Erinnerungen und Betrachtungen

Der Kampf gegen die Erinnerungen kann schwer sein. Foto: Jakub Kriz via Unsplash unter CC0 Lizenz
Der Kampf gegen die Erinnerungen kann schwer sein. Foto: Jakub Kriz via Unsplash unter CC0 Lizenz

Erinnerungen sind nicht immer schön. Manchmal verursachen sie Alpträume. Rosa Abdullah hatte einen Onkel, der wie ein Vater für sie war. Eines Tages verschwand er – vermutlich in einem syrischen Gefängnis. Die Gedanken daran quälen unsere Autorin noch heute.

In der Nacht ruht der Lärm und wachen die Erinnerungen auf. In der Nacht beginnt der Kampf zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, der mörderischen Vergangenheit und der ungewissen Zukunft.

Ich erinnere mich!

Ich erinnere mich, dass ich unfähig war, etwas zu tun, während ich tief im Chaos meiner Gefühle steckte. Das war an dem Tag, an dem mein Onkel verschwand, mein Onkel, die Hälfte meines Herzens, mit dem ich zehn Jahre meines Lebens verbracht habe, in denen er ein Vaterersatz für mich war. Für meinen Vater, der seine Vaterrolle und seine Pflicht nicht erfüllen wollte.

Ich erinnere mich an meinen Cousin, der nicht mehr mit bei mir ist. Mein Cousin war mein Freund, Verwandter und meine Stütze, vor allem nachdem mein Onkel im Gefängnis verschwand, war mein Cousin mein ein und alles. Ich weiß nicht, was mein Onkel sich hat zuschulden kommen lassen, dass er ins Gefängnis gesteckt wurde. Ich glaube auch nicht, dass er das Gefängnis verdient, denn er war der Liebende und Feinsinnige. Ich betrachte die Augen meiner Mutter jeden Tag. Sie trägt eine andere und besondere Geschichte in sich. Sie ähnelt in ihrer Kraft der Erhabenheit der Berge und sie steht fest, ebenfalls wie ein Berg. Sie hat mich aufgezogen, damit ich stark bin und das Leben mit Durchhaltevermögen meistere, auch wenn ich allein bin.

Gestalten ohne Gefühle

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Menschen um mich herum, nichts anderes sind als Gestalten ohne Gefühle. Ich werde vom Chaos der Gefühle und dem Durcheinander der Gedanken beherrscht. Ich merke plötzlich, dass ich dennoch unter diesen Menschen in einer Gesellschaft, die arrogant und ignorant ist, lebe. Ich merke, dass wir nicht frei wählen können, was wir tun und lassen sollen. Bei der Geburt haben wir weder unser Aussehen, unsere soziale Schicht, unsere Religion, noch unsere Heimat ausgewählt. Auch unsere Väter und Mütter haben wir nicht ausgewählt. All dies stand uns nicht zur Auswahl.

Ich habe das Bedürfnis zu schreiben. Onkel, warum hat das Leiden uns ausgewählt? Ich möchte mich bei dir entschuldigen, aber wie kann ich das machen? Ich frage mich, was du jeden Tag tust, und ob es dir gut geht. Ich hoffe, es geht dir gut, die Hälfte meines Herzens.

Wir haben viele Qualen durchlebt, du und ich. Du warst immer wieder bemüht, logische Antworten auf meine Fragen zu finden, vergeblich! Ich sagte immer, das ist unser Schicksal! Aber was bedeutet Schicksal?

Ich verspreche dir, dass ich deinen Schmerz nie vergessen werde. Und ich werde mein ganzes Leben gegen das autoritäre Regime, das dich verhaftet hat, aufschreien. Ich verspreche dir, dass unsere Träume wie ein Vogel frei bleiben.

Das Schöne in unseren Seelen wird nicht besiegt.

Die Nacht geht zur Neige und ich erinnere mich, betrachte und warte auf einen schöneren Morgen.

Autorin: Rosa Abdullah

 

„Frieden zwischen Hier und Dort“ ist ein Schreibworkshop-Projekt des Friedenskreis Syrien. Der Verein tritt für einen friedlichen und kooperativen Austausch zwischen Menschen ein und schafft Austauschplattformen für einen konstruktiven Dialog.

Die Texte sind bereits in veränderter Form in der taz erschienen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Bi´bak, Start with a Friend (SwaF) und Multaka (Treffpunkt Museum) in Berlin durchgeführt und ist durch das Frauen ID Projekt im Rahmen des Kultur macht Stark Förderprogramms / PB und BMBF gefördert.

In sieben Workshop-Tagen setzten sich die Teilnehmerinnen unter Leitung der syrischen Autorin Kefah Ali Deeb mit der Methode des Schreibens auseinander. Teil des Projekts waren Besuche in einigen Berliner Museen, die sich teilweise in den Geschichten der Frauen widerspiegeln. Entstanden sind Texte über das neue Lebensumfeld Berlin, über Heimat und eben über den “Frieden zwischen Hier und Dort”. Wir veröffentlichen sie nach und nach hier.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*