Bauen mit Lehm für Groß und Klein

Foto von Leonardo De Araújo

Der gemeinnützige Verein Bunte Kuh e.V. – gegründet 1985 – ist in Hamburg tätig. Von Nepomuk Derksen stammt die Idee zu diesem Projekt. Er kommt aus einem pädagogischen Haushalt und studierte Kunst und Architektur. Dieser Hintergrund veranlasste ihn zur Entwicklung des Projekts ‘Bauen mit Lehm’. Die Baukunst-Aktion mit Lehm für Groß und Klein ist in der Regel in sozialen Brennpunkten und Bildungseinrichtungen angesiedelt, um einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen von vor allem Kindern und Jugendlichen direkt vor Ort zu leisten.

In einem Interview mit unserem Autor Leonardo De Araújo verraten uns Karen und Nepomuk Derksen alles Wissenswerte über ihr Projekt und ihre Aktionen, wie das Festival in Wilhelmsburg, das Mitte Mai beginnt.

Wie sind Sie auf die Idee des Bauens mit Lehm gekommen?

Nepomuk Derksen:

Ich komme aus einem sehr kulturell geprägten, pädagogischen Haushalt. Meine Eltern haben eine Schule gegründet und sich mit viel Empathie und Charisma um kulturelle und soziale Belange gekümmert. Es war übrigens die erste Schule in Bayern in den 50er-Jahren, die ohne Strafen auskam.

Mit sieben Geschwistern konnte ich Wertschätzung für Vielfalt trainieren. Ich studierte Kunst- und Architektur und engagierte mich Mitte der 1980er Jahre in der Kampnagel-Initiative, mit dem Ziel, einen integrierten Stadtteil aus neuen Wohnformen, Kultureinrichtungen und sozialen Projekten in den alten Hallenstrukturen zu entwickeln.

Auf der Suche nach einem Medium, mit dem die Bevölkerung an der Planung teilnehmen konnte, erinnerte ich mich an eigene frühe Erfahrungen mit Ton. Die Bearbeitung dieses plastischen Materials ermöglicht die unmittelbare Erfahrung eigener Gestaltungskompetenz. Wenn ich in den Lehm drücke, habe ich etwas verändert, habe eine Antwort auf mein Handeln bekommen. Das war der Beginn des Projektes ‘Bauen mit Lehm’. Wir haben lange Zeit auf dem Gelände der Kampnagel-Fabrik experimentiert, um diese Technik zu entwickeln.

Karen Derksen:

Wir verwenden die afrikanische Nasslehm-Bauweise. Die Aktionen finden interkulturell und im öffentlichen Raum statt. Es geht darum, dass Kinder, Jugendliche, Stadtteilbewohner und auch viele Flüchtlinge gemeinsam etwas Positives und Ästhetisches schaffen. Innerhalb von drei Wochen entsteht wunderschöne Architektur. Das ist ein einmaliges Projekt in Deutschland.
Wir veranstalten zwei Aktionen im Jahr.

Ab Mitte Mai sind wir im Stadtteil Wilhelmsburg und im Herbst wollen wir in Sankt Pauli vor der Rindermarkthalle eine weitere Aktion starten. Wir gehen bewusst an diese beiden Orte, um Kindern eines sozial schwachen Umfelds, einen Zugang zu Kunst zu ermöglichen. Manchmal kommen die Kinder, die vormittags mit Bildungseinrichtungen teilnahmen, auch am Nachmittag freiwillig zur Baustelle, weil sie das Ganze so toll finden. Und oft bringen die Kinder am Wochenende ihre Eltern mit.

“Es geschieht was Besonderes, wenn Flüchtlinge ihre Geschichten in Lehm nachbauen”

Haben Sie oder planen Sie besondere Aktivitäten für Flüchtlingskinder?

Karen Derksen:

Nein, da wir nicht möchten, dass Flüchtlinge als was Besonderes gesehen werden, sondern als ein Teil der Gesellschaft. Wir schaffen einen Raum oder eine Baustelle, auf der sie mit anderen Kindern und Erwachsenen in Kontakt kommen können. Die Sprache ist beim gemeinsamen Schaffen erst einmal nicht wichtig. Wir erleben, wie Kinder aus verschiedenen Nationen ein nonverbales Verhältnis auf der Baustelle entwickeln.

Es dreht sich um die gegenseitige Hilfe, darum, etwas Neuartiges entstehen zu lassen. Wir bekommen häufig positive Rückmeldungen von Lehrern und Erziehern mit der Aussage, dass die Aktivitäten sehr gut funktionieren. Wir bieten den Flüchtlingskindern für ein paar Wochen einen öffentlichen Platz, wo sie unter anderem mit deutschen Bürgern in Kontakt treten und niedrigschwellig am Gesellschaftsleben teilhaben können.

Nepomuk Derksen:

Wenn man die Menschen zusammenbringen will und das Beste von ihnen möchte, wäre es falsch, die Vorgaben zu stark zu machen oder meinen zu wissen, wie die Kommunikation unter Fremden stattfindet. Das Wichtigste für alle sind die Selbstbildungsprozesse und die Fähigkeit, sich selbst zu orientieren.

Sie sollen ihre eigene Wahrnehmung behaupten und möglichst sich selbst mit allen kulturellen Hintergründen interpretieren. Sie sollen möglichst viel Freiheit am gemeinsamen Gestalten genießen. Und deshalb sind die Aktivitäten nicht für den einen oder anderen gedacht, sondern dafür, dass die Teilnehmer frei ihren eigenen Weg finden.

Karen Derksen:

Wir laden sehr viele Integrationsklassen und Kinder aus Flüchtlingsunterkünften in Wilhelmsburg zu uns ein. Und hier geschieht schon was Besonderes, wenn Flüchtlinge, Kinder und Erwachsene, ihre Geschichten in Lehm nachbauen, zum Beispiel auch Geschichten des Kriegs, wie zwei Jungen aus Syrien sichtbar gemacht haben. Sie bauten Kanonen, umgefallene Figuren und zerlöcherte Mauern. Jeder konnte sehen, dass sie ihre Erinnerungen an dem Krieg nachgestellt haben.

Auch bei unserer Aktion mit Kacheln, die im Ofen gebrannt und später an Säulen gezeigt werden, stellten Flüchtlinge ihre Geschichten dar, z.B. gekenterte Boote. Frauen bauten oft eigene Häuschen mit liebevoller Einrichtung. So finden sowohl traumatische Erlebnisse als auch Sehnsüchte durch das Baumaterial Lehm ihren Ausdruck.

Bauen mit Lehm’ für Groß und Klein im Stadtteil Wilhelmsburg:  

Wo:
Bahnhofspassage
21109 Hamburg
(direkt an der S-Bahn Wilhelmsburg)

Wann:
Mitbauen: 17.05. – 10.06.2018, Di-So 9.30 – 17.00 Uhr
Fest: Sonntag, den 10.06., 15 – 18 Uhr
Ausstellung:  11. – 19.06., tägl. 10 – 18 Uhr

Der Eintritt ist frei.
Eine Anmeldung ist nur für Gruppen ab vier Personen erforderlich, Tel. 040-39 90 54 31.
Weitere Informationen unter: www.buntekuh-hamburg.de

Das Gespräch fand am Freitag, den 20.04.18, im Haus der Familie Derksen statt.

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