Unterm Gepäck durch die Nacht. Eine deutsch-deutsche Fluchtgeschichte

Unterm Gepäck durch die Vollmondnacht

Ich hatte eigentlich im Kofferraum über die ungarisch-österreichische Grenze mitfahren wollen, aber meine Freund*innen hatten bei der Hinfahrt beobachtet, dass bei jedem zweiten Auto der Kofferraum kontrolliert wurde. Also habe ich mich nachts – um dem Grenzstau zu entgehen – bei glücklicherweise guter Vollmondsicht im Wald auf den Dachgarten schnallen lassen. Mit dunkler, alle Glieder und die Haare bedeckender Kleidung, zwei Hustenbonbons im Ärmel, auf einer Stoffdecke, durch die ich atmen konnte, und mit Gepäck und allerlei Krimskrams auf mir drauf. Es hat schon nach nach einer kurzen Weile extrem weh getan, ich war ja gegen das Abrutschen sehr fest angeschnallt, da kam kaum noch Blut durch meine Adern. Die Fahrt bis zur Grenze kam mir ewig vor. In Wirklichkeit waren es wohl nicht mehr als 20 Minuten.

Wie ein Zeichen für das Wunder

Als wir an der Grenze angekommen sind, war die Schlange wie erwartet nicht so lang. Ich habe oben Blut und Wasser geschwitzt. Ich war nass. Und dann kam das Klopfen von unten. Das bedeutete, ich solle besonders still sein. Die Grenzbeamten, es waren zwei Stimmen, haben ihre üblichen Fragen gestellt und meinten dann, sie würden jetzt gern das Auto kontrollieren. Zuerst solle die Fahrerin mal den Kofferraum aufmachen. Ich hatte ein Gefühl, als würde mein Herz stillstehen. Sie haben dann alles durchsucht, auch das Dach. Sie haben auf den leeren Karton auf meiner Schulter geklopft, in die Schlafsäcke an meinem Rücken gestoßen, an den Kraxen7 zu meinen Füßen herum genestelt. Für den Bruchteil einer Sekunde hat der eine dabei meine Ferse berührt. Ich werde nie erfahren, ob er etwas gemerkt hat. Dann sind wir losgefahren. Yippie!

Aber nein, es gab ja noch den Übergang zu Österreich! Und niemand von uns hatte eine Ahnung, ob Österreich nicht vielleicht auch an die DDR ausliefert. Oder was mit Fluchthelfer*innen passieren würde. Wir waren so jung, so ahnungslos, aber auch so mutig! Wir sind also noch eine gefühlte Ewigkeit in Österreich herumgegurkt, bevor meine Freund*innen eine gute Stelle im Wald ausfindig gemacht haben. Ich war schon fast ohnmächtig vor Schmerzen. Dann bin ich runter geklettert – und stand wie neben mir. Dieses Waldstück war also Österreich. Und plötzlich begann eine totale Mondfinsternis. Es war der 17. August 1989. Der Mond war riesig und hatte einen ganz bunten Hof. Es war wie ein Zeichen für das Wunder, das geschehen war: Ich hatte es geschafft.

Erste West-Zigaretten miteinander geteilt

Am nächsten Morgen sind wir zur Deutschen Botschaft in Wien gefahren. Genau an diesem Tag, so hatten wir noch in Ungarn im Radio gehört, sollte sie nämlich für Flüchtlinge aus der DDR geöffnet werden. Als ich ankam, saßen dort im Hof schon zirka sieben andere Geflüchtete aus der DDR. Zwei waren am ganzen Körper zerkratzt. Es gab an diesem Morgen sogar kühle Getränke für uns. Die späteren Bilder aus der Botschaft sahen ganz anders aus. Sie war überfüllt mit Flüchtlingen. Wir Sieben aber saßen an diesem Tag um einen kleinen Tisch herum, jeder mit seinem eigenen Kopfkino beschäftigt und eigentlich unfähig, miteinander zu reden. Aber wir haben die ersten West-Zigaretten miteinander geteilt.

Die Botschaft bot mir an, hier so lange zu bleiben, bis es einen Sonderzug für uns in die BRD gäbe. Ich verzichtete und bin mit meinen Freund*innen weitergefahren. An der österreichisch-deutschen Grenze haben alle ihren Pass hochgehalten. Ich habe meinen grünen DDR-Sozialversicherungsausweis hochgehalten, der sah dem bundesdeutschen Pass ziemlich ähnlich. Ohne anzuhalten durften wir weiterfahren. Das war krass.

Wir sind in eine kleine Stadt bei Stuttgart zu meiner Freundin gefahren. Im Fernsehen habe ich dort am nächsten Tag einen Bericht über die erste Massenflucht über die ungarisch-österreichische Grenze gesehen.8 Was sollte das denn? Waren nicht fast alle gerade noch ganz zufrieden gewesen mit der DDR? Deswegen hatte ich mich doch überhaupt nur dieser Strapaze unterzogen! Sonst hätten wir doch gemeinsam das System dort ändern können! Ich war total sauer.

Wie ein übersättigter Farbfilm

In der kleinen Stadt, in der meine Freundin im März gestrandet war, wollte ich nicht bleiben. Dass der „goldene Westen“ so golden nicht war, darauf war ich vorbereitet. Aber diese geschleckte Sauberkeit, wie in einer Plastiklandschaft für eine Modelleisenbahn! Dieser zur Schau getragene Konsum! Schon auf der Fahrt hierher war die Landschaft an meinen Augen vorüber geglitten wie ein übersättigter Farbfilm. In den Städten überall abstoßende Werbung. Es war verstörend. Mir wurde klar: Es würde mir schwer fallen, in der BRD Fuß zu fassen. Aber wenn alle Städte so wären wie diese Stadt, müsste ich sofort ins nächste Land weiterziehen.

Meine zweite Probestation war Bremen, wo die eine Freundin wohnte, die mich über die Grenze gebracht hatte. Das letzte Stück bin ich mit einem Mann getrampt, der bei der Deutschen Bundesbahn beschäftigt war. Er wirkte total nett und offen. Und als er nach mir gefragt hat, habe ich ihm trotz anderer Vorsätze die Wahrheit gesagt. Da hat er mich bis zum Haus meiner Freundin gefahren. Er hat extra noch einen Umweg gemacht, um mir auch gleich schon Tenever, eine sozialpolitische und architektonische Sünde der Stadt, zu zeigen. Er hat viel erklärt, wovon ich später noch gezehrt habe. Es war wie ein Ausflug in die Stadtgeschichte Bremens mit liebevoll-kritischem Blick. Zum Abschied wollte er mir ein Geschenk geben, hatte aber nur Werbekartons der DB dabei. Darin war ein Bumerang aus Plastik und ein Handtuch mit der Aufschrift DB 1989. Das Handtuch habe ich bis heute.

Das war ein guter Start, und auch ansonsten hat mir Bremen gleich viel besser gefallen als der Süden. Überall waren Graffiti. Es war sichtbar, dass hier Menschen lebten und ihre Anliegen selbst in die Hand nahmen.

Ich wusste, dass ich nur einen Monat bei meiner Freundin würde leben können, dann wollte sie eine lange Reise nach Brasilien antreten, die Wohnung war schon weitervermietet. Das war eine harte Zeit für mich. Ich habe ein Zimmer gesucht, habe mich angemeldet, den Ausweis und diverse andere offenbar notwendige Papiere beantragt. Das kostete alles Geld, schon allein die vielen Fotos für die Ausweise. Aber Geld hatte ich keins. Widerwillig bin ich also nach zwei Wochen zum Sozialamt gegangen. Dort hielt man es leider nicht für nötig, mir zu erklären, auf welche Leistungen ich Anspruch hätte.

Niemand wollte mich haben

Dass das Sozialamt zusätzlich zum Lebensunterhalt auch die Miete übernimmt, wusste ich nicht. Ich dachte also, dass ich auf keinen Fall mehr als 100-150 Mark pro Monat ausgeben könnte, als ich auf Zimmersuche ging. Du kannst dir vielleicht vorstellen, welche Art von Zimmern ich mir da angeguckt habe – wahre Kellerlöcher, und bestimmte Dienstleistungen sollten ab und zu auch noch inbegriffen sein. In den Vorstellungsgesprächen der Studi-WGs kam ich nicht gut an: Niemand wollte mich haben. Mir ging es schlecht. Ich habe Unglück ausgeatmet, war weder lustig noch unterhaltsam. Ich war für ihre Augen fremdartig gekleidet, habe falsche Wörter benutzt. Es war meine Muttersprache, aber es war doch nicht meine Sprache. Die feinen Bedeutungsverschiebungen von Ost nach West habe ich erst später nach und nach erlernt.

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