Und jetzt? Eine Geschichte vom Ankommen, Suchen und Bleiben

Und jetzt. Foto von Hussam Al Zaher

Und jetzt? Diese Frage hat sich Fahman Hussein immer wieder gestellt – beim Ankommen in Deutschland und dann – Stufe für Stufe – beim Weitergehen auf der Suche nach guten Perspektiven und Zugehörigkeit. Jetzt ist er Student. Und er möchte Deutschland irgendwann etwas zurückgeben. Wie viele andere Geflüchtete auch. Über Menschen, die – wie er – auf einen ganz normalen Platz in dieser Gesellschaft hoffen, berichten die Medien selten. Deshalb erzählt er hier seine Geschichte:

Vor drei Jahren, als ich mein Abiturzeugnis in der Hand hatte, hatte ich mich gefragt: Und jetzt?

Werde ich mich jetzt  in meiner Heimat ganz normal um einen Studienplatz bewerben? Werde ich ein ganz normales studentische Leben führen? Werde ich in den Semesterferien, zu Festen, an Feiertagen … meine Eltern besuchen? Die Antwort auf alle Fragen war leider: Nein!

Denn in meiner Heimat herrscht Krieg und man ist als Jugendlicher bei jeder Gruppe als Kämpfer gefragt. Nach meinem Abitur habe ich mich – 17 Jahre alt – entschieden, meine Heimat zu verlassen. Klingt nach irgendeiner Entscheidung? War es aber nicht.

Nach einer anstrengenden, langen und „abenteuerlichen“ Flucht bin ich in Deutschland als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling angekommen. Ab dem Tag war ich Flüchtling und nicht mehr normaler Mensch. Da hatte ich mich wieder gefragt:

Und jetzt?

Wieder habe ich dieselben Fragen gestellt, aber dieses Mal ohne „in meiner Heimat“. Auch die letzte Frage habe ich mir nicht gestellt, denn ab dem Tag war es mir klar, dass ich meine Eltern vielleicht nie wiedersehen werde. Und es war mir auch klar, dass ich ab dem Zeitpunkt auf mich alleine gestellt war. Diese Gefühle haben in die positive Richtung gesteuert. Ab den ersten Tagen habe ich mich öfter gefragt:

Und jetzt?

Dazu kamen immer mehr Fragen. Die meisten Fragen waren „Wie“ und nicht „Ob“, denn ich wusste ganz genau, was ich möchte, und war mir sicher, dass die Ziele erreicht werden können, wenn man bereit ist, alles dafür zu tun. In den ersten Tagen ist mir auch klar geworden, dass die Landessprache der Schlüssel für jede Tür ist, und dass die meisten Deutschen nicht so gut Englisch sprechen können. Auf der Treppe zu meinen Zielen frage ich mich auf jeder Stufe immer wieder:

Und jetzt?

Heute, nach dem ich viele Stufen gestiegen bin, frage ich mich immer noch: Und jetzt? Und dazu kommen nicht mehr viele „Wie“ Fragen, sondern andere Fragen, teilweise merkwürdige und nachdenkliche Fragen, wie zum Beispiel: Bis wann bin ich ein Flüchtling? Was ist Heimat und welche ist meine? Wann werde ich ein Teil dieser Gesellschaft? Bis wann wird mir gesagt: Sie sprechen aber sehr gut Deutsch, wie haben Sie es geschafft?

Ich studiere jetzt Medizintechnik (im zweiten Semester) und arbeite nebenbei. Wie jeder Student hier in Deutschland habe ich einen Studierendenausweis, gehe ich zu Vorlesungen, lerne für die Klausuren und bestehe sie auch. Dennoch gibt es Studenten – internationale Studenten und die, die wie ich ‘geflüchtete Studenten’ heißen. Trotz aller Schwierigkeiten bemühe ich mich jeden Tag, um besser zu werden und um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Und es gibt sehr viele wie ich, die sich bemühen.

Über die Mehrheit, die sich bemüht wird nicht berichtet

Ich habe vor kurzer Zeit einen Artikel gelesen, da stand, dass jeder fünfte Auszubildende im Bau ein Flüchtling ist, also 20%. Ich freue mich sehr, wenn ich so was lese, denn die Medien fokussieren sich auf die Ausnahmen dieser Menschen, die nach Deutschland gekommen sind. Über die Mehrheit, die sich bemüht, über die vielen, die was tun, wird nicht berichtet.

Die deutsche Art zu leben und das Leben hier gefällt mir. Auch wenn sich die Stimmung den Flüchtlingen gegenüber geändert hat. Dennoch frage ich mich manchmal (und die Frage wird mir auch oft gestellt), ob ich in Deutschland bleiben werde. Um diese Frage zu beantworten, muss ich mir andere Fragen stellen, wie zum Beispiel: Wo soll ich hin? In die Heimat? Wie wird mein Leben dort nach all den Jahren sein? Werden sie mich dort einen ehemaligen Flüchtling nennen? Oder einen Experten, der in Deutschland studiert hat und sich dort entwickelt hat? Oder soll ich irgendwo anders hin und wieder bei Null anfangen? Warum soll ich es tun?

Mittlerweile habe eine Antwort auf die Frage: Ich werde auf jeden Fall so lange hier bleiben bis ich diesem Land etwas zurückgegeben habe. Auch den Deutschen will ich etwas zurück geben, wenigstens indem ich meine Steuern zahle und in die Rentenkasse einzahle. Denn es bedeutet mir viel, was das Land und die Bevölkerung für mich gemacht haben. So geht es vielen anderen Geflüchteten. Aber es kann auch sein, dass ich irgendwann eingebürgert werde und ein Deutscher heißen werde – wenn nicht Flüchtlings-Deutscher oder Deutscher mit Fluchthintergrund.

Autor: Fahman Hussein

 

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