Erst Frühstück, dann Sprachkurs. Ein Erfahrungsbericht.

Photo von Chris Liverani on Unsplash.

In ihrem Erfahrungsbericht hält Blanca Merz Rückschau auf ein engagiertes Lernprojekt in Hamburg. Viele Ehrenamtliche haben damals mit angepackt, um Menschen in einer schwierigen Lebenssituation zu helfen. Auch nach einigen Jahren bleibt das Beispiel aktuell: Denn noch immer entstehen Situationen, in denen die Bereitschaft zur spontanen Hilfe und Solidarität nötig ist, um Menschen Halt und Perspektive zu geben.

Im Sommer 2012 erfuhr ich von Menschen, die in unglaublichen und unwürdigen Zuständen hausten. Nicht etwa weit entfernt, sondern hier in Hamburg, in einer Stadt mit 13 Milliardären und Tausenden von Millionären!

Ich suchte die mir angegebene Adresse auf und fand vor Ort viele Schwarzafrikaner, die unter erbärmlichen und unwürdigen Umständen in schon lange leerstehenden Räumen lebten. Dort gab es eine große Küche und einen großen Raum. Beide Räume strotzten vor Dreck. Die ca. 150 jungen Männer schliefen sitzend auf dem kalten Boden, wuschen ihre Unterwäsche und Socken in den Ruinen einer Toilette mit eisigem Wasser ohne Seife und zogen die Wäsche nass wieder an. Nach ein paar Tagen wurde mir klar, dass die Flüchtlinge Deutsch lernen müssen.

Ohne Sprache kein Hierbleiben

Ich kaufte 50 Hefte, 50 Bleistifte, Radiergummis und Anspitzer und prägte ihnen den Satz ein: Ohne Sprache kein Hierbleiben! Täglich brachte ich Frühstück für die Schüler mit, denn mit leerem Magen lernt man schlecht. Es war nicht leicht, mir als Nicht-Muslimin, als Nicht-Europäerin und als Frau Respekt zu verschaffen. Ich wendete die südamerikanische Methode an: Disziplin und Respekt! Die Idee, den Flüchtlingen, die aus verschiedenen Ländern Afrikas kamen, die Sprache beizubringen, nahm langsam konkrete Formen an.

Laura, die auch angefangen hatte, am Steindamm ehrenamtlich die Flüchtlinge zu unterrichten, half mir anfänglich sehr bei der Verwirklichung des Lernprojekts. Bei Demos, an Haltestellen oder in Treffs sprach ich fremde Menschen an und bat sie um Hilfe für unser Projekt. 2013 wurden die Räumlichkeiten in der Brennerstraße von der Polizei gewaltsam geräumt. Viele der Flüchtlinge wurden von der Polizei hastig entfernt, andere waren gerade unterwegs, um Pfandflaschen zu sammeln. Sämtliche Fahrräder und Plastiktüten, in denen die Flüchtlinge ihre ganze Habe trugen, wurden vom Eigentümer des Hauses entsorgt. Nun lebten die Flüchtlinge wieder auf der Straße. Wir mussten für sie neue Räume suchen. Unser Unterricht hatte sich derweil weit über Hamburgs Grenzen hinaus herumgesprochen.

Flugblätter wurden in Geschäften und Einrichtungen angebracht und daraufhin bot uns die ” Freie Arbeiter Union” in Eimsbüttel einen Raum an. Restaurants und Kneipen stellten uns ebenfalls Räume zur Verfügung.

Täglich ging ich zurück zur Brennerstraße und sammelte unterwegs Schüler ein, sprach obdachlose Flüchtlinge an und ging mit einer ganzen Gruppe vom Hauptbahnhof bis nach Eimsbüttel zu Fuß, um ihnen den Weg zu den neuen Lernorten zu zeigen. Sie hatten nämlich kein Geld für Fahrscheine.

Menschen, die nichts haben, Halt geben

Langsam wurde die Gruppe der ehrenamtlichen HelferInnen größer. Wir boten Alphabetisierungskurse, sowie Sprachkurse für AnfängerInnen und Fortgeschrittene an. Bei allem, was ich hierfür tat, war es mir wichtig, den Menschen, die nichts hatten, Halt zu geben und ihnen im Kleinen eine Perspektive zu eröffnen. Ihnen einen warmen Raum mit Frühstück und Mittagessen anzubieten, war die ideale Lösung, um sie für den Unterricht zu interessieren. Am Anfang habe ich an sämtliche Türen geklopft, um an Gemüse, Obst und Material heranzukommen. Insbesondere viele migrantische Gemüsehändler erklärten sich  bereit, uns zu unterstützen. Der kaputte Herd wurde durch die finanzielle Hilfe einer linken Partei repariert. Die Hamburger Tafel verweigerte uns mit der Begründung ihre Unterstützung, wir würden formell kein Verein oder keine Institution sein. Uns war nicht bekannt, dass die Hamburger Tafel Menschen in Not nur dann hilft, wenn Vereine und Institutionen sie anfordern. Das ist eine sehr eigenwillige Form der Helferlogik!

Viele der Schüler haben, genau wie ich, kaum eine Schule besucht!

Autorin: Blanca Merz

Anmerkung: Der Beitrag ist in der ALiNa erschienen.

 

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