Steve geht zurück in seine Zukunft

Büro der Hilfsorganisation start@home. Foto: Social Impact Labs

Für viele geflüchtete Menschen erfüllt sich die erhoffte Zukunftsperspektive nicht, nachdem sie den beschwerlichen Weg nach Deutschland auf sich nahmen. Dabei ist der Wunsch nach einer besseren Zukunft so menschlich wie nachvollziehbar. Unser Autor Leonardo De Araújo führt beispielhaft den Weg von Steve vor Augen. Nicht nur, um den Blick auf Einzelschicksale zu schärfen und ihre Nöte begreiflich zu machen. Auch, um Hilfesuchenden eine Option aufzuweisen, wie sie in ihrem Heimatland eine neue Zukunft aufbauen können.

Steve schaut auf die Tür der kleinen Kirche und zögert etwas, bevor er den Schlüssel dreht. Ruckartig dreht er sich um und geht entschieden den etwas staubigen Weg zu sich nach Hause, irgendwo in Schwarzafrika. Die Gedanken über seine Entscheidung hämmern zwar in seinem Kopf und ein paar widerspenstige Geister stellen ihn vor ängstliche Fragen. Er glaubt aber an den Weg, den er gewählt hat.

Wenig später steht Steve vor seinem Haus – keine Blechhütte oder strohbedeckte Behausung, wie in den unzähligen Slums, die er recht gut kennt. Er und seine Familie können sich ein bescheidenes, aber anständiges Leben in einem recht gepflegten Viertel leisten. Ganz anders, als die vielen anderen Millionen auf seinem Kontinent. Seine Frau Malaika und er haben sogar gute Berufe erlernt und können die Familie mit den zwei Töchtern hinlänglich durchs Leben bringen. Steve weiß jedoch auch, dass die Zukunft ihrer Kindern eher düster aussieht. Selbst, wenn zurzeit eine trügerische Ruhe in seiner Heimat herrscht und die Wirtschaft kleine Fortschritte macht, ist ihm klar, dass die Situation gerade jederzeit eskalieren kann.

Angst vor der unsicheren Zukunft

Wie in einigen der Nachbarländern, die sich zu sogenannten „gescheiterten Staaten” entwickelt haben. Manchmal ist es nur ein kleiner Funke, ein hirnloser Streit zwischen Ethnien. Manchmal ist es die Engstirnigkeit einiger einflussreicher bürgerlicher Schichten, für die Worte wie  Fortschritt oder Demokratie eine Gefahr bedeuten. Warum auch immer. Er weiß, dass sich sein Land auf einem schmalen Grat befindet, einer entscheidenden Wende. Steve hat einfach Angst vor der Zukunft. Und deshalb will er gehen. Ganz weit weg – auf einen anderen Kontinent, wo jeder Mensch eine Chance bekommt. Jeder arbeiten kann, wenn er arbeiten will und seine Zukunft aufbauen kann. Er will dahin gehen, wo man Schutz genießt, wenn man ihn braucht. An einen Ort, an dem der Staat einem hilft, ein neues Leben aufzubauen.

Steve hat viel über Deutschland gehört und ist zuversichtlich, dass er dort für sich und seine Familie eine neue Existenz bekommen wird. Seine Entscheidung steht seit Monaten fest und jetzt nimmt er Abschied von seiner Familie. Die Jüngste weiß noch nicht genau was gerade passiert, die Ältere aber ahnt, dass sie ihren Vater für eine lange Zeit nicht mehr sehen wird. Malaika verfolgen Ängste. Alle wissen was auf dieser langen Reise geschehen kann. Sie macht ihrem Mann und sich dennoch Mut. Er wird sich in Deutschland behaupten können und später sowohl sie als auch ihre Töchter zu sich holen.

Die gefährliche Flucht gelingt – doch dann …

So war der Plan. Sie haben viel Geld in seine Reise investiert, etwas kam auch von Verwandten. Und alle hatten nur den einen Wunsch: Dass Steve ihnen später mit seinem Geld aus Deutschland etwas helfen kann. Viele Menschen, auch die ganz Jungen in großen Teilen Afrikas denken und handeln so. Diese beschwerliche, gefährliche und teure Reise ist eine Hoffnung für sie.

An all dies denkt Steve, als er versucht, einzuschlafen. Er liegt im Dunkel seines winzigen Zimmers und wird von seinen Erinnerungen geplagt. Die Reise hat er überstanden. Nur die Enttäuschungen vom geträumten Land wurden immer größer und bitterer. Bei den seltenen Gesprächen mit seiner Frau muss er gestehen, dass der Wunsch, sich in Deutschland zu etablieren und die Familie zu sich zu holen, nicht zu erfüllen ist. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, da er vor den Augen des Gesetzes ein Wirtschaftsflüchtling ist, denn in der Heimat ist sein Leben nicht unmittelbar bedroht. Allein sein Wunsch, ein besseres Leben für seine Familie zu erlangen, ist kein Grund für einen geregelten Aufenthalt in der BRD.

Und so wurde aus Steve ein Illegaler, der auf nichts einen Anspruch hat. Immerhin hat er Glück, dass einige Mitarbeiter einer Kirche ihn aufnahmen. Zusammen mit einigen anderen, die sein Schicksal teilen. Nun liegt Steve wach und denkt darüber nach, wie er zurück nach Hause kommen kann – und vor allem, was er danach machen wird. Er hat eine vage Idee für ein eigenes Geschäft, aber keine Ahnung wie man es aufbaut und betreibt. Ein Anfangskapital wäre dafür nötig. Er hat aber nichts. 

Eine neue Zukunft in der Heimat aufbauen

An einem Abend berichtet ein Mitarbeiter der Kirchengemeinde von einem Projekt: Starthope@home heißt es und bietet seit Januar 2018 ein Programm zum Aufbau einer neuen Perspektive für Flüchtlinge, die in Deutschland keine Zukunft fanden und bereit sind, in ihre Heimatländern zurück zu gehen. Das Programm richtet sich an geflüchtete Menschen aus den Staaten Ägypten, Afghanistan, Albanien, Gambia, Ghana, Irak, Kosovo, Marokko, Nigeria, Pakistan, Senegal, Serbien und Tunesien. In acht verschiedene Regionen der BRD werden fachspezifische Coachings, Fortbildungen und Workshops mit sozialpädagogische Komponenten angeboten. Sämtliche Angebote verfolgen das Ziel, die Teilnehme*innen auf die Rückkehr und den beruflichen Wiedereinstieg im Herkunftsland vorzubereiten.

Aufgrund der hohen Arbeitslosenquoten in den genannten Staaten, fokussiert sich die fachliche Qualifizierung unter anderem auf die Stärkung der unternehmerischen Kompetenz als Vorbereitung auf eine selbständige Tätigkeit. Auch die individuelle Bedarfe werden in diesem Programm berücksichtigt. Starthope@home wird im Rahmen des Programms „Perspektive Heimat“ aus den Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert. Darüber hinaus erhält es die Unterstützung der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)“.

Das Angebot ist kostenfrei, bietet bis zu 160 Stunden Fortbildung, wird in verschiedenen Sprachen durchgeführt und erfordert keine besonderen Anforderungen. Es wird durch die Initiative SOCIAL IMPACT LAB umgesetzt, die für soziale Innovationen und Expertise für Gründungsberatung steht. Das Unternehmen unterstützt insbesondere sozial benachteiligte Personengruppen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit. SOCIAL IMPACT LAB hat bereits mehrere tausend Unternehmen bei der Gründung unterstützt und beraten.

Steve ist jetzt überzeugt, dass er durchaus eine reale Chance in seiner Heimat hat – eine konkrete Aussicht, für sich und seine Familie eine neue Zukunft aufzubauen. Er wird zurückkehren und seine Idee umsetzen. Mit dem Fachwissen und der Beratung, die er bei Starthope@home erhält wird es ihm hoffentlich gelingen, seine Heimat nicht mehr verlassen zu müssen.

Autor: Leonardo De Araújo

Weitere Informationen erhaltet ihr bei SOCIAL IMPACT LAB in Hamburg:

Frau Anna-Sahar-Syawash

syawash@socialimpact.eu

040 / 307 086 83

Pastorenstraße 16 – 18

20459 Hamburg

Über Leonardo De Araújo 42 Artikel
Leonardo De Araujo hat Werbung und Marketing in seiner Heimatstadt, Rio de Janeiro, studiert und mehrere Jahre in der Werbung gearbeitet. Seit 1984 arbeitet er für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt nebenbei Drehbücher und Artikel.

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