Ramas Flucht. Der syrische Künstler Nizar Ali Badr und der Ruf der Steine

Copyright: Nizar Ali Badr (Ill.), aus: Ramas Flucht (c) Gerstenberg Verlag

 

Copyright: Nizar Ali Badr (Ill.), aus: Ramas Flucht (c) Gerstenberg Verlag

Das Buch „Ramas Flucht“ erzählt eine Fluchtgeschichte – und das auf eine ganz besondere Weise. Denn in dem Buch zeigt sich zugleich eine bemerkenswerte Entstehungsgeschichte, die in einer außergewöhnlichen Illustrationskunst ihren Ausdruck findet: Die poetische Ich-Erzählung, aufgeschrieben von Margriet Ruurs, lässt uns teilhaben an den Erfahrungen eines Kindes mit seiner Familie auf der Flucht aus der Heimat. Die Worte – deutsch und arabisch – führen entlang an Bildszenen, die der syrische Bildhauer Nizar Ali Badr in Lattakia/Syrien auf dem Dach seines Hauses aus gesammelten Steinen gelegt hat. Die Bilder existieren dabei nur für das Foto, um anschließend etwas Neues entstehen zu lassen.

Er selbst erläutert dazu:

“Wenn ich eine Steinskulptur erschaffe, weiß ich mit Sicherheit, dass nichts da ist, was sie zusammenhält. Zweifellos wird sie mit der Zeit zerstört werden, genau wie die buddhistischen Sand-Mandalas. Aus diesem Grund wohnt meiner Arbeit ein flüchtiger Charakter inne, der mich lehrt, sich von der Bindung an materielle Gegenstände zu lösen und die zeitliche Natur aller Dinge im Leben zu verstehen. “

Im Unfixierten die Kraft der Verwandlung entdecken

Copyright: Nizar Ali Badr (Ill.), aus: Ramas Flucht (c) Gerstenberg Verlag

Das Unfixierte, immer wieder dem Wandel ausgesetzt, das Warmherzige und Zärtliche in der Schwere des Materials findet in der dazu beschriebenen Fluchterfahrung seine Entsprechung: Ohne festgelegt zu sein auf ein Land, eine Zeit, eine Fluchtroute, geht es um eine Familie, die den Frieden und die Freiheit verloren hat und aus Angst und Not aufbricht, um anderswo neu Hoffnung zu schöpfen. Bedrückendes und Grausames wird in der Geschichte – wie in den Bildern – angedeutet, aber nicht ausgemalt. Der lange Weg endet glücklich.

Für das „Flüchtling-Magazin“ habe ich gefragt und recherchiert: Was bewegt den Künstler Nizar Ali Badr dazu, mit Steinen zu erzählen? In einem Interview, in englischer und arabischer Sprache veröffentlicht im syrischen Künstler-Journal „Creative Havens“, gibt Nizar Ali Badr aus Lattakia/Syrien Auskunft zum Entstehungsprozess und zum Anliegen seiner Kunst. Dabei ist es wichtig, beim Werkstoff – den Steinen – anzufangen.

“Ich lernte, den Ruf und den Schrei der Steine zu hören”

Copyright: Copyright: Nizar Ali Badr (Ill.), aus: Ramas Flucht (c) Gerstenberg Verlag

Er erzählt dazu: „Etwa 60 Kilometer von der Stadt Lattakia entfernt befindet sich ein heiliger Ort, der die Quelle der künstlerischen Inspirationen für mich ist: Mount Zaphon, auch bekannt als Djebel Al Aqra. Dort, am Fuße des Zaphon, sammelte ich tausende wunderschöner Kieselsteine, die gesegnet sind mit einer erstaunlichen Variation von Farbe und Formen. Die transportierte sie an meinen Arbeitsplatz, um zehntausende Skulpturen zu schaffen. Mount Zaphon  ist in ugaritischen Texten bekannt als die Wohnung des Baals, des Berggottes, des Sturms und des Regens, der von alten syrischen Kulturen verehrt wird.”

Die schöpferische Arbeit mit Steinen, bei der er sich dem Elementaren in der Welt intensiv verbunden fühlt, begleitet den Künstler seit seiner Kindheit. Er erzählt: “Mit meinen Händen zu arbeiten und zu gestalten war eine lebenslange Leidenschaft. Als ich ein Kind war, sammelte ich kleine Steine ​​ ​​in der Nähe von Bächen oder an der Küste und schnitzte Gesichter und Tiere aus ihnen. Mit dem Heranwachsen wuchs auch ein Traum in mir: mein Traum, die Herzen der Menschen zu erreichen und eine Botschaft zu übermitteln. So entwickelte sich meine Leidenschaft für Steinskulpturen und ich lernte den Ruf und den Schrei der Steine zu hören.”

Auch den leisen Stimmen der unterdrückten Menschen Kraft geben

Copyright: Nizar Ali Badr (Ill.), aus: Ramas Flucht (c) Gerstenberg Verlag

Den „Ruf der Steine“ – das ist ein Motiv, das sich in vielen Kulturen, Religionen und Überlieferungen findet. Steine schreien, wo Menschen unterdrückt werden, wo ihnen das unaussprechliche Leid vielleicht die Sprache verschlägt. Und im Rufen der Steine bekommen auch die leisen Stimmen der Menschen eine neue Kraft. Nizar Ali Badr erinnert sich: “Die Steine ​​schrien so laut, dass so vieles darin mitklang: die Schreie der Bedürftigen, der Unterdrückten und der Flüchtenden. Es ist ein Schrei gegen Ungerechtigkeit, Ermordung und Unterdrückung. Geschaffen aus den Steinen des Bergs Zaphon, sind meine Arbeiten und meine Kreationen in dieser Welt beispiellos. Sie brachten einen Schrei hervor: den Schrei der Steine, der das Ende des Massakers fordert.”

Ruf nach Frieden und Menschlichkeit

Und er verbindet mit seinen Bildern eine tiefe Hoffnung: „Durch meine Kreationen kann man das Schreien der Steine wie ein verzweifeltes Flehen hören: Hört auf, Menschen zu töten!  Hört auf zu zerstören! Lasst eure Menschlichkeit nicht verloren gehen! “

(Quelle der Zitate aus dem Interview: https://syriancreativehavens.com/portfolio/syrian-artist-nizar-ali-badr/, deutsche Übersetzung: Susanne Brandt)

Zurück zu seinem Buch „Ramas Flucht“: Das glückliche Ende seiner Geschichte ist Ausdruck dieser Sehnsucht nach einem Ende von Unrecht und Krieg. Und  vielleicht eine Einladung, sich mit der elementaren Kraft der Steine überall auf der Welt sinnlich, kreativ oder spielerisch vertraut zu machen – um dabei die Kraft des Lebens zu erfahren!

Ein Film gibt Einblick in sein Schaffen: https://videopress.com/v/JeAgraY7

Susanne Brandt

Copyright: Nizar Ali Badr (Ill.), aus: Ramas Flucht (c) Gerstenberg Verlag

Das Buch ist im Gerstenberg Verlag erschienen und in jeder Buchhandlung erhältlich:

Margriet Ruurs / Nizar Ali Badr:

Ramas Flucht
Deutsch-arabische Ausgabe
48 Seiten, 18,5 x 24 cm, ab 5 Jahren
gebunden
ISBN 978-3-8369-5973-5
EUR (D) 12.95 | EUR (A) 13.40 | SFr 16.90

Über Susanne Brandt 14 Artikel
Studierte Bibliothekswesen und Kulturwissenschaften und arbeitet als Lektorin und Autorin, hauptberuflich für die Büchereizentrale Schleswig-Holstein und ehrenamtlich für das Flüchtling Magazin - als "Nordlicht" an der dänischen Grenze vorwiegend online. Daneben ist sie in verschiedenen Projekten, z.B. als Integrationslotsin, in der interkulturellen Musikpraxis sowie im kirchlichen Bereich engagiert. Für das Flüchtling Magazin schreibt sie vor allem Beiträge mit oder über Menschen, die in Kunst und Kultur, in der Friedensarbeit oder auch in ihrer Religion etwas erleben und bewegen, was sie gern anderen mitteilen möchten. Gelegentlich stellt sie neue Bücher und Initiativen vor, die für den interkulturellen Austausch interessante Impulse liefern. Und manchmal fließen Impressionen aus Begegnungen mit Menschen auch ein in ein Gedicht oder Lied...

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