Der Islam und die Demokratie.

FotoLaurentiu Morariu via Unsplash unter CC0 Lizenz:

Immer wieder hört man aus Forschung und Politik, der Islam lasse sich nicht mit einer demokratischen Grundordnung vereinbaren.* Doch es ist nicht der Glaube an den Islam, der die Demokratie verdrängt, sagt Hussam al Zaher. Hierfür lohnt sich ein Blick auf die Geschichte: Seit 1979 begünstigten vor allem politische Entwicklungen die Entstehung autoritärer Systeme in muslimisch geprägten Ländern.

„Sind der Islam und die Demokratie miteinander vereinbar?“ Vor ein paar Monaten besuchte ich in Hamburg eine Veranstaltung mit diesem Titel.
Frau Dr. Shirin Ebadi, eine Iranerin die heute in London lebt, war eingeladen und hielt eine Rede zu dem Thema. Dr. Ebadi ist eine beeindruckende Frau, nicht nur weil sie 2003 den Friedensnobelpreis für ihr Engagement für die Freiheit von allen Menschen und vor allem von Frauen im Iran gewonnen hat. Trotzdem habe ich mich am Anfang der Veranstaltung gefragt, warum Dr. Ebadi diese Frage stellt: Islam und Demokratie? Warum bekomme ich keine Einladungen für Veranstaltungen über das Christentum und die Demokratie, oder den Hinduismus und die Demokratie? Was ist am Islam so besonders in dieser Diskussion?

Mehr beachten als den muslimischen Glauben

Meine Erfahrung ist, dass Religion und Demokratie in Europa gemeinsam funktionieren, obwohl das nicht immer einfach war. Europa hat viel Erfahrung mit diesem Thema gemacht, auch wenn sie sehr viel Zeit gebraucht hat und viele Menschen dafür sterben mussten. Heute sagen alle, dass das Christentum mit der Demokratie vereint werden kann. Das stimmt auch für manche muslimische Länder, zum Beispiel Tunesien, Malaysia oder der Türkei. Diese Länder hatten oder haben demokratische Systeme und die Gesellschaften leben mit mehr Freiheiten als andere. Und natürlich leben viele Muslime (ungefähr 25,8 Millionen) in europäischen Ländern, wo sie demokratische Systeme und Gesetze erleben und mitgestalten. Für mich wurde die Frage „Islam und Demokratie?“ schon vor einer langen Zeit beantwortet, verschiedene Beispiele der Geschichte zeigten es mir.

Aber wenn mir jemand heute die Weltkarte der Freiheit (zum Beispiel bei Freedom Index) zeigt, sehe ich da, wo die meisten Muslime leben, fast nur unfreie Länder. Die Frage, warum muslimische Länder (bis) heute nicht demokratisch sind, ist also noch wichtig und richtig. Aber könnten wir nicht bei der Antwort mehr beachten, als den muslimischen Glauben? Wenn wir diskutieren, ob Venezuela noch eine Demokratie ist, diskutieren wir dann nur über den katholischen Glauben?

Westliche Kleidung bedeutet nicht unbedingt Freiheit

Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, gibt es einen Zeitpunkt, wo der Glaube benutzt wurde, um politische und soziale Veränderungen durchzusetzen. Ich fange an mit Afghanistan, dem Iran und auch Saudi-Arabien in den 60er und 70er Jahren. Aus dieser Zeit können wir Bilder und Berichte von muslimischen Menschen finden, die auf dem Weg waren, in einer offenen Gesellschaft zu leben. Oft werden Bilder von Frauen aus Afghanistan und dem Iran gezeigt, die damals in kurzen Röcken und ohne Hijab in der Öffentlichkeit waren. Ich meine nicht, dass diese Bilder Freiheit zeigen. Im Iran hat der Shah 1936 alle muslimischen Kopfbedeckungen verboten. Wir können also westliche Kleidung nicht immer mit Freiheit verbinden. Aber dass mehr Menschen zur Schule und zur Universität gehen durften, war ein Fortschritt, genauso wie das Frauenwahlrecht im Iran.

Ich muss dazu schreiben, dass diese kleinen Freiheiten nur in den großen Städten der Länder ausgelebt werden konnten und in den Dörfern noch viele konservative und traditionelle Gesellschaften lebten. Viele Menschen haben auch in diesen Jahren nichts gewonnen, sondern mussten mit Armut, Ungerechtigkeit und ohne Bildung weiterleben.

Der Anfang vom Terror im Namen des Islams

Im Jahr 1979 passierten drei Dinge, die die Region in ihrer Entwicklung zurückgeworfen haben. Aus der Entwicklung zu einem „mini-demokratischen“ System wurden geschlossene und auch sehr konservative Gesellschaften. Als erstes kam im Februar 1979 die Islamische Revolution im Iran und wie wir alle wissen, hatte Khamenei großen Erfolg damit, durch die Revolution ein konservativ-islamisches System zu schaffen. Diese Revolution war allerdings nicht von Anfang an eine islamische: Ab 1978 wurden viele Demonstrationen gegen das Shah-Regime von unterschiedlichen Gruppen organisiert. Liberale, Konservative, Nicht-religiöse, Kommunisten und auch religiöse Gruppen. Viele Menschen waren unzufrieden mit dem Shah, nicht weil sie Muslime waren, sondern weil sie aus politischen oder sozialen Gründen gegen ihn waren.

Zweitens passierte in Saudi-Arabien Ende November 1979 der „Vorfall von Mekka“. Ungefähr 500 Terroristen übernahmen mit Waffen die größte und wichtigste Moschee in Mekka. Bei der Besetzung mussten mehr als 1000 Menschen sterben. Die Angreifer waren Extremisten, die während der Pilgerzeit den heiligsten Ort für gläubige Muslime angriffen, um ihre politischen Ziele gegen die Königsfamilie zu schaffen. Erst nach zwei Wochen hat der König die Erlaubnisse von vielen Imamen bekommen, die Terroristen anzugreifen. Er musste dafür aber die saudische Gesellschaft wieder zurück in konservative Zeiten bringen. In den Jahren davor gab es neue kulturelle Entwicklungen, die das Land ein bisschen offener machten, wie zum Beispiel Kinos für die Öffentlichkeit. Der Angriff war das erste Mal, dass Politik, Gewalt und Islam so zusammen gekommen sind. Viele sagen deswegen, dass dieser Angriff der Anfang vom Terror im Namen des Islams war.

Das Jahr 1979 – ein Wendepunkt

Am 25. Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, um die sozialistische Regierung zu unterstützen. Viele benutzten schnell diesen Krieg, um zu sagen, die „Ungläubigen“ aus dem Ausland greifen andere Muslime in Afghanistan an. Viele Länder haben den Kampf gegen die sowjetische Armee unterstützt, zum Beispiel durch Waffen und finanzielle Mittel. Und auch, indem sie Stimmung gemacht haben, um Gläubige zu überzeugen nach Afghanistan zu reisen und zu kämpfen. Diese Überzeugungen waren dann auch für die USA ein Vorteil, weil sie zu der Zeit den Einfluss der Sowjetunion stoppen wollten, egal wie.

Diese drei Ereignisse sind alle kompliziert genug, um über jedes ein eigenes Buch zu schreiben. Aber um es kurz zu machen: Nach 1979 wurden nicht nur in diesen drei Ländern radikal-konservative Systeme geschaffen. Ihre Probleme griffen auch auf das Ausland über und haben fast alle anderen Länder in der Region beeinflusst. Afghanistan, Iran, Saudi-Arabien, Syrien, Ägypten, wer die Zeit zum Lesen hat, kann viele Entwicklungen finden, die mit 1979 zusammenhängen. Und wenn wir beantworten wollen, warum viele Muslime heute nicht in freien Ländern oder in Demokratien leben, ist das Jahr 1979 sehr wichtig.

Trennung zwischen Religion und Staat

Lassen sich die Ergebnisse und Folgen aus diesem Jahr heute wieder verändern?
Dr. Ebadi sagte in ihrem Vortrag: „Grundlegende Veränderung im Iran ist weiterhin möglich, wenn die Verfassung geändert wird.“ Am Wichtigsten für uns als Muslime sei die Trennung zwischen dem Islam und dem Staat. 40 Jahre nach der Revolution im Iran, nach der die Religion und der Staat verheiratet wurden, frage ich mich was der erste Schritt zur Trennung sein muss. Und ich frage mich, ob es diese Trennung irgendwo in der Welt gibt. Wenn meine Freunde in Deutschland die Kirchensteuer bezahlen, leben sie in einem Staat ohne Religion? Ich bin nicht gegen diese Steuer, aber das ist vielleicht ein Punkt, den wir an anderer Stelle diskutieren können.

Demokratie durch Bildung

Dr. Ebadi sagte auch, dass fehlende Bildung „die Wurzel des Problems“ ist. Also, dass ohne Bildung keine demokratischen Systeme möglich sind. „Despoten“, sagte sie, „sind gegen Bildung und gegen Wissen“, weil es so viel leichter ist, die Menschen zu kontrollieren, wenn sie ungebildet bleiben müssen. Sie sagte, andere Länder sollten Bücher und keine Bomben über ein Land wie Afghanistan werfen. Ich habe dabei an Syrien gedacht, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Meistens sagen wir, Syrien hat viele gebildete Menschen. Zum Beispiel gibt es nur sehr wenige Menschen, die nicht lesen oder schreiben können (laut der CIA können 91,7% der Männer und 81% der Frauen in Syrien lesen und schreiben). Oder konnten wir vor 2011 wenigstens positiv über die Bildung im Land sprechen. Und trotzdem gab es in Syrien radikale Menschen, die nach der Revolution 2012 ihren eigenen Krieg angefangen haben. Ich sage damit nicht, dass Bildung keine Lösung ist, auf jeden Fall ist es ein großer und wichtiger Teil. Aber vielleicht kann ich zu den Lösungen von Dr. Ebadi noch mehr Punkte hinzufügen.

Bildung bedeutet Fragen stellen

Bildung ist für mich ein sehr großes Wort, es hat für mich viele Bedeutungen. Zum Beispiel bedeutet Bildung, dass ich lesen und schreiben kann, aber auch ob ich gelernt habe zu denken und nachzufragen. Diese Art der Bildung ist auch die Aufgabe von unabhängigen Medien und Journalisten. Sie können Menschen dabei unterstützen, Fragen zu stellen und das System in dem sie leben, nicht ohne Diskussion zu akzeptieren. Ich habe erst in meinem Exil in Deutschland gelernt, wie ich mich durch mich selbst kennenlernen kann und nicht nur durch die Gesellschaft, die mir zeigt, wie ich und alles um mich herum sein sollte. Hier diskutiere ich und finde meinen persönlichen muslimischen Glauben, anstatt einfach zu glauben, was andere über den Islam sagen. Mit der Möglichkeit nachzufragen und nachzudenken werden wir anders gebildet. Ich finde, ein Ergebnis von 1979 war zum Beispiel, dass diese Art der Bildung nicht mehr stattgefunden hat. Es wurde nicht akzeptiert und als gefährlich für die Gesellschaft gesehen, wenn eine Person Fragen stellte. Warum entscheidet meine Familie, was für mich am Besten ist? Warum glaube ich? Wer sagt mir, wen ich lieben darf? Warum darf ich mich nicht politisch engagieren? Warum darf ich nicht meine Träume leben?

Freiheit ist die Belohnung

Wenn das Nachfragen und Hinterfragen nicht akzeptiert wird, egal zu welchem Thema, dann kann keine demokratische Gesellschaft wachsen. Ob eine Gesellschaft Demokratie akzeptieren kann oder nicht, kommt auf viel mehr als Religion an. Können wir Fragen ohne Angst stellen? Können wir einander akzeptieren, wenn wir anders sind oder andere Gedanken haben? Religion ist dabei nicht unwichtig, weil der Glaube oft benutzt wird, um unsere Akzeptanz oder Ablehnung zu rechtfertigen. Aber eigentlich sind das Fragen, die jeder Mensch persönlich beantworten darf und kann.
In meiner Erfahrung braucht jede Gesellschaft viel Zeit und leider auch viel Blut, um diese Entwicklungen durchzumachen. Am Ende ist Freiheit die Belohnung.

 

* Muqtedar Khan: Demokratie und islamische Staatlichkeit, Bundesamt für politische Bildung

Autor: Hussam Al Zaher mit Unterstützung von L. M.

 

Über Hussam Alzaher 77 Artikel
Studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen (BA). Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland und Gründer und Chefredakteur des Flüchtling-Magazins.

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