Struktur und Hoffnung. Katastrophenhilfe braucht Humanitäre Logistik

Organisation von Lebensmittelspenden im Spendenladen in Mariana. Foto: Douglas Sant 'Anna
Organisation von Lebensmittelspenden im Spendenladen in Mariana. Foto: Douglas Sant 'Anna

Der Brasilianer Douglas Sant’ Anna da Cunha (34) ist ausgewiesener Fachmann für Humanitäre Logistik und arbeitet seit vielen Jahren in Katastrophengebieten. So war er beispielsweise in brasilianischen Flüchtlingslagern in Teresópolis und Petrópolis im Einsatz. 2011 wurden dort nach heftigen Unwettern ganze Stadtviertel durch gewaltige Lawinen aus Schlamm und Gesteinsbrocken weggeschwemmt. Tausende Menschen wurden dadurch obdachlos. Douglas Sant’ Anna da Cunha ist u. a. Berater des brasilianischen und mexikanischen Roten Kreuzes sowie Autor eines Buches über Humanitäre Logistik*.

 

Douglas Sant 'Anna in Paracatu de Baixo, Brasilien. Foto: Marcia Paiva
Douglas Sant ‘Anna in Paracatu de Baixo, Brasilien. Foto: Marcia Paiva

Die erste Aufgabe des Logistikers eines Flüchtlingslager besteht darin, die lebenswichtigen Ressourcen wie Lebensmittel, Wasser, Hygiene- und Reinigungssets, Kleidung und Schuhe für die dort lebenden Menschen zu koordinieren. Der Bestand an diesen Gütern wird strukturiert oder in machen Fällen auch umstrukturiert. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Geflüchteten und Kranken in den Flüchtlingslagern oder Krankenhäusern stets mit ausreichend Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden können.

Der erste Schritt bei der Planung und Entscheidungsfindung eines Logistikfachmanns besteht darin, die Zielgruppen quantitativ zu bewerten. Es ist wichtig, so viele Informationen wie möglich über die geflüchteten Menschen zu generieren. Nur so ist es möglich, alle zufriedenstellend unterzubringen, zu verpflegen und zu behandeln. Dabei müssen die Logistiker immer berücksichtigen, dass die Zahlen bei der Ankunft von neuen Opfern abweichen können. So war beispielsweise das Flüchtlingslager in Domeez unweit der Stadt Dohuk im irakischen Kurdengebiet für nur rund 20.000 Menschen ausgerüstet. Tatsächlich aber lebten dort zwischen 2011 und 2014 zeitweise mehr als 35.000 syrische Flüchtlinge, die die syrische Grenze zum Irak überquert hatten, um in Domeez Zuflucht zu suchen.

Die Strukturen im Flüchtlingslager

Wenn der Informationsfluss aller Beteiligten funktioniert, kann die Verteilung der Hilfgüter beginnen. Wichtig bei der Planung ist es, die Art der Unterbringung der Geflüchteten zu beachten. Viele der Zeltlager sind improvisiert. Oft gibt es keine Infrastruktur und die Beschaffung von Produkten für den Dauereinsatz oder die Wartung der Anlagen lassen zu wünschen übrig. Es geht nicht nur darum, Hilfsgüter zu lagern und zu verteilen. Ziel ist es auch, Verbesserungen der Wohnstruktur zu treffen und grundlegende Dienstleistungen für die Geflüchteten zu organisieren, z.B. die Kontrolle der Trinkwasserqualität. Wenn es keine Sanitärstruktur gibt, hat das unangenehme Folgen. Die Ableitung von Abfällen aus den Latrinen muss geregelt werden.  Nur so lassen sich Gesundheitsschäden verhindern. Normalerweise wächst ein Lager sehr schnell und unerwartet. Deshalb fehlen oft für lange Zeit Sanitärsysteme, die die Bedürfnisse der Geflüchteten decken. Dadurch entsteht ein hohes Krankheitsrisiko.

Es ist belastend zu wissen, dass es sich bei den Geflüchteten um Menschen handelt, die einmal ein Zuhause und Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung hatten. Nun haben sie alles das verloren. Umso wichtiger ist es bei der Umsetzung des logistischen Prozesses, die Ressourcen sorgfältig strukturiert zu managen. Nur so kann man den Anforderungen dieser Familien gerecht werden. Schließlich befinden sich die Geflüchteten in einem Ausnahmezustand. Dadurch sind sie besonders anfällig für physische und psychische Erkrankungen. Das vorrangige Ziel ist es deshalb, ihnen ein Leben in Sicherheit mit strukturierten Tagesabläufen zu ermöglichen und ihnen Hoffnung zu geben, schon in naher Zukunft ein neues Leben beginnen zu können.

Die Ursachen der Probleme außerhalb der Lager bekämpfen

Leider ist die Situation in den Lagern oft extrem angespannt. Meist liegen sie nur unweit von Orten, in denen es nach wie vor zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. In einigen Regionen, etwa in Flüchtlingslagern im Sudan, wurden Entführungen durch extremistische Gruppen wie der Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) gemeldet. An anderen kam es zu Gewalttaten gegen Frauen und Kinder.

Der logistische Prozess bei humanitären Hilfsmaßnahmen sollte sich deshalb generell nicht nur um die Gewährleistung der Menschenrechte innerhalb der Lager drehen. Wichtig ist auch die Veränderung der Verhältnisse in den Herkunftsgebieten der Geflüchteten. Es geht darum, die notwendigen Ressourcen für den Bau von Wohnungen, die Strukturierung von Dienstleistungen und die Umsetzung von Mitteln zur Stärkung der Wirtschaft in den betroffenen Regionen bereitzustellen. Erst dann können sich die Lebensumstände der Betroffenen nachhaltig verbessern. Schließlich fliehen die allermeisten ja nicht willentlich aus ihrer Heimat, sondern vor den Problemen, die dort herrschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Hauptfaktoren für die Migration der Menschen aus diesen Gebieten mit Natur- oder Technologie-Katastrophen wie Kriegen und Konflikten, mit Hunger, Durst und Krankheiten zu tun haben.

Um es Geflüchteten zu ermöglichen, in ihre Heimat zurückkehren zu können und die Probleme vor Ort zu lösen, müssen alle Beteiligten gehört werden. Das gilt besonders für diejenigen, die direkt oder indirekt von den Katastrophen betroffen sind. Und zwar ohne, dass bestimmten Nationen oder Gruppen vorgeworfen wird, sie wollten durch populistische Maßnahmen polarisieren. Um Flüchtlingskrisen zu beenden, müssen Probleme an ihrem Ursprung gelöst werden. Nur zusammen werden wir stark sein, aber zusammen für den richtigen Zweck und nicht für Staaten, Armeen oder Flaggen.

Ein Beitrag von: Douglas Sant’ Anna da Cunha

* Logistìca Humanitária. Metodologica de Centros de Getao de Donátivas em Desastros.

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