erste Schritt getan, auch Geflüchteten und Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben.

FM: Wie erfolgte der erste Kontakt mit Geflüchteten?

Alessandro: Der erste Kontakt erfolgte während des “Forum Flüchtlingshilfe” im Kampnagel im August 2018. Wir haben uns dort mit unserem Lastenrad hingestellt und die Menschen schlicht und einfach gefragt, ob sie nicht Lust hätten, an unserem Projekt teilzunehmen. Letztendlich waren es fünf bis sieben Menschen, unter anderem aus Eritrea und Nigeria, die eine Runde mit unserem E-Lastenrad Test gefahren sind. Die meisten konnten zu diesem Zeitpunkt kein richtiges Deutsch und wir haben uns auf Englisch und mit Händen und Füßen verständigt. Sie fanden die Idee gut, mussten aber erst einmal überprüfen, ob diese neue Tätigkeit auch zeitlich passt, denn Sprachunterricht steht bei den meisten auf dem Programm. Einer hat sich bei uns per Mail gemeldet und wurde von uns für ein Gespräch eingeladen. Wir haben uns ein paar Tage später in einem Café verabredet, um uns in lockerer Atmosphäre besser kennenlernen zu können.

Nadine: Wir wollten keinen Lebenslauf oder andere Papiere sehen, unser Ziel war es, die Barrieren zu brechen, die am Anfang oft herrschen. Uns war wichtiger zu erfahren: Wer ist dieser Mensch? Wo kommt er her? Wie ist seine Geschichte? Wir alle wissen, dass viele Geflüchtete drei Jahre oder länger unterwegs waren. Zum Teil haben diese Menschen ihre Familien schon lange nicht mehr gesehen. Leider kam er nicht zum Termin und hat sich auch nie wieder gemeldet.

FM: Wie waren die Erfahrungen im Alltag als die ersten Geflüchteten zu euch kamen?

Alessandro: Die Frage ist schwer zu beantworten, da wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genügend Erfahrungen sammeln konnten. Ich hatte einen zweiten Kontakt zu einem jungen Mann, der sich gerade in einem Restaurant bewarb. Ich hatte dort einen Abholauftrag für Altglas zu erledigen. Wir kamen ins Gespräch und ich habe ihn gefragt, ob er sich auch vorstellen könnte für uns zu arbeiten, falls das mit dem Job im Restaurant nicht klappen sollte. Ihm gefiel die Idee, er meldete sich anschließend bei mir, und wir haben ihn für ein Interview eingeladen. Er kam leider nicht zum verabredeten Termin, sagte aber immerhin, dass er keine Zeit hatte. Und so war es auch beim zweiten Mal, aber er fragte, ob er am nächsten Tag kommen kann. Okay sagten wir, jeder hat drei Chancen verdient. Diesmal klappte unser Treffen, er war gut vorbereitet und hatte sogar Papiere dabei. Zwei Tage später sollte er bei uns Probearbeiten und ich wartete auf ihn. Es verging eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, ich wartete vergeblich. Er hatte verschlafen. Nach diesen ersten Erfahrungen haben wir den Plan, unser Sozialunternehmen sofort mit Geflüchteten aufzubauen, erst einmal aufgegeben und einen Mitarbeiter gesucht, mit dem wir unsere ersten Kunden zuverlässig bedienen konnten. Wir mussten unsere Idee, unser Geschäft erst einmal vernünftig auf die Straße bringen, es für die Allgemeinheit sichtbar machen. Jetzt sind wir besser aufgestellt und richten den Fokus wieder auf die Anstellung von Geflüchteten.

Nadine: Wir erleben auch großartige Begegnungen, zum Beispiel kürzlich mit einem geflüchteten Iraner. Er ist ein sehr offener Mensch und ich war neugierig auf seine Geschichte. Auch wenn er zur Zeit nur englisch spricht, habe ich versucht, ihm wichtige Infos zu vermitteln, damit er sich in Deutschland beruflich und sozial gut zurecht findet. Und darum geht es auch, unsere „Heroes“ betrachten wir nicht nur als Angestellte, sondern wir wollen wenn möglich gerne eine freundschaftliche Beziehung aufbauen.

FM: Wie habt ihr eure Firma finanziert?

Alessandro: Ein Crowdfunding steht im Rahmen des deutschen Integrationspreises im Mai an. Am Anfang haben wir die Kosten so niedrig wie nur möglich gehalten, sei es bei der Beschaffung von Transportkisten oder dem Erwerb eines Lastenrads. Die Kisten kauften wir über Ebay, das Rad bekamen wir über ein Projekt geliehen. Jetzt haben wir einen Sponsor für die Kisten und ein Rad wird bestellt. Das ist die größte Investition, die wir tätigen müssen, um sie später über die Einnahmen der Crowdfunding-Kampagne zu refinanzieren.

FM: Nadine, hast du an diese Idee sofort geglaubt? Hattet ihr überhaupt einen Plan B?

Nadine: Ich war vor Anfang an dabei und konnte mir die Idee sofort vorstellen und in den letzten zwei Jahren haben wir das Projekt weiterentwickelt. Aber noch haben wir unsere Jobs als Back-up, vier Tage die Woche. Ich werde meinen Job jetzt an der Nagel hängen, um meine Kräfte in unserer Firma zu stecken. Wir wissen noch nicht, wann wir beide uns nur der Firma werden widmen können und daher fahren wir zur Zeit zweigleisig.

FM: Von der Firma alleine könnt ihr noch nicht leben. Warum tut ihr das überhaupt?

Alessandro: Wir hoffen natürlich, dass in Zukunft nicht nur eine Existenz für die Heroes gesichert wird sondern, dass wir auch unser Leben davon bestreiten können. Aber das Konzept ist nicht dafür ausgelegt, viel Geld zu verdienen. Das Ziel ist eine sich selbst tragende, gemeinnützige UG und keine rein profitorientierte AG aufzubauen. Wir haben beide früher gut bezahlte Jobs gehabt aber auch festgestellt, dass diese goldenen Käfige nicht alles im Leben sein können. Wir möchten auch einen sozialen Impact mitgestalten, eine nachhaltige soziale und gesellschaftliche Wirkung prägen. Diese Idee hat eine eigene Magie, die uns erfüllt.

FM: Ich bedanke mich bei euch für das Gespräch. 

 

Um diese  Projekt  direkt zu unterstützen:

https://www.startnext.com

Autor: Leonardo de Araújo

Über Leonardo De Araújo 44 Artikel
Leonardo De Araujo hat Werbung und Marketing in seiner Heimatstadt, Rio de Janeiro, studiert und mehrere Jahre in der Werbung gearbeitet. Seit 1984 arbeitet er für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt nebenbei Drehbücher und Artikel.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*