Zärtliche Schleifen. Von der Sehnsucht im Herzen

Foto: Susanne Brandt

Manchmal sitzen wir zusammen und erzählen einander Geschichten. Lebensgeschichten. Das geschieht einfach. Das planen wir nicht. Wenn mir Menschen von ihren Fluchterfahrungen erzählen, dann geht es oft, aber eben nicht allein um Angst und Gewalt, um Krieg und Terror. Hinter all dem Schrecklichen gibt es immer auch das Zärtliche. Da werden Fäden aufgegriffen, die zurück führen zu jenen Menschen, die ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in die Herzen gelegt haben.

Ich spreche hier ganz bewusst vom Herzen, weil mir das als Wort und Umschreibung so oft begegnet für alles, was mit einer tiefen Sehnsucht verbunden ist. Verbunden mit einer Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit, die es vielleicht einmal gab, in der frühen Kindheit, und an die sich vielleicht irgendwann wieder anknüpfen lässt: hier, an einem Ort ohne Krieg. Vielleicht mit neuen Menschen, vielleicht irgendwann mit einer eigenen Familie.

Fäden, die zu den Müttern führen

Die zarten Fäden, die zurück in die Kindheit führen, zu den Müttern, sie erweisen sich beim Erzählen als stark und verlässlich. Oft sind sie verbunden mit ganz realen Alltagserfahrungen in den Herkunftsländern, in Afghanistan oder in Syrien. Und oft spielt dabei ganz konkret die Arbeit an der Nähmaschine eine wichtige Rolle, die zur Sicherung des Unterhalts für die Familie von großer Bedeutung war.

So manches von Hand genähte Kleidungsstück ist als Fluchtgepäck mit auf die lange Reise nach Deutschland gegangen. Als Erinnerung an Menschen, die nicht mehr am Leben sind. Vielleicht auch als Vergewisserung für das Gefühl der Verbundenheit und der Geborgenheit, das sich viele Geflüchtete in ihren Herzen bewahrt haben.

Ihnen ist folgendes Gedicht gewidmet:

Zärtliche Schleifen

Mit der Hand
gab deine Mutter
dem Rad seinen Schwung
immer wieder,
dass die Nähmaschine im Rhythmus surrte,
im Rhythmus von Sorge und Mut.

Mit dem Mund
gab sie Worte
für all ihre Kinder,
viel Zeit blieb nie,

doch genug
für die kleinen zärtliche Schleifen
an jedem Namen,
wenn sie nach euch rief.

Immer noch
lebt die Stimme in dir,
lässt den Faden
nicht reißen.

 

Über Susanne Brandt 14 Artikel
Studierte Bibliothekswesen und Kulturwissenschaften und arbeitet als Lektorin und Autorin, hauptberuflich für die Büchereizentrale Schleswig-Holstein und ehrenamtlich für das Flüchtling Magazin - als "Nordlicht" an der dänischen Grenze vorwiegend online. Daneben ist sie in verschiedenen Projekten, z.B. als Integrationslotsin, in der interkulturellen Musikpraxis sowie im kirchlichen Bereich engagiert. Für das Flüchtling Magazin schreibt sie vor allem Beiträge mit oder über Menschen, die in Kunst und Kultur, in der Friedensarbeit oder auch in ihrer Religion etwas erleben und bewegen, was sie gern anderen mitteilen möchten. Gelegentlich stellt sie neue Bücher und Initiativen vor, die für den interkulturellen Austausch interessante Impulse liefern. Und manchmal fließen Impressionen aus Begegnungen mit Menschen auch ein in ein Gedicht oder Lied...

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