Die Macht der Sprache

"Frames", zu deutsch: Rahmen prägen wir wir denken und handeln. Foto: Jessica Ruscello via Unsplash unter CC0-Lizenz
"Frames", zu deutsch: Rahmen prägen wir wir denken und handeln. Foto: Jessica Ruscello via Unsplash unter CC0-Lizenz

Als Michael Winsel diesen Artikel schrieb, war die Debatte um das sogenannte Framing noch gar nicht ausgebrochen. In den letzten Wochen wurde öffentlich diskutiert, ob ein Leitfaden, den die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling der ARD ausstellte, den Mitarbeiter*innen vorschreibt, wie sie zu sprechen haben. Sie selbst verteidigte sich in einem Interview in der ZEIT gegen die Vorwürfe. Unser Autor erklärt, was Framing überhaupt ist und was dieser wissenschaftliche Ansatz für ihn bedeutet.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

was denken Sie, wenn Sie die Überschrift „Die Macht der Sprache“ lesen? Übertreibt er da nicht ein bisschen? Soll ich jetzt jedes Wort in die Waagschale werfen? Nein, weder das eine noch das andere. Es geht mir um einen bewussteren Umgang mit Sprache und Bildern. Ich werde in diesem Artikel etwas machen, was ich im normalen Alltag nicht tun würde: Worte benutzen, die ich, nachdem ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, nicht mehr verwenden werde. 

In Frames sind unsere Erfahrungen gespeichert 

Sie erinnern sich sicherlich noch gut an das Jahr 2015, als die Flüchtlingskrise über Deutschland hereinbrach und ein Flüchtlingsstrom unser Land überflutete. Manche sprachen sogar schon vom Untergang des christlichen Abendlandes. Die Bedrohung war allgegenwärtig. Ich denke, das reicht, um Erinnerungen an 2015 zu wecken. Sonst wird aus dem Artikel noch ein Buch.

Unser Gehirn ist in sogenannte Frames (Deutungsrahmen) aufgeteilt, in denen unsere Erfahrungen und unser Weltwissen gespeichert sind. Das Wort „Flüchtlingsstrom“ kann beispielsweise die Assoziation Bedrohung in uns wecken. Es aktiviert den Frame, der einen Strom als Gefahr gespeichert hat. Der Begriff Flüchtlings(strom) bedeutet demnach nichts Gutes. Dieses Wort haben wir in den letzten Jahren sehr oft gehört. Somit bleibt es bildlich gesprochen immer oben liegen und verfestigt sich in unserem Gehirn. Dazu passt dann natürlich auch noch der Untergang des christlichen Abendlandes. Sie kennen sicher alle solche Begriffe, die man dann auch im Fernsehen, auf Social Media Plattformen und in Zeitungen fast täglich hören und sehen kann. Das Ganze bezeichnet man auch als „politisches Framing“.

Die Frame-Negierungs-Falle 

Jetzt organisieren sich ja auch viele Gruppen auf Facebook, die gegen die Parteien, insbesondere eine Partei, vorgehen wollen. Sie wollen sie an den Pranger stellen. Daher posten sie dümmliche Aussagen und Bilder von Rechtspopulisten auf Facebook. Hiermit tappen solche Gruppen geradewegs in die Frame-Negierungs-Falle. Denn bei solchen Worten ist es egal, ob sie populistisch benutzt werden oder verwendet werden, um die Populisten zu verhöhnen. Entscheidend ist die Wiederholung der Worte, die in den Frames weiter verfestigt werden.

Wer der politischen Debatte aufmerksam folgt, wird auch eine Veränderung der Sprache bemerkt haben, besonders in einer Partei. Aber auch die CSU schreckte während des bayrischen Wahlkampfes nicht vor Ausdrücken zurück, die eigentlich nur von den Rechtspopulisten erwartet werden, welche sich schon lange an der Political Correctness stören. Die Rechten haben diesen Begriff mal kurz umgedeutet in „Zensur“, man wird es ja wohl mal sagen dürfen. Was also vor zehn Jahren unsagbar war, fließt jetzt schon fast selbstverständlich in unser Vokabular ein. Dabei bedeutet Political Correctness eigentlich, dass man in einer respektvollen Sprache spricht, ohne andere Menschen zu beleidigen oder zu diffamieren wegen ihrer Hautfarbe oder Religion.

Wenn Sprache zur Handlung wird

Wir alle haben von den Übergriffen auf Journalisten und Geflüchtete in Chemnitz gehört. Dort wo nun Menschen mit einer derartigen Einstellung auch noch durch eine Partei im Bundestag vertreten sind, spüren sie eine größere Legitimation, Dinge zu sagen und zu tun, die vor zehn Jahren undenkbar waren. Natürlich sind nicht alle Geflüchteten und Migranten Engel, aber durch das oben beschriebene Framing, wird den Menschen ein Gefühl der Unsicherheit und der Ohnmacht vermittelt. Was will man gegen einen Strom, gegen eine Welle machen, außer untergehen. Die wenigsten Geflüchteten sind aber kriminell.

So und jetzt? Darf jetzt keiner mehr über 2015 und die Flüchtlinge reden? Dieser Gedanke ist ihnen vielleicht gekommen. Die gute Nachricht: Doch, sie dürfen auch weiterhin darüber reden. Aber reden sie über eine große Zahl von Geflüchteten, die 2015 zu uns gekommen sind. Uns deutsche Christen wird es auch noch in 200 Jahren geben, wenn wir bis dahin den Klimawandel überlebt haben. Die Gesellschaft verändert sich, sie wird bunter und reichhaltiger trotz der Probleme, die sicher auch auf uns zukommen werden.
Ich selbst bin ehrenamtlicher Helfer im Kreis Bad Segeberg und habe daher viel mit Geflüchteten zu tun. Dadurch gewinnt man noch einmal einen ganz anderen Blick auf diese Menschen. Außerdem habe ich selbst zu diesem Thema ein Buch geschrieben.

Das war jetzt nur ein winziges Beispiel aus dem Bereich „politisches Framing“! Denken Sie über positivere Begriffe nach, wie zum Beispiel statt „Steuern zahlen“, „Steuerbeiträge entrichten“, Sie überweisen ja auch ihre Vereinsbeiträge. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch aus der Sprache das Denken und Handeln der Menschen erwächst.

Autor: Michael Winsel

Quellen:

Elisabeth Wehling: „Politisches Framing“

Decker, Oliver; Brähler, Elmar (Hg.): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018.

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