Deutschland – der letzte Hafen?

Deutschland als Hafen? Foto: Rebecca Georgia via Unsplah unter CC0-Lizenz
Deutschland als Hafen? Foto: Rebecca Georgia via Unsplah unter CC0-Lizenz

Es sind die Erinnerungen an die Heimat und die Erfahrungen in Deutschland, die viele Geflüchtete und Migranten verbinden, sagt Samaa Hijazi. Ihr Text ist der Erste unserer Reihe “Frieden zwischen Hier und Dort”, die im Rahmen des gleichnamigen Schreibworkshops für geflüchtete Frauen enstand.

Am Strand an der Ostsee, an der nordöstlichen Grenze Deutschlands: Ich stand da und ließ die Füße im Sand versinken. Als die kalten Wellen meine Zehen berührten, stieg der Frost hinauf bis in mein Herz. Dann kam die Erinnerung zurück. Ich bin kein Flüchtling. Ich bin in kein Gummiboot zur Flucht eingestiegen und meine Füße zitterten nicht von den mächtigen Wellen des weiten Ozeans. Das musste ich nicht durchmachen, aber andere, die mir so ähnlich sind. Dieser Ähnlichkeit zuliebe, will ich ihnen meine Stimme leihen. Eine Stimme, der die Welt vielleicht kurz zuhört.

Damals waren es Europäer

Im Museum der deutschen Geschichte stand ich vor einem Gemälde. Dort war ein brennendes Schiff gemalt. Es sah so echt aus, ich hatte das Gefühl die Flammen springen gleich aus ihren Farben, um meine Wimpern zu erfassen. Die Passagiere flohen von dem Schiff und sprangen aus Angst vor dem Feuer ins Wasser, wie die Herbstblätter, die sich von ihren Zweigen verabschieden und auf die Erde sinken. Das waren Europäer. Damals sind sie emigriert, auf der Suche nach einem besseren Leben. Heute sind sie das Ziel und ermöglichen das Bessere für die anderen.

Wie oft dreht sich die Zeit? Wir alle glauben daran, dass die Erde eine Kugel ist und dass sie sich dreht. Wenn wir uns dieses Drehen vor Augen hielten und darüber nachdenken würden, wären wir dann weiser und menschlicher? Wir kamen so unterschiedlich wie wir sind und trotz unserer Konflikte zum gleichen Ort. Vereint sind wir durch die Hoffnung, dass die Sonne vielleicht hier aufgeht, wenn sie da, wo wir sie hinter uns gelassen haben, unterging.

Schmerzhafte Erinnerungen

Sei es ein Flüchtling, ein Migrant oder ein Reisender auf seinem langen Weg: Dieses Land verspricht uns die Verwirklichung unserer Träume und ihre Natur tröstet uns mit schöner Ablenkung, also vergessen wir langsam unsere Schmerzen. Weil die Sehnsucht nach dem geliebten Syrien manchmal so schmerzhaft ist und einen im Bett aus dem Schlaf aufweckt. In Syrien spricht jede Ecke für sich, hat eine klare Identität und ist klar identifizierbar. Hier in Berlin färbt sich jeder Ort mit der Identität der Gruppe, die ihn bewohnt. So findet man auf einer Straße in Berlin mal etwas, was an eine weiche Farbe des schönen Syriens erinnert und auf einer anderen riecht man einen Duft, der den Sinnen vortäuscht, in Syrien zu sein. Wir sehen Damaskus, zerstückelt und verteilt über Berlin, aber das Ganze wohnt in unseren Erinnerungen. Die geliebte Stadt wiederzusehen ist immer ein Ziel, worauf man eine Ewigkeit warten könnte.

Deutschland war eine Stütze

Jedenfalls kriegen wir hier auch die Liebe zu spüren. Deutschland, dieses schöne, starke Land. Es ist für uns eine Stütze gewesen und war der Hafen für die Trümmer unserer Seelen. Je länger wir hier sind, um so mehr wächst auch unsere Dankbarkeit. Wenn Deutschland will, werden wir Teil seines Gerüstes und wenn es uns braucht, kommen wir sogleich. Denn wenn man Gutes bekommt, gibt man Gutes zurück. Wir alle wurden, ob wir es wollen oder nicht, eine vielfältige Mischung aus den Erfahrungen unserer Gegenwart hier und den Erlebnissen unserer Vergangenheit, dort.

Autorin: Samaa Hijazi

„Frieden zwischen Hier und Dort“ ist ein Schreibworkshop-Projekt des Friedenskreis Syrien. Der Verein tritt für einen friedlichen und kooperativen Austausch zwischen Menschen ein und schafft Austauschplattformen für einen konstruktiven Dialog.

Die Texte sind bereits in veränderter Form in der taz erschienen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Bi´bak, Start with a Friend (SwaF) und Multaka (Treffpunkt Museum) in Berlin durchgeführt und ist durch das Frauen ID Projekt im Rahmen des Kultur macht Stark Förderprogramms / PB und BMBF gefördert.

In sieben Workshop-Tagen setzten sich die Teilnehmerinnen unter Leitung der syrischen Autorin Kefah Ali Deeb mit der Methode des Schreibens auseinander. Teil des Projekts waren Besuche in einigen Berliner Museen, die sich teilweise in den Geschichten der Frauen widerspiegeln. Entstanden sind Texte über das neue Lebensumfeld Berlin, über Heimat und eben über den “Frieden zwischen Hier und Dort”. Wir veröffentlichen sie nach und nach hier.

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