Dialog über Liebe, Ehe und Familie

Moaayad und Thing diskutieren. Zeichnung von Eugenia Loginova

Ehe bedeutet im althochdeutschen so viel wie Ewigkeit, Recht und Gesetz. Natur, Gesellschaft und Religion sehen sie als eine gesetzliche oder rituell geregelte Verbindung zweier Menschen. Die Kirche sieht die Ehe als ein heiliges Versprechen an, das sich zwei Menschen ein Leben lang geben. Zivilrechtlich gesehen geht man einen Vertrag ein. Allen Kulturen und Epochen ist gemeinsam, dass eine Ehe mit Rechten und Pflichten verbunden ist. Diese variieren je nach Kultur und Zeitalter.

In Deutschland geht seit den 70er Jahren die Zahl der Eheschließungen zurück. Neben der Frauenemanzipation liegt das sicherlich auch an dem Wertewandel. Immer mehr Menschen haben verschiedene Lebensabschnittspartner oder vertreiben sich ihre Zeit mit Dating-Apps. Da scheint das Thema Scheidung weniger ein Tabuthema zu sein als normaler Alltag. Die Scheidungsrate von 39,06 Prozent im Jahr 2016 in Deutschland untermauert diese Vermutung.

Für Muslime ist die Ehe etwas Besonderes. Sie führt zur geistlichen Vervollkommnung beider Personen und ist erstrebenswert. Männer gehen hierfür lange und manchmal auch sehr weit weg und viel arbeiten. Scheidung ist für Muslime eher verwerflich. Dieses Problem kann mit Polygamie gelöst werden. Bedingung für den Mann ist dabei, dass er alle Frauen gleich behandelt, was sicherlich eine Wissenschaft für sich ist. Bei so unterschiedlichen Auffassungen von Liebe, Ehe und Scheidung stellen Moaayad und Thing ihre Ansichten vor.

Was bedeutet für Euch die Ehe?

Moaayad: Ich finde die Ehe sehr wichtig und bedeutender als eine Beziehung. Man verpflichtet sich für eine Person. Die Ehe wird von einem Ehevormund arrangiert. Das sind in der Regel die Eltern des Mannes. Es ist eher unüblich, dass eine Frau ihren Eltern sagt, wen sie heiraten will. Von der Verlobung bis zur Heirat kann es bis zu einem Jahr dauern. Selbstverständlich ist das verlobte Paar nie allein, sondern immer in Begleitung. Da die Eheschließung dem Mann schon mal über 5.000 Euro kosten kann, überlegt man sich sehr genau, wen man heiratet. Männer müssen sehr lange und viel arbeiten, um sich eine Familie leisten zu können. Mein Bruder hat zum Beispiel in Saudi Arabien gearbeitet, um sich eine Heirat leisten zu können. Mehrere Frauen kann sich also nicht jeder leisten.  

Thing: Die Ehe halte ich für etwas Unantastbares. Beide geben sich ein Versprechen bis zum Lebensende: Füreinander da sein. Dieses Versprechen sollte man ernst nehmen – aber auch schon in der Beziehung. Die Schnelllebigkeit heutiger Beziehungen und deren Abbruchgründe machen mich sprachlos. Dieses Ghosting finde ich unehrenhaft und letztens habe ich mitbekommen, wie sich eine Frau von ihrem Freund getrennt hat, weil er hässliche Schuhe trug. Meine Eltern haben mir gut vor Augen geführt, dass man es in der Ehe – und im Leben generell – mit ganz vielen Hürden zu tun hat. Gängige Themen wie sexuelle Unlust, Alltagsstress und das Gefühl des Auseinanderlebens sind hier eher Kleinigkeiten.

Gibt es einen Unterschied zwischen einer Beziehung und der Ehe?

Moaayad: In jedem Fall. Aus meiner Sicht kann man in einer Beziehung sein und die Frau darf schon Sex mit anderen Männern gehabt haben. Aber ich würde niemals eine Frau heiraten, die schon mal Sex gehabt hat. In einer Ehe sollte die Frau Jungfrau sein. Sonst ist es komisch, denn in meinem Kopf weiß ich ja, dass sie schon mal einen anderen Mann hatte. Wenn ich ihn dann noch sehen oder kennen würde, wäre das schlimm. Für einen Mann ist es aber in Ordnung, mit sexueller Erfahrung in die Ehe zu gehen. Bei uns ist die Jungfräulichkeit auch mit 30 Jahren ganz normal.

Thing: Ich sehe hier keinen großen Unterschied. Die Verbindlichkeit in einer Ehe ist stärker. Aber bei einer Beziehung ab zwei Jahren ist die Verbindlichkeit auch gegeben. Daher kann ich Leute verstehen, die nur zusammen sind, aber nicht heiraten. Schließlich empfinde ich die Ehe als eine von der Gesellschaft erschaffene Institution, um die Frauen an die Männer zu binden und weiter in der Abhängigkeit zu behalten. Einen sexuell unerfahrenen Mann kann ich mir nicht vorstellen. Meine Mutter hat mal gesagt, dass unerfahrene Männer dann später ihre Erfahrungen sammeln. Mein Umkreis bestätigt mir dieses Bild. Zudem sind erfahrene Männer eher weise. So etwas mag ich eh lieber.  

Welchen Sinn hat für Euch die Ehe?

Thing: Das Verfolgen gemeinsamer Ziele und die gemeinsame persönliche Entwicklung – ein Leben lang.

Moaayad: Eine Heirat hat für mich den Sinn der Familienplanung. Dann gehe ich arbeiten, bekomme Kinder und ziehe diese groß. Die Familie aber bleibt zusammen und im Alter kümmere ich mich um die Eltern. Wenn ich mich hier in Deutschland umschaue, sehe ich die Einsamkeit, die ältere Menschen plagen. Das finde ich schade. Bei uns ist es normal, dass sich die Kinder dann später um die Eltern kümmern und nicht einfach ins Altersheim geschickt werden. Weiterhin ist die Ehe auch mit Pflichten verbunden: Ich muss mich um die Frau finanziell kümmern können. Sie kann, muss aber nicht arbeiten. Letztendlich beinhaltet die Ehe den Lebenssinn für mich, weil damit das Leben beginnt.

Wie ist es mit dem Thema Liebe für die Flüchtlinge?

Moaayad: Für Männer ist es etwas einfacher. Als Mann darf ich eine Frau heiraten, die nicht die gleiche Religion hat. Zudem kann ich mehrere Frauen haben. Aber das kostet viel. Eine Frau darf leider keinen Mann heiraten, der eine andere Religion hat. Daher sind viele bereits froh, dass sie ihre Töchter überhaupt verheiratet bekommen, und verzichten dann auch schon mal auf die Mitgift. Zudem haben viele geflüchtete Frauen das Problem, dass meist nur noch ältere Männer auf dem Heiratsmarkt sind. Es gibt mehr ältere als jüngere Männer.

Wenn ein syrischer Flüchtling und eine deutsche Frau zusammen kommen, wird es schwer. Es treffen kulturelle Unterschiede aufeinander und man muss noch kompromissbereiter sein. Es gibt aber auch viele Paare, die sich nach der Ankunft in Deutschland für eine Scheidung entschieden haben. Das ist verständlich. Denn bei einer Flucht erlebt jeder Extremsituationen und lernt den Ehepartner auf eine ganz andere Weise kennen. Zudem entwickeln sich die Menschen weiter. Die Mischung der Kulturen sorgt auch bei uns für Verwirrung und man kommt schnell in eine kulturelle Identitätskrise. Langfristig werden wir wohl alle liberaler.

Thing: Ich bekomme das Thema nur am Rande mit. Eine Beziehung an sich ist bereits kompliziert. Wie ist es nur, wenn zwei komplett verschiedene Ansichten aufeinandertreffen? Ich würde mir nicht vorschreiben lassen, ob ich einen Mann zur Begrüßung umarme oder nicht. Und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit austauschen ist für mich auch normal. Die Lebensansichten müssen sehr gleich sein.  

Welche Meinung habt ihr über Scheidung?

Moaayad: Mir ist klar, dass Beziehungen oft mit Streitereien verbunden sind. Diese sollte man aber versuchen zu lösen. Meistens lassen sich Probleme mit der Zeit klären. Wenn es aber überhaupt nicht geht, ist eine Scheidung in Ordnung. Auch Frauen dürfen sich bei uns scheiden lassen. Dann ist deren Mitgift aber hinüber und sie haben es schwerer im Leben. Meist kümmern sich dann die Familie und Eltern der Frau finanziell um sie. Ist ein Kind im Spiel, wird es komplizierter. Der Mann muss sich natürlich finanziell um ihn kümmern, aber nicht um die Frau. Es gibt also keinen Unterhalt.

Thing: Man gibt heute leider zu schnell auf. Bei ersten Hürden oder Gefühlsveränderungen denkt man ans Aufgeben. Aber eine Beziehung ist wie das Leben: ein auf und ab. Und diese Schmetterlinge nehmen auch mit der Zeit ab. Ich bin hier pragmatisch und bin der Meinung, dass die Liebe eine Erfindung der Moderne ist. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass sich auch andere Gesellschaften irgendwann dem zuwenden.  

Autoren: Sook Thing und Moaayed Eudy.

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