„Was uns verbindet, müssen Dritte nicht verstehen”

Maher Alaboud, Bassel Alaboud und Carina Neumann. Foto: Hussam Al Zaher

Als Carina den Wunsch äußerte, eine Patenschaft mit Geflüchteten zu übernehmen, ahnte sie noch nicht, was da alles auf sie zukommen würde. Die fremde Kultur ist das Eine. Menschen, die ehrlich gemeinte Hilfe falsch verstehen wollen, das Andere. Doch lest selbst – ein ehrlicher und authentischer Beitrag, der zeigt, wie sehr beide Seiten gefordert sind, aufeinander zu zugehen:

… und plötzlich habe ich zwei syrische Brüder!

Ich bin Carina und arbeitete vor zwei Jahren noch in einer kleinen Amtsverwaltung. Mein Job war es, neu angekommenen Flüchtlingen eine Erstunterkunft zur Verfügung zu stellen. Und mein deutscher Anspruch und Geschmack schienen sich so gar nicht mit den Erwartungen der zugewiesenen Personen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak zu decken.

Daher suchte ich jemanden, der mir erklärte, worauf unsere arabischen Neubürger bei ihren Unterkünften Wert legen, aber auch, um Erklärungen ihrer mir fremden Traditionen und Bräuche (Ramadan, Shisha, auf dem Fußboden essen, Schuhe in der Wohnung ausziehen) zu erfahren. Im Gegenzug wollte ich dafür bei Behördengängen, Arzt-, Bank- und Krankenkassenbesuchen unterstützen und bei den vielen Formularen helfen – ich wollte eine Patenschaft übernehmen !

Also sprach ich mit meinem damaligen Kollegen Dirk in unserem gemeinsamen Büro im Amt über meinen Plan der Patenschaft, und während unserer Diskussion tauchten Maher und Bassel, zwei Brüder aus Syrien, auf.

Erste Begegnung und kein leichter Anfang …

Maher und ich konnten uns auf Englisch verständigen. Die Konversation mit Bassel erfolgte über Maher. Anfänglich waren die beiden so gar nicht begeistert von meinem Angebot einer Patenschaft. Dennoch verbrachten wir in den folgenden Wochen viel Zeit miteinander. Der Alltag von Bassel und Maher war mir sehr fremd: Außer Einkaufen und Fernsehen, Handy, Internet und gelegentlichen Besuchen von und bei Landsmännern unternahmen sie nichts. Essen vom Fußboden auf Zeitungspapier und meist auch ohne Besteck, das förmliche Händeschütteln beim Begrüßen und Verabschieden, die stets eingehaltenen Gebetszeiten und die
kritische Ablehnung deutschem Essen wie Brötchen, Krabben oder Vollkornbrot gegenüber … all das war neu für mich.

Unser Anfang war nicht leicht, denn es gab viele Missverständnisse (nicht nur wegen der Sprache!) und dazu kamen mir bis dahin völlig unbekannte Anfeindungen: Es gab Leute, die meinten, ich würde Maher und Bassel bei der Wohnungsvergabe bevorzugen. Andere tuschelten, ich hätte eine Affäre mit einem der Brüder oder sogar mit beiden. Selbst von Freunden und Familie gab es Kritik, ich würde zuviel Zeit mit „den Arabern“ verbringen und meinen guten Ruf riskieren. Ein Kollege denunzierte mich bei den Vorgesetzten im Amt, so dass ich zum Gespräch gebeten wurde.

Das empfand ich als unfair und ungerecht. Vielleicht hätte ich da schon mit Bassel und
Maher sprechen sollen, aber zum Einen gab es das Kommunikationsproblem und zum Anderen wollte ich sie damit nicht belasten.

Krisen-Bewältigung gegen äußere Widerstände

Es kam noch härter, denn Anfang August berichtete Maher mir ganz nebenbei, dass er und Bassel in ein anderes Bundesland in die Nähe der dort lebenden Cousins umziehen wollten. Ich war einfach nur sauer und enttäuscht, da ich weder mir, meinem Arbeitgeber noch Freunden und Familie gegenüber einer Schuld bewusst war. Und wozu das alles? Damit Bassel und Maher mich in all diesem Chaos der Patenschaft allein sitzen lassen?!

Zum Glück hatte ich Urlaub und konnte mich von alldem distanzieren. Nach drei Wochen rief Maher mich an. Es folgte ein sehr langes Gespräch und ich erfuhr, dass auch er und Bassel Ärger hatten, da einige Landleute meinten, sich über die beiden bei mir Vorteile bezüglich Wohnungszuweisung zu beschaffen. Und auch ihnen wurden kritische Fragen zu unserem „Verhältnis“ gestellt.

Gemeinsam gestärkt als Freunde weiterkämpfen

Ich glaube, das war der Zeitpunkt, an dem sich die Patenschaft in eine Freundschaft änderte. Da Bassel und Maher aufgrund der Wohnsitzauflage nicht in ein anderes Bundesland umziehen durften, war ihr Wunsch, in die Kreisstadt umzuziehen. Und so starteten wir gemeinsam die nicht ganz einfache Wohnungssuche. Das kostete viel Zeit, die aber unseren Zusammenhalt förderte.
Den Umzug in die Kreisstadt erlebte ich wie einen Schlussstrich unter das bisher Erlebte. Oder wie einen Neuanfang. Während des Einrichtens rief Maher aus dem Nebenzimmer „Schwester Carina!“ und brachte es damit auf den Punkt. Und das macht es auch bis heute soviel einfacher, Leuten zu erklären, in welchem „Verhältnis“ wir zueinander stehen: Wir sind Geschwister!

Der Herzens-Bruder anderer Eltern

Früher habe ich mir immer einen jüngeren Bruder gewünscht: Er sollte so verrückt und spontan sein wie ich (und damit ganz anders, als meine drei leiblichen, älteren Brüder). Bassel kommt meinem Wunschdenken erstaunlich nahe: Er hat manchmal die verrücktesten Ideen und Einfälle, ist oftmals uneinsichtig und stur, und auch anstrengend, aber sehr lieb, empathisch und fürsorglich. Und ich liebe sein Temperament beim Fußball.
Maher ist ganz anders: Er akzeptiert mich nicht so bedingungslos wie Bassel und ist viel schwerer zu überzeugen. Ich spüre manchmal immer noch seine Zweifel und sein Misstrauen. Erfolge sind nie mein Verdienst, sondern Zufall oder der Wille Allahs.

Vertrauen – die Ebene für gegenseitiges Verständnis

Ich musste lernen, wieder zu vertrauen. Denn ich verstand, dass insbesondere Maher mir nur vertrauen würde, wenn ich ihm vertraue. Er fing an, viel von zu Hause zu erzählen, seinen Eltern, den Geschwistern und seinem Leben in Syrien. Das war und ist immer so voller Liebe und Respekt. Maher hat mich gelehrt, zu verstehen. Zu verstehen, dass die Vergangenheit Spuren hinterlässt, die Gegenwart hart und die Zukunft ungewiss ist. Da war mir klar: Ich helfe Bassel und Maher, eine Zukunft in Deutschland aufzubauen.

Tagebuch einer Patenschaft. Darum!

Darum führte ich etliche Telefonate mit dem BAMF, da Maher seine Anerkennung als Flüchtling bereits im April erhalten hatte und Bassel wochenlang ergebnislos auf seine Anerkennung wartete. Tatsächlich wurde er zeitgleich mit Maher anerkannt, man hatte jedoch vergessen, dieses schriftlich mitzuteilen. Darum vermittelte ich Maher in einen Minijob und Bassel in einen ehrenamtlich organisierten Deutschkurs.
Darum wollte ich eine schöne Wohnung für sie finden.
Darum durfte Maher als einziger mein Auto fahren und bekam einen Schlüssel zu meinem Haus.
Darum unterstützte ich sie, einen Platz im Integrationskurs im neuen Wohnort zu bekommen.
Darum suchen wir gemeinsam eine Lösung, wie die Familie wieder zusammen geführt werden kann.

Das Glück im Rückblick

Es war nie mein Wunsch, mit arabischen Männern befreundet zu sein – vielleicht weil ich so erzogen wurde, vielleicht weil ich die vielen Vorurteile meiner Landsleute kenne. Und als ich mich für eine Patenschaft angeboten habe, war mir klar, dass diese für eine gewisse Zeit dauert und dann vorbei ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich Maher und Bassel so schnell ins Herz schließen würde.

Wenn ich darüber nachdenke, bin ich erstaunt – und glücklich, denn ich bin so stolz auf meine syrischen Brüder:

Bassel, der anfänglich gar nicht Deutsch lernen wollte, spricht so gut und wird deswegen – gerade von älteren Menschen – angesprochen und gelobt, bei der Post oder im Wartezimmer beim Arzt. Seitdem kürzlich Bassels Frau und der gemeinsame kleine Sohn aus Syrien nach Deutschland einreisen durften, wird er selbständiger und hat für seinen Sohn einen Platz im „Miniclub“ gefunden, denn für einen Kitaplatz gibt es eine lange Warteliste.
Mit seinen Fortschritten überrascht Bassel mich immer wieder auf’s Neue – und stolzer kann eine große Schwester nicht auf den kleinen Bruder sein wie ich es bin.

Maher kann inzwischen problemlos Formulare ausfüllen, telefoniert auf Deutsch, er hat die Prüfung für die Fahrerlaubnis bestanden und wird in Kürze seine B2-Prüfung machen. Wir diskutieren sehr viel und können dabei auch unsere verschiedenen Standpunkte akzeptieren, ohne dass einer von uns Recht haben muss oder den anderen überzeugen will. Er ist sehr geduldig mit mir, wenn ich ihn wieder einmal Tausende von Fragen über Syrien, Moscheen, den Islam und den Koran stelle. Er macht mich wahnsinnig mit seinem ewigen „Inshallah“ – der Antwort auf alles, die für mich nichtssagend ist und bleibt.

Manchmal ist er der große-kleine Bruder aus Syrien und auch ein Freund aber … Maher ist so viel mehr für mich. Ich hab den passenden Begriff oder das richtige Wort noch nicht gefunden – vielleicht, weil er so einzigartig für mich ist und ich ihm von Herzen dankbar bin, dass er mich gelehrt hat, wieder zu vertrauen und, dass er mein Leben auf so vielfältige Weise immer wieder neu bereichert.

Akzeptanz und Bereicherung im Anderssein

Das Geheimnis von uns? Wir können uns akzeptieren trotzdem wir so verschieden sind (Alter, Nation, Geschlecht, Kultur, Tradition). Wir müssen nicht gleich sein, denn gerade weil wir so unterschiedlich sind, wird unsere Geschwister-Freundschaft bereichert. Hätten die beiden je Weihnachten mit Baum, Geschenken und typisch deutschem Essen gefeiert oder Silvester mit Fondue? Oder hätten sich die beiden die Queen Mary 2 in Hamburg
angesehen oder den Reichstag in Berlin? Wären sie nach Sylt gefahren oder in Hagenbecks Tierpark?

Und ich? Hätte ich jemals Schafskopf probiert, eine Shisha-Messe oder Moscheen besucht und arabische Musik gehört oder Ramadan mitgemacht?
Bassel scherzt manchmal, dass meine Integration gut funktioniert.
Unsere Geschwister-Freundschaft ist langsam gewachsen, sehr verbindlich und stark, ehrlich und vertrauensvoll.
Sie war nicht geplant, ist zufällig passiert und ist ein großes Glück für uns drei.

Ein Beitrag von Carina Neumann, Maher Alaboud und Bassel Alaboud.

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