Eine Frau unter den Trümmern.

Bild von Rabea Alsayed

„Mariam“ wusste nicht, dass es ihr Schicksal sein würde, unter die Trümmer des kleinen Hauses ihrer Träume zu geraten, das sie einst mit aufgebaut hatte.
Ihre letzte Verbindung mit dem Leben war, dass ihre Tochter, ein Säugling, an ihrer Brust eingeschlafen war, nachdem sie den letzten Tropfen Milch aus der Brust ihrer Mutter aufgesogen hatte. Aber draußen war etwas Ungewöhnliches geschehen.
Das Geräusch der Geschosse kam zunächst zögernd. Es kam mitten am Tag und wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit lauter und folgte immer dichter aufeinander. Manchmal beherrschte es auch einen recht beträchtlichen Teil der Nacht. Aber beginnt es vor dem Sonnenaufgang, so ist es etwas Neues.
Die Mutter machte sich Sorgen um ihre Tochter, die auf dem Arm ihrer Mutter wie auf einem Kissen lag.
Ängste begannen sie zu befallen!

Mit dem Summen der Bleikugeln schleicht sich das Grauen in ihr Herz

Aber was kann sie tun, wenn ihr Ehemann mit den ersten Morgenstunden zu seiner Arbeit gegangen ist und niemand geblieben ist, der ihr in ihrer Einsamkeit Gesellschaft leistet? Wenn sich mit der Verschärfung der Bombardierung, der Verschlimmerung des Geräusches der Granaten und dem Summen der Bleikugeln das Grauen mehr und mehr in ihr Herz einschleicht?
Kurz bevor sie aufstehen wollte, überraschte sie eine Granate von schwerem Kaliber. Sie durchbohrte das Dach des kleinen dörflichen Hauses, auf dass etwas von ihrem Körper zerriss. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, was es war. Und sie hätte nicht begriffen, dass sie getroffen worden war, wenn sie nicht das Blut auf den Fliesen des Zimmers fließen gesehen hätte.

Augenblicke der Erinnerung als letzte Verbindung mit dem Leben

Sie versuchte aufzustehen, aber sie war nicht in der Lage dazu. Sie begriff die Ungeheuerlichkeit, die ihr geschehen war. Bevor sie das Bewusstsein verlor, streckte sie ihre Hand nach der Tochter aus, um sie zu beruhigen. Aber sie spürte auch, dass irgendetwas mit ihrer Tochter nicht in Ordnung war.

Nachbarn eilten an die Stelle, wo die Granate eingeschlagen war. Sie begannen, die Trümmer wegzuräumen, um die Katastrophe vorzufinden, nämlich dass die Tochter schon vom Leben getrennt und die Mutter in einem Zustand vollkommener Lähmung war. Auf dem Weg in das Krankenhaus, bevor „Mariam“ sich vom Leben verabschiedete, lief der Film ihrer Träume ab, als wenn er eine Fata Morgana wäre: Gerade hat sie ihren Ehemann, der zu seiner Arbeit geht, verabschiedet, da war sie gleich voller Vitalität, Kreativität und Hoffnung auf das Ende des laufenden Krieges. Alle diese Erinnerungen dauerten nur wenige Augenblicke. Sie waren ihre letzte Verbindung mit dem Leben, weil das Krankenhaus nicht in der Nähe, sondern im Nachbarland war.

Muttertag – aber die ganze Welt ist unfähig, euren Leiden Grenzen zu setzen

Der Vorhang über der Geschichte von einem anderen Opfer als die Opfer der Kriege und der Konflikte wurde herabgelassen. Sie ist die syrische Mutter, die nicht opferte wie die anderen opfern.
Es ist keine Mutter in Syrien geblieben, die nicht die Mutter eines Märtyrers oder die Frau eines Märtyrers oder die Schwester eines Märtyrers oder selbst eine Märtyrerin oder ein Flüchtling oder eine Vertriebene ist.
Du als syrische Mutter bist etwas Großartiges. Die Flut hat dir weder einen Wohnsitz noch sonst eine sichere Bleibe gelassen.
Am Muttertag freuen sich die Frauen der Welt alle miteinander, nur du nicht.
Am Muttertag bezeugt die Welt ein anderes Fest: ein Fest, in dem es eine Erneuerung gibt für die Jahreszeiten des Todes, der Vernichtung und der Vertreibung für euch, ihr syrischen Mütter.
Am neuen Muttertag bleibt die ganze Welt stehen, ein weiteres Mal unfähig, euren Leiden Grenzen zu setzen.

Sichern, was an Seelen und Müttern geblieben ist

Aus diesem Anlass können wir nur die freie Welt und was an Gewissen der Menschlichkeit übrig geblieben ist, aufrufen, euch zu unterstützen. Dass vielleicht die Maschinen der Tötung und der Vernichtung an ihrer Arbeit gehindert werden. Und dass wir das sichern, was an Seelen und Müttern geblieben ist, denen nicht das Glück beschieden war, aus der Hölle des Krieges und des Todes fliehen zu können. Und dass sich der Frieden in Syrien und den übrigen Ländern allgemein verbreitet.

Mustafa Al-Farahat

Übersetzung aus dem Arabischen: Eva Paschen

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