Frauen von den Trümmern zurück an den Herd

Foto ©Jana Spieß

Unser Autor Leonardo De Arùjo entführt uns gedanklich in ein Stück deutscher Vergangenheit: Viele Männer sind nach dem Krieg in Gefangenschaft und ihre Frauen bestreiten den Alltag mit ihren Kindern alleine. Manche als Trümmerfrauen, andere können alte Kontakte nutzen. Sie alle müssen stark sein – auf unterschiedliche Weise. In Liebe mit ihren Männern verbunden, müssen sie sich in einem Alltag behaupten, der nur zu überstehen ist, indem sie nach vorne blicken.

GERTRUD STEIN …

… hob den Hammer, um mit so viel Kraft wie sie aufbringen konnte, den Mörtel vom Ziegelstein abzuklopfen. Es war eine wichtige Arbeit, denn die Trümmer waren das Material für den Wiederaufbau. Sie gab die Steine weiter an die unendlich wirkende Kette von Frauen, und von Hand zur Hand kamen die Steine bei einer kleinen Lore an. Zwei Frauen zogen die Lore an die Stelle, wo das Material benötigt wurde.

Träume der Hoffnung

Gertrud hätte gern was anderes gemacht, um sich und die zwei Kinder einigermaßen über die Runden zu bringen. Aber die harten Zeiten nach dem Krieg erlaubten keine große Wahl. Gertrud wurde per Gesetz des alliierten Kontrollrats dazu verpflichtet. Trotzdem konnte sie sich zu den Glücklichen zählen. Sie bekam Brot und etwas Fleisch, mit viel Improvisation und Geschick konnte die Familie überleben. Ihr Mann, OTTO STEIN, war in Kriegsgefangenschaft in Russland – wo auch immer. Offenbar hatte er das Gemetzel in Stalingrad überlebt. Kein Mensch konnte Gertrud sagen, wann er überhaupt zurückkehren würde. Sie bekam spärliche Nachrichten und von anderen Frauen wusste sie, dass viele Männer in russischen Arbeitslagern umgekommen waren, an Krankheit oder schlicht
Hunger. Noch hatte sie die Hoffnung, irgendwann ihren Mann wieder zu sehen und so etwas wie ein bescheidenes Leben mit der Familie wieder aufzubauen. Davon träumt sie ab und zu, nachts in der Baracke, die sie sich mit anderen teilte. Und die jetzt, in diesen harten Zeiten, das einzige Zuhause war, das sie bekommen konnten.

HANNELORE WOLFF …

… trug die Zigaretten unter dem Rock oder im BH. Das bisschen Tabak, in Papier gerollt, war einer der wertvollsten Währungen auf den Schwarzmärkten im zerbombten Hamburg nach dem Krieg. Heute war sie auf der Suche nach Butter. Ein einziges Pfund kostete 200 Mark, ein kleines Vermögen. Aber sie konnte es immerhin kaufen, im Gegensatz zu den anderen Frauen, an denen sie gerade vorbei ging.

Kämpfen um jeden Preis

Sie musste keine Steine klopfen. Die alten Seilschaften ihres gefangenen Mannes, GERHARD WOLFF, ein hoher SS-Offizier, hielten noch jetzt Stand und sorgten dafür, dass die Familien ehemaliger Anhänger des Naziregimes einigermaßen über die Runden kamen. Hannelore wusste, dass viele der ehemaligen Kameraden ihres Mannes, aber auch Richter und Lehrer bereits an ihrer Wiederkehr bastelten, um die jetzt verwaiste Verwaltungsmaschinerie in einem neuen Deutschland wieder ins Leben zu bringen. Das waren die Männer, die das notwendige Wissen hatten. Und auch Hannelore wusste, dass sie mit etwas Glück einen Platz in der neuen Maschinerie finden würde. Aber für den jetzigen Zeitpunkt galt es zu überleben, irgendwie und manchmal egal zu welchem Preis. Sie konnte immerhin noch in der alten, sehr großen Wohnung ihrer Familie leben, wenn auch nur in einem Zimmer, zusammen mit ihrem Sohn. Andere ausgebombte Familien bekamen die restlichen Räume zugewiesen, darunter solche Leute, mit denen Hannelore noch vor wenigen Jahren kein einziges Wort gewechselt hätte. Sie gehörten halt einer anderen Sozialklasse an, einfache Arbeiter. Sie dagegen genoss eine gute Ausbildung, beherrschte ein paar Fremdsprachen und hatte als Chefsekretärin im Verwaltungsapparat des Krieges gearbeitet. Sie dachte jetzt an ihre Zukunft, als sie ganz in die Nähe eines Schwarzmarktes ankam.

In liebender Kraft vereint

Es war Oktober 1955, als Gertrud ihren Otto wiedersah. Er kam als gebrochener, kranker Mann aus dem Gefangenenlager zurück – gerade mal ein verblichenes Gespenst, das in den Erinnerungen von Hannelore kaum Platz fand. Sie war aber glücklich, dass die Familie wieder zusammen war und setzte ihre ganze Kraft ein, um Otto wieder zu einem Mann zu machen. Die Zeiten des Steinklopfens waren vorbei und sie konnte jetzt in ihrem alten Beruf als Näherin die Familie ernähren. Bereits nach einiger Zeit war Otto schon so weit, dass er sich wieder einen Job suchen konnte. Den fand er auch recht schnell. Nichts Großartiges, aber genug, um den Unterhalt der Familie zu verdienen. Otto war jetzt wieder der Familienchef und glücklich, dass er für alle sorgen konnte. Auch für Gertrud,
die sich jetzt um den Haushalt und die Kinder kümmern sollte. So wollte es Otto. Und genauso ging es weiter, viele Jahre.

Das kleine Stück vom Glück

Hannelore fand bereits nach wenigen Jahren eine Einstellung als Sekretärin in einer kleinen Kanzlei. Ihr Arbeitgeber hatte als Rechtsanwalt während des Krieges versucht, Menschen vor dem Volksgerichtshof zu retten – auch wenn seine Tätigkeit eher einen symbolischen Charakter hatte. Irgendwann wurde er selbst zum Opfer und verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis. Es war für die Richter einfach, irgendeinen Beweis für seinen Verrat zu finden. Seine Geschichte erzählte er Hannelore wenige Tage vor der Rückkehr ihres Mannes. Hannelore und Gerhard genossen eine kurze Zeit des Glücks, bevor er ihr verbat, weiter für den Rechtsanwalt zu arbeiten. Gerhards Kameraden hätten nicht verziehen, dass eine ihresgleichen ihr Geld bei einem verurteilten Verräter verdient. Hannelore musste akzeptieren, sie wollte Gerhard nicht verlieren.

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