Nach der Troika, vor der Katastrophe: Griechenlands verlorene Generation

Ein Leben für die Jugendarbeit: Panos Poulos, hier zu Gast im griechischen Parlament in Athen, kämpft seit Jahren für eine Verbesserung sozialer Strukturen in seiner Heimat. Foto von Christian Gündling.

Erzwungene Privatisierungen, drastische Kürzungen staatlicher Leistungen, unfähige Entscheidungsträger. Ein Blick auf die in die Armut getriebene Bevölkerung nährt Zweifel an der Narrative der großzügigen europäischen Retter. Zu Besuch in einem Land, das seine Jugend – und damit seine Zukunft – verloren hat.

Athen, sechs Uhr morgens. Unsere umtriebigen griechischen Begleiter chauffieren Anfang Oktober eine Delegation bayerischer Jugendarbeiter zum Flughafen. Hinter uns liegt eine anstrengende Woche voll mit interessanten Erfahrungen und intensivem Austausch. Durch die Fensterscheibe blicke ich gebannt in den Nachthimmel. Die schmale Sichel des zunehmenden Mondes liegt im Gegensatz zur heimatlichen Perspektive waagerecht auf dem Rücken. Sicher, die veränderte Position des Betrachters auf dem Erdenball scheint die plausibelste Erklärung dafür zu sein. Vielleicht – so will es eine Mischung aus Poesie und Mitleid in mir – haben die harten zehn Jahre, die hinter den Griechen liegen, aber nicht nur ein Volk, sondern selbst den Himmelstrabanten, der über ihm schwebt, in die Knie gezwungen.

Ich selbst – ein angehender Sozialarbeiter aus Würzburg – wusste vor diesem durch den Bayerischen Jugendring organisierten Fachkräfteaustausch kaum etwas über das Land am Mittelmeer, das nach wie vor unter den drückenden Folgen der Eurokrise ächzt. Sicher, dank der medialen Darstellung war Griechenland auch mir als Synonym für Krise bekannt. Was Troika, Privatisierungen, Steuererhöhungen und erzwungene Kürzungen staatlicher Leistungen für die einzelnen Menschen bedeutete, blieb mir jedoch verborgen.

Zwei von drei Jugendlichen sind arbeitslos

„Seit dem Krisenbeginn wurden bei uns alle sozialen Strukturen zerstört“, hadert Panos Poulos. „Auf der einen Seite wurden Löhne und Renten um bis zu 50 Prozent gekürzt, auf der anderen Seite stiegen die Steuern und die Preise.“ Der 57-jährige verheiratete Grieche, der uns durch seine Heimat führt und uns in Kontakt mit gut einem Dutzend Organisationen bringt, die in der Jugendarbeit aktiv sind, wirkt gefasst. Sein langes graues, gelocktes Haar hat er zum Zopf gebunden, sein dichter Bart scheint ihm schon seit seiner Jugend ein unverzichtbarer Begleiter zu sein. Immer wieder leuchten die markanten, aber doch freundlichen Züge seines Gesichtes im Licht der Straßenbeleuchtung auf, als wir nach drei Tagen Peloponnes in seinem alten Kombi auf dem Weg in die Hauptstadt sind.

„Über 300.000 Firmen wurden in den letzten Jahren geschlossen“, setzt der engagierte Jugendarbeiter fort – ohne spürbare Bitternis, dafür eher gefasst umschreibend. „De facto sind zwei von drei Jugendlichen arbeitslos, da selbst die, die nicht in der Statistik auftauchen, endlos studieren oder Jobs ausüben, für die sie völlig überqualifiziert sind, nur um über die Runden zu kommen.“ Wieder halten wir an einer Mautstelle, bezahlen 2,80 Euro für schätzungsweise 15 Kilometer. Eine Folge der erzwungenen Privatisierungen. Griechenlands Schnellstraßen sind in einem guten Zustand, seit sie auf verschiedene Investoren aufgeteilt wurden. Einen Stau muss man auf ihnen nicht befürchten. Viele Einheimische können sich die hohen Mautgebühren nicht leisten. Die hohen Benzinpreise oder Steuern für ein eigenes Auto übrigens auch nicht.

Was ist von der Hoffnung übrig geblieben?

Panos weiß, wie sich große politische Veränderungen anfühlen. Zwischen 1980 und 1994 lebte, studierte und arbeitete er in Berlin. „Bevor wir unsere linke Regierung bekamen, gab es in Athen viele Krawalle. Die Menschen wollten einen radikalen Wandel weg von weiteren Kürzungen und Chaos. Aber was ist von der Hoffnung übrig geblieben?“ Einen Moment lang schweigt der redselige Familienvater. Auf der Rückbank schlafen einige der anderen Delegationsmitglieder.

Im ländlichen Raum, wie etwa in Panos Heimatort Krioneri, scheint zuvor die Welt noch in Ordnung zu sein. Der Peleponnes zeigt uns seine bergige, karge Seite. Überall stehen Olivenhaine – da diese Pflanze nichts braucht, aber alles gibt, wie Panos es formuliert. Die Bevölkerungsdichte ist gering. Ab und zu sieht man ein paar Ziegen oder Schafe frei herumlaufen. Massentierhaltung findet man hier nicht. Stattdessen Selbstversorgung – einschließlich Schlachtung im Hinterhof. In jedem Ort streunen scheinbar herrenlose Hunde herum. Auf dem Tisch steht immer wieder Weißbrot, Fetakäse und Olivenöl. Die Gläser werden mit griechischem Wein oder dem Schnaps Tsipouro gefüllt. Ouzo sucht man vergeblich. Danke, liebe exil-Griechen. Dieser Stereotyp geht auf euch!

Nie aufgegeben – und Menschen überzeugt

Acht Vereine, fünf davon zur Jugendförderung, und selbst ein kleines Amphitheater findet man in Krioneri, einem Ort, der nicht einmal 1.000 Einwohner zählt. „Hier leben fast alle von der Landwirtschaft. Anfangs war es schwer, die Menschen von neuen Strukturen und Ideen zu überzeugen“, erklärt Panos, der schon immer ein Kämpfer war. „Wir haben aber nie aufgegeben und sie letztendlich überzeugt.“ Überzeugt auch davon, dass die Region nicht nur von Jugendarbeit, sondern auch von Tourismus profitieren könnte. Erst seit kurzem gibt es im Land Jugendherbergen und einen entsprechenden Verein. Auch der Verband der Jugendarbeiter wurde erst vor einem Jahr gegründet. Organisierte Jugend- und Sozialarbeit gibt es in Griechenland bisher nämlich nicht. Seit 15 Jahren hat der griechische Staat keinen Euro mehr für diesen Bereich ausgegeben. Alle Angebote, die es gibt, gehen auf ehrenamtliches Engagement oder Nichtregierungsorganisationen, die wiederum durch Mittel der Europäischen Union finanziert werden, zurück. Festanstellungen sind ein hehrer Traum. Tatsächlich scheint der Staat vielen Hilfsorganisationen eher im Weg zu sein.

In vielen Orten sieht man den Zerfall

Eine am 16. Oktober 2018 veröffentlichte Eurostat-Pressemitteilung zum Internationale Tag für die Beseitigung der Armut verkündete, dass 35% aller Griechen von Armut bedroht sind, wobei Griechenland in dieser Statistik EU-weit den höchsten Anstieg innerhalb der letzten zehn Jahre zu verzeichnen hat. Die sichtbaren Auswirkungen des Abschwungs bleiben haften. In vielen Orten sieht man den Zerfall, die Armut, die andere Seite der EU, die von der Eurokrise hervorgerufen wurde. Die Autos sind zerdellt, oft notdürftig repariert und alt. In den Städten liegt der Gestank von Abgasen schwer in der Luft. Vieles wirkt unsauber, unfertig, ungepflegt. Staatliche Stellen u.a. für Polizei und Stadtreiniger wurden massiv gekürzt. Im Bezirk Korinth stehen bei einer Bevölkerung von 140.000 gerade einmal zwei Mitarbeiterinnen in der Suchtberatungsstelle zur Verfügung. Die hiesigen Strände sind nach einem Sturm kurz vor unserer Ankunft unter dem ganzen Plastikmüll kaum auszumachen. Eine Katastrophe für ein Land, das im Tourismus eine seiner wenigen Aufstiegschancen sieht.

Viele Menschen zeigen ein beeindruckendes Engagement

Eine Mischung aus Emigration und einer Geburtenrate, die noch niedriger als die in Deutschland ist, hat dazu geführt, dass die Bevölkerung seit 2011 schrumpft. Statt zu resignieren nehmen viele Griechen ihr Schicksal aber selbst in die Hand und zeigen beeindruckendes Engagement. Menschen wie Marilena, die zusammen mit ihrem Bruder und zwei Freunden sechs Monate lang durch verschiedene afrikanische Länder reiste und soziale Projekte initiierte. Oder wie Sotiris, der sich mit der Artfarm einen Kindheitstraum erfüllte, eine Baumhaussiedlung baute und dort nun junge Menschen in Kontakt mit der Natur und Kunst bringen möchte. Menschen wie Filaretos, Vorsitzender des neuen Griechischen Nationalen Jugendarbeiterverbands, der in Kalamata zusammen mit Freunden ein breites Beschäftigungsangebot aus dem Boden stampfte, dass heute durch 50 ehrenamtliche Kursleiter umgesetzt wird und jährlich 800 Menschen erreicht. Und natürlich Menschen wie Panos, der seit Jahrzehnten für eine bessere Jugendarbeit in Griechenland kämpft.

Schon seit vier Jahren, so erläutert uns der gelernte Politologe, verschleppe die griechische Regierung die Gründung eines deutsch-griechischen Jugendwerks. „Das wäre eine riesen Chance für uns, um endlich Planungssicherheit zu haben“, sagt er, ergänzt aber umgehend, dass er nach vielen schlechten Erfahrungen skeptisch bleibt. Dabei hatten uns Regierungsvertreter bei einem Termin im Bildungsministerium in Athen gerade zugesichert, dass einer Unterzeichnung nichts mehr im Wege stehe, auch wenn der entsprechende Generalsekretär für die Jugend einen anderen Termin wahrnahm. Vertreter, die im Gespräch mit unserer Delegation immer kleiner zu werden schienen. Kritische Fragen, wie etwa danach, wie viel griechisches Geld für die Jugendarbeit ausgegeben wird und warum sich die Gründung des Jugendwerkes so lange hinziehe, hatten sie wohl nicht erwartet.

Ein Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit der griechischen Realität

Tatsächlich wurde das Jugendwerk nur eine Woche später beim Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch die entsprechenden Unterschriften auf den Weg gebracht. „Ich habe mit großer Freude und Erleichterung die Paraphierung der Vereinbarung zur Gründung des Deutsch-Griechischen Jugendwerks entgegengenommen“, freute sich Panos schließlich. „Das DGJW ist eine einmalige Chance, institutionell die Jugendarbeit in Griechenland zu unterstützen. Ein Land, das über keine staatlichen Mittel für die Jugendarbeit verfügt.“

Ein Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit der griechischen Realität. Die jungen Griechen stünden zu Europa, meint Panos, aber noch immer machten Politiker und Beamte notwendige Reformen zunichte. „Wir brauchen eine neue Generation von Entscheidungsträgern, die anders denkt als bisher“, sinniert der Jugendarbeiter und moniert ungenügende Steuerüberwachung, fehlende Anreize für die Wirtschaft, eine fehlende Bankenaufsicht, Verschwendung öffentlicher Mittel sowie Korruption und Günstlingswirtschaft. Außerdem sei der Bürger in Griechenland mittlerweile gläsern. Datenschutz gäbe es nicht. „Wir sind gerade dabei, eine ganze Generation zu verlieren. Wenn die jungen Menschen nicht in die Sozialkassen einzahlen können, wie sollen diese dann gefüllt werden?“ Deshalb stünden die größten Probleme Griechenland noch bevor, befürchtet Panos und ist in gewisser Weise froh darüber, dass seine beiden Töchter im Moment in Würzburg leben.

Athen – eine Stadt voller Widersprüche

Ohnehin würde er jedem jungen Menschen raten, im Ausland Erfahrungen zu sammeln. „Viele Dinge würden die Deutschen wahrscheinlich anders bewerten, wenn sie sie kennen würden“, vermutet er. „Viele Menschen hier haben alles verloren. Gerade die jungen können sich nicht einmal mehr eine eigene Wohnung leisten und bleiben bei ihren Eltern. Der Staat kann direkt auf dein Konto zugreifen. Es gibt kaum noch Hochzeiten und so gut wie keinen staatlichen sozialen Bereich mehr. Auf den Inseln werden Flüchtlinge wie in Konzentrationslagern eingepfercht. Welcher gebildete Staat würde so etwas akzeptieren?“

Am offensichtlichsten tritt uns das hässliche Gesicht der Armut in Athen entgegen. Dabei ist der Stadtteil, in dem wir übernachten, voll von Widersprüchen. Drogenabhängige, Amputierte und Bettler sowie obdachlose und stigmatisierte Roma-Familien in der einen Straße. Vegane Szene-Restaurants und mit jungen Menschen überlaufende Bars in der anderen. Unserer Delegationsleiterin wird aus der Lobby des Hostels ihr Koffer gestohlen, ohne dass es einer der 14 bayerischen Gäste bemerkt hätte. Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt versuchen als Nonnen gekleidete Frauen, Rosenkränze zu verkaufen. Als eine von ihnen meinen Kollegen mit türkischen Wurzeln erblickt, starrt sie ihn an, als würde Beelzebub persönlich vor ihr stehen. Die Straßen sind voll und laut. Verkehrsregeln scheinen eher Empfehlung als Gesetz zu sein. Um die Akropolis summt ein endloser Schwarm Touristen. In einer Nebenstraße heiraten zwei Deutsche vor historischer Kulisse.

Leidenschaftliche Sozialarbeiter trotzen den schwierigen Bedingungen

In einem verlassenen, zerfallenen Hotel besuchen wir eine Ausstellung zum Thema Vertreibung. Im Treppengang erinnern Spiegel so groß wie Kleiderschränke an eine glorreichere Vergangenheit. In der überlaufenden Hauptstadt bestätigt sich ein Muster, das mir zuvor auch in anderen Orten auffiel. Schön sind Gebäude vor allem dann hergerichtet, wenn man dort viele Touristen findet – oder wenn sie der Kirche gehören. Wenigstens die orthodoxen Glaubensführer werden von der Armut verschont. Dann muss das Nadelöhr eben größer werden. Oder die Kamele kleiner.

Es bleiben auch andere Eindrücke haften, wie etwa die der Ruinen der Olympischen Spiele von 2004, die Panos genauso wie Waffenimporte als unglaubliche Steuerverschwendung bezeichnet. Ein griechischer Verteidigungsminister sei diesbezüglich wegen Korruption sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Andererseits bleibt die Geschichte einer Jüdin in Erinnerung, die als Kind im Zweiten Weltkrieg in Krioneri von einer einheimischen Familie versteckt und so gerettet wurde. 2017 kehrte sie aus Israel mit über 70 Familienangehörigen zu diesem Ort zurück und dankte dem Dorf stellvertretend für ihre Rettung. Einen bleibenden Eindruck hinterließ auch eine Gruppe von Exil-Deutschen in einer Ger-Mani genannten Einrichtung, deren erste Mitglieder 1985 emigrierten. Gedanklich den Idealen der 68er-Bewegung zugeneigt, setzten sie fortan ihr soziales Engagement in Griechenland fort, u.a. mit schwer erziehbaren Jugendlichen aus Deutschland, deren einzige Chance auf Rehabilitation der Kontakt mit der Natur im ländlichen Griechenland zu sein schien. Sie ergänzten das Bild leidenschaftlicher und engagierter Sozialarbeiter in Griechenland, die den schwierigen Bedingungen trotzen und ohne zu jammern da helfen, wo sie helfen können.

Was bleibt

Unsere Woche klang derweil in einer griechischen Kneipe mit einem Kartenspiel aus. Zwar wurde ich als Zweiter meinen eigenen Ambitionen nicht gerecht, vermied aber auch den Wetteinsatz einer Massage, den der Letzte dem Ersten zu Gute kommen lassen sollte. Und dann kam er also, der Sonntagmorgen, an dem diese prägende Reise ihr Ende fand. Die Mondsichel lächelte mich an und erinnerte mich an die verrückte Katze aus dem US- amerikanischen Zeichentrickfilm „Alice im Wunderland“. „Zu einem Verrückten gehe ich auf keinen Fall!“, entgegnet das verirrte Mädchen im Film den widersprüchlichen Richtungsangaben des Stubentigers. „Danach wirst du gar nicht gefragt. Die meisten von uns hier sind verrückt“, entgegnet dieser, lacht und verblasst, bis eben nur noch die weiße Sichel seiner Zähne zu sehen ist. Ist diese wundersame Katze möglicherweise für das Chaos in Griechenland verantwortlich?

Während des Fluges bliebe Zeit zum Reflektieren, aber die Müdigkeit fordert ihren Tribut. Erst in München in der S-Bahn zum Hauptbahnhof gibt es zwischen Oktoberfest-Besuchern Zeit für wache Gespräche mit den Kolleginnen. Was bleibt ist Erkenntnis, Verständnis, Aufgewühltheit, Dankbarkeit.

Und Demut.

Autor: Stephan Rinke-Mokay

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