Ich und meine neue Muttersprache

Sprache. Bild von Rabea Alsayed.

Seit zehn Jahren lerne ich Arabisch und um es gleich vorwegzunehmen: Weit bin ich noch nicht gekommen. Begonnen hat alles mit einem Intensivkurs an der Universität Bochum. Damals arbeitete ich für ein Unternehmen, bei dem die Angestellten einen Teil ihres Gehalts in Zeit umwandeln und auf einem Konto sparen konnten. Eines Tages beschloss ich, drei Wochen von meinem Zeitkonto abzuheben und mich für den Grundkurs Arabisch anzumelden. Die Bezeichnung „Intensivkurs“ war nicht übertrieben: Nach einem gemeinsamen Frühstück am Morgen begann der Unterricht, der bis zum späten Nachmittag dauerte. Selbstverständlich gab es eine Menge Hausaufgaben für den Abend und täglich neue Vokabeln, die am nächsten Morgen abgefragt wurden. Für die Wochenenden bekamen wir Übungen zur Wiederholung. Ich habe diese drei Kurswochen zwar nur mit viel Kaffee, Tee und Schokolade überstanden, war aber fest entschlossen, weiter zu lernen. Und da ich genug Zeit auf meinem Konto gespart hatte, konnte ich in den folgenden Jahren noch dreimal zu Arabischkursen nach Bochum fahren.

Lesen lernen wie ein Schulkind mit Finger unter der Zeile

In Hamburg gehe ich einmal pro Woche abends zur Volkshochschule. Laut Kursprogramm sind wir auf der Stufe B1. Diese Einschätzung finde ich sehr großzügig. Sie ist wohl in erster Linie darauf  zurückzuführen, dass der Kurs schon vor über drei Jahren begonnen hat. Inzwischen lesen wir immerhin Originaltexte, die unser Lehrer natürlich vorher für uns vereinfacht. Wenn wir im Unterricht laut vorlesen müssen, fühle ich mich oft an meine Grundschulzeit erinnert. Manchmal beobachte ich mich sogar dabei, wie ich beim Lesen mit dem Finger unter der Zeile entlang fahre, so wie früher als Schulkind.

Mein größter Feind ist der Buchstabe ع, genauer gesagt seine Aussprache. Liebe Muttersprachler, wie macht ihr das nur? Dagegen sind die deutschen Umlaute doch sicher ein Kinderspiel. Ja, und dann die Zahlen! Die beherrsche ich leider schon im Deutschen nicht besonders gut. Eins bis zehn – das schaffe ich noch, aber alles darüber hinaus ist schwierig. Vor Kurzem sollte ich im Unterricht den Weg vom Schlump bis Wandsbek Markt beschreiben. Mit der Linie U2 bis Horner Rennbahn, das war noch leicht. Leider fahren von der Horner Rennbahn nur Busse der Linien 23, 160 und 213 bis Wandsbek Markt. Verzweifelt überlegte ich, ob die Haltestelle nicht doch irgendwie mit einstelligen Buslinien erreichbar ist. Da unser Lehrer in Wandsbek wohnt, waren meiner Phantasie allerdings enge Grenzen gesetzt. Ich habe mich schließlich für den Fußweg entschieden. Zugegebenermaßen ziemlich sportlich, aber der Unterricht sollte ja weitergehen.

Eine halbe Stunde für einen Zweizeiler auf WhatsApp

Diese Szene war mir natürlich sehr peinlich, wie so viele ähnliche Szenen zuvor. Also beschloss ich, einen neuen Anlauf zu nehmen und über die Website der Volkshochschule ein Sprachtandem zu suchen. Ich fand auch schnell eine nette Tandempartnerin aus Jordanien. Sie bereitet sich gerade intensiv auf ihre B2-Prüfung vor. Was liegt da näher, als viel Deutsch zu sprechen?

Manchmal versuche ich es auch mit Nachrichten im Messenger oder auf WhatsApp. Für einen Zweizeiler brauche ich mindestens eine halbe Stunde. Dafür habe ich dann aber wirklich alles im Wörterbuch nachgeschlagen und die Richtigkeit der Satzkonstruktion in der Grammatik überprüft. Eine Unterhaltung kommt so allerdings leider nicht in Gang. Also, liebe Muttersprachler, wann gibt es endlich „Dialog in Arabisch“ – in den Hamburger Bücherhallen oder an einem anderen Ort? Dann haben wir Arabischlernenden keine Ausreden mehr.

Dr. Christiane Schnellenbach

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