Unterm Gepäck durch die Nacht. Eine deutsch-deutsche Fluchtgeschichte

Erinnerung an Berliner Mauer. Foto Hussam Al Zaher

Die Flucht von Connie M* im Jahr 1989 führte nicht übers Mittelmeer, sondern von der DDR in die BRD. Ihre Erinnerungen spannen einen weiten Bogen: Von den ersten Plänen bis zu dem Gefühl, wirklich angekommen zu sein im Westen, vergehen Jahre. Ein langer Text voller Spannung, Hoffnung, Enttäuschung – und eine Ermutigung für alle, die sich noch auf dem Weg in diese Gesellschaft befinden.

Du fragst mich nach meiner Fluchtgeschichte. Ich werde versuchen, dir die vielen Puzzleteile in meinem Kopf zu erzählen. Ob eine Geschichte daraus wird? Probieren wir es mal.

Ich bin 1967 geboren und 1973 eingeschult worden. Das erste politische Ereignis, an das ich mich erinnern kann, war eine Spielzeug-Sammelaktion für chilenische Kinder, als in Chile die Militärdiktatur die Macht ergriffen hat. Und überall hing das Bild von Luis Corvalan1. Daran erinnere ich mich noch ziemlich gut. Ich war mit vollem Herzen dabei. Viel später habe ich erfahren, wie Luis Corvalan in der DDR und der UdSSR bespitzelt worden war; er hat wahrscheinlich keinen einzigen Schritt alleine machen können. Auch wenn sein Leben gerettet war, war das sicherlich nicht, wie er sich den Sozialismus vorgestellt hatte. Die politische Führungsriege in der DDR hatte so große Angst, dass Kommunist*innen und andere Linke, die den Klassenkampf tatsächlich noch gelebt haben, ihre eigenen Ideen von einer neuen Gesellschaft in diese piefige DDR tragen könnten. Sie hätten womöglich noch die Leute dazu gebracht, ihre Gesellschaft kritisch zu hinterfragen und über Veränderungen nachzudenken.

Diese geistige Enge

In meiner Kindheit und Jugend war die DDR total versteinert. Das war typisch für diese Zeit: Alles war komplett erstarrt, alle Denk- und Handlungsmuster waren völlig unbeweglich. Je älter ich wurde, desto stärker und unangenehmer habe ich diese Einengung wahrgenommen. Ich war eigentlich gut in der Schule und bin gerne hingegangen. Es fiel mir leicht. Aber mit zunehmendem Alter bin ich immer mehr angeeckt. Denn je mehr ich selbst nachdachte, je vielschichtiger meine Wahrnehmung von der Welt wurde, desto schwerer fiel es mir, mir die Floskeln einzuprägen, die man von uns hören wollte.

Einmal habe ich in der Schule gefragt, warum sich die Menschen nicht wie unsere historischen Vorbilder gegen die Sachen wehren würden, die sie ungerecht finden. Zum Beispiel mit Demonstrationen oder Streiks. Die Antwort der Lehrerin darauf klang misstrauisch und unhinterfragbar: Durch die sozialistische Revolution seien die Klassengegensätze ja abgeschafft worden. In einer solchen Gesellschaft seien also erstens gar keine Demonstrationen mehr nötig, und zweitens seien sie rückschrittlich und konterrevolutionär, denn sie würden dem vorwärts strebenden Sozialismus schaden. Sie seien sogar extrem gefährlich, denn sie spielten dem Klassenfeind in die Hände. Diese geistige Enge war es letztlich, die mich dazu gebracht hat, aus diesem Land zu fliehen.

Wie war es zu dieser starren Gesellschaft gekommen?

Auch die konkreten Bedrohungen, die sich hinter dieser Geisteshaltung verbargen, habe ich zunehmend wahrgenommen: Schulverweise, Rügen vor dem Fahnenappell, in der Vergangenheit Armee-Einmärsche, verschwundene Menschen… Und ich wollte wissen: Wie war es zu dieser starren Gesellschaft gekommen? Ich war so etwa 17, als in mein Bewusstsein gedrungen ist, dass es wirklich einen Hitler-Stalin-Pakt gegeben hatte, dass es Lager gegeben hatte in der Sowjetunion, die Gulags. Dass es unzählige Deportationen und Hinrichtungen in der Zeit der sogenannten Säuberungen gegeben hatte.

Lager hatte ich bis dahin nur als faschistische KZs gekannt. Ich war vollkommen erschüttert. Später habe ich einigen meiner engsten Freunde unter dem Siegel der Verschwiegenheit von meinen Erkenntnissen berichtet. Aber da ging es ihnen wie mir vorher: Sie wollten und konnten es mir nicht glauben. Die offizielle Geschichtsschreibung, alles, was wir in der Schule gelernt haben und was in der Zeitung stand, war einfach so komplett anders.

Verbotene Bücher und kritische Fragen

In meiner Studienzeit habe ich dann ein paar verbotene Bücher in die Hand bekommen, die sich damit beschäftigten: Ich glaube, es waren Solschenizyn, Orwell, Stefan Heym – man hatte oft nur 24 Stunden Zeit, dann mussten sie weitergegeben werden. Auch aus dem Radio habe ich Informationen bezogen.

Meine Eltern haben für mich eine große Rolle gespielt. Sie haben mir beigebracht, alles grundsätzlich kritisch zu hinterfragen. Vor allem mein Vater, der als philosophisch interessierter Naturwissenschaftler sehr großen Wert darauf gelegt hat, ist mir bis heute einer der wichtigsten und wertvollsten Diskussionspartner über politische Themen. Solche Diskussionen fanden in meiner Jugend natürlich immer mit dem Kommentar statt, ich solle das bloß nicht weiter erzählen.

Leben auf gepackten Koffern

Westkontakte waren heikel. Mein Vater hatte einen Bruder, der im Westen lebte, und das war immer wie ein Makel in seiner Biografie. Mehrmals hatte man ihn dazu gedrängt, den Kontakt zu diesem Bruder abzubrechen. Mit Andeutungen, dann könne er in der Hierarchie seines Betriebes weiter nach oben steigen. Das hat er aber nie gemacht.

So wurde es von Jahr zu Jahr ungemütlicher für mich. Es fühlte sich so an, als würde die Schlinge um den Hals immer ein bisschen enger, je bewegter ich wurde. Ein Freund hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Er verlor sofort das Recht, an der Hochschule zu arbeiten. So wurde er, wie so viele Dissident*innen in der DDR, Heizer. Der Rest war Warten auf den Bescheid. Das konnte ein Jahre lang dauern oder viele, viele Jahre. Und wenn du den Bescheid bekommen hast, musste plötzlich alles ganz schnell gehen. Also lebten die Leute mit einem Ausreiseantrag auf gepackten Koffern, wörtlich wie auch im übertragenen Sinne. Das hat es ihnen fast unmöglich gemacht, Beziehungen aufrecht zu halten.

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