Flucht aus dem Irak: Aufbrechen, Angst aushalten, ankommen

Foto Asmaa, Kheri, Alex, Foto Christian Gündling

Im Rahmen der Interkulturellen Woche stellte der Runde Tisch für Integration der Stadt Barsinghausen Menschen vor, die als Flüchtlinge in die Stadt gekommen sind – wie zum Beispiel Asmaa und Kheri aus dem Irak. Inzwischen leben sie mit ihrem kleinen Sohn in einer eigenen Wohnung und haben damit begonnen, auch beruflich Fuß zu fassen. Von den Gründen für ihre Flucht und ihrem Alltag in Deutschland erzählen sie hier:

Wir beide haben uns in der Universität in Dohuk im Irak kennengelernt. Später haben wir geheiratet und dort in der Nähe von dem Krankenhaus gewohnt, in dem Kheri als Arzt gearbeitet hat. Als der IS da war, im August 2014, hat sich alles verschlechtert. Besonders für uns Jesiden. Das Gehalt ist weniger geworden, die Miete dagegen wurde erhöht. Alles wurde teurer. Da haben wir angefangen darüber nachzudenken, was wir machen können.  Der IS hatte sich in unseren Dörfern breit gemacht und die Herzen und das Denken der Menschen vergiftet. Das Haus meiner Eltern (Asmaa) wurde in Brand gesetzt. Aus dem Haus von Kheris  Eltern wurde alles gestohlen, als sie nicht da waren, einfach nur deshalb, weil wir Jesiden sind.

Mit wenig Gepäck und viel Angst auf der Flucht

Vor allem die Frauen wurden vom IS verschleppt, misshandelt und vergewaltigt. Die Männer wurden gezwungen für den IS zu kämpfen oder getötet. Wir konnten dort nicht mehr leben,. Aber wie sollte es weitergehen für uns? Wir hatten schon von vielen anderen gehört, dass sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, also geflüchtet sind. Auch von Kollegen, die Ärzte waren. Von einem Tag auf den anderen waren sie nicht mehr da. So haben wir beschlossen auch zu gehen. Wir haben unsere Dokumente und Zeugnisse mitgenommen, nur einen Rucksack mit etwas Kleidung für unterwegs, mehr nicht.

Unsere Flucht dauerte ungefähr 20 Tage.  Mit dem Flugzeug sind wir nach Bulgarien geflogen, weil wir für dieses Land ein Visum hatten. Dann sind wir zu Fuß und mit Autos, die uns mitgenommen haben, im September 2015 bis nach Deutschland gekommen. Unterwegs war es in Rumänien und Ungarn gefährlich für uns, weil wir dort illegal waren und  die ganze Zeit zu Fuß gehen mussten und das meistens nachts. Wir haben sehr viel Angst gehabt, es war sehr anstrengend.  Wir haben viel Geld in Dollar gezahlt für ein Visum und den Schlepper, um den Irak verlassen zu können. Heute wissen wir, dass wir viel zu viel gezahlt haben. Aber wir wollten möglichst sicher sein und wir wollten unbedingt weg.

Hier möchten wir bleiben – aber wir vermissen unsere Familien

Seit Januar 2016 wohnen wir in einer kleinen 2 Zimmer-Wohnung in einem Ortsteil von Barsinghausen. Wir sind heute 27 und 30 Jahre alt, unser Sohn Alex ist in Deutschland geboren und 2 Jahre.  Wir haben sehr guten Kontakt zu unseren Vermietern.  Sie helfen uns viel. Wir möchten hier in Barsinghausen wohnen bleiben und vielleicht eine größere Wohnung finden. Hier kennen wir uns schon aus und haben einige Kontakte zu anderen aus dem Irak und auch zu Deutschen.

Asmaa erzählt:  Meine Eltern, vier Brüder und drei Schwestern leben noch im Irak. Nur zwei meiner Brüder  leben inzwischen in Wolfsburg. Manchmal kommen sie mich  besuchen. Das ist dann schön. Sie freuen sich, dass sie jetzt Onkel sind. Ich vermisse meine  Familie sehr, vor allem meine Mutter… jetzt, wo ich selbst ein Kind habe.  Weil ich mir ständig Sorgen um meine Familie mache, telefoniere ich  viel  in den Irak. Jetzt gibt es keinen Weg mehr zu flüchten. Es ist schwer für uns, dass wir unseren Familien im Irak gar nicht helfen können. Kheri hat nicht viel Zeit. Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus und verdient eigenes Geld.  Ich bin zu Haus mit Alex. Zur Zeit mache ich ein Praktikum in einem Kindergarten. Ich habe Erzieherin gelernt an einer Fachhochschule in Duhok. Ich möchte gern in meinem Beruf arbeiten, wenn ich einen Platz für Alex in der Krippe habe.

Uns gefällt die Sicherheit, in der wir hier leben können

An Deutschland gefällt uns besonders gut die Sicherheit, die wir hier haben. Im Irak gibt es überhaupt keine Sicherheit für uns. Auch die Art, wie die Deutschen mit uns umgehen und die Gesetze und Regeln hier gefallen uns gut. Für unseren Sohn ist es auf jeden Fall schön, dass wir hier ruhig leben und dass er hier groß werden kann. Für Kheri ist nicht so schön, dass er keine Freunde hier hat. Wir haben hier überhaupt nicht so viele Kontakte wie im Irak.  Viele Dinge sind für uns nicht leicht. Die vielen Papiere, die wir brauchen, und die vielen unterschiedlichen Behörden, zu denen wir gehen müssen… Die Menschen im Irak leben viel enger zusammen und helfen sich immer untereinander. Das Leben spielt sich viel mehr auf der Straße ab. Hier sehe ich manchmal keinen Menschen auf der Straße, wenn ich nach draußen gehe.

Asmaa  erzählt: Ich koche für uns so, wie im Irak,  immer etwas zusammen mit Reis. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass hier manche Lebensmittel bio sind. Das gibt es in den Städten im Irak fast gar nicht. Ich weiß, was das bedeutet. Dass die Deutschen viel Kartoffeln essen, hatte ich schon gehört, aber jetzt habe ich gesehen, dass es auch ganz viele andere Lebensmittel gibt. Wichtig ist für uns, dass wir beide hier arbeiten können, Steuern zahlen und damit unseren Beitrag leisten.  Kheri hat schon Arbeit, ich  werde auch etwas finden als Erzieherin.

Auch unser Sohn soll später mehrere Sprachen verstehen

Wir können auch immer helfen beim Übersetzen z.B., wenn Hilfe gebraucht wird. Wir sprechen Arabisch und Kurdisch und ganz gut Englisch. Auf Deutsch können wir uns fast problemlos verständigen. Unser Sohn kann bestimmt später besser Deutsch sprechen als wir, aber er soll auch Kurdisch und Arabisch sprechen können, so wie wir. Dann kann er viele Sprachen verstehen. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, wieder in den Irak zurückzukehren nach diesen schlimmen Erfahrungen. Nein, überhaupt nicht, vielleicht einmal zu  Besuch, später…

Dieser Bericht wurde auf deister-echo.de veröffentlicht.

Autor*innen:  Jutta Sprengel-Steinert

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