Ich werde mein Damaskus immer in meinem Herzen tragen

Foto von Sami Morad

Mein Name ist Nahed AL Essa  und ich bin 34 Jahre alt. Ich komme aus der Stadt des Jasmins, aus Syrien, und ich lebe seit Herbst 2015 in Deutschland.
13 Jahre habe ich in Damaskus als Physiotherapeutin gearbeitet und parallel dazu schrieb ich für verschiedene Zeitungen und Magazine kurze Geschichten und freie Gedichte. Außerdem wurde ich zu literarischen Veranstaltungen in Damaskus eingeladen.
Von daher würde ich auch hier gerne literarischen Erfolg haben und natürlich einen kleinen Job finden. Von Kunst allein kann man ja nicht leben.
Ich warte auf die Anerkennung meiner Physiotherapiezeugnisse.  Das wird in Düsseldorf entschieden. Im Februar kann ich vielleicht einen Minijob bekommen.

Ich wünsche mir kurzfristig, mit meinen Worten viele Menschen zu erreichen, auf großer Bühne auftreten zu können und mein deutsches Buch 2018 zu veröffentlichen.

Integration bedeutet für mich, meinen arabischen Kaffee, den ich stets am liebsten trinke, mit meinem deutschen Bekanntenkreis zu trinken.
Integration würde für mich auch bedeuten, dass ich und meine Kinder nicht am Rand der deutschen Gesellschaft leben, sondern im Herzen dieser Gesellschaft.

Langsam ernte ich, was uns Freude und Hoffnung gibt

Deutschland bedeutet für mich die Chance zum Überleben. Nach all unseren aus dem Krieg mitgebrachten Erlebnissen möchte ich die Gelegenheit nutzen und so gut wie möglich versuchen, das neue Leben zu genießen.

Als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern habe ich häufig Zeitdruck. Das liegt sowohl an meiner Rolle als Mutter als auch an meinen hohen Ansprüchen. Allerdings muss ich mich manchmal teilen, um unseren Alltag gut zu erledigen. Doch mit der Zeit fange ich langsam an zu ernten, was uns Freude und Hoffnung gibt. Ein neuer Aufbruch in einem fremden Land ist nicht einfach. Aber meine Zielstrebigkeit hat mir in vielen schwierigen Situationen bisher geholfen und wird mir auch weiterhin helfen.
Recht mühsam organisiere ich meine Zeit:  Ich kümmere mich um meine Kinder und die Schule, erweitere meine Sprachkenntnisse und schreiben. Das bedeutet, dass ich spätabends noch lerne und schreibe und manchmal sogar unterwegs in der Bahn.

Das Schreiben ist für mich mehr als Hobby. Deshalb erwartet ich davon auch viel. Ich kann in der neuen Sprache meine Ideen entwickeln und es macht mir Spaß, meine eigenen Metaphern auf Deutsch zu kreieren. Folglich verbessere ich auch dadurch mein Deutsch.

Mit meinem Roman habe ich im Sommer 2015 angefangen, habe ihn fortgesetzt im Februar 2016 in Bochum und im April 2016 war er fertig zum Druck.

„Verpasster Anruf“ war für mich als Dichterin einer alter Traum. Zur Verwirklichung meines Traumes brauchte ich einen langen Atem. Wie bei jedem ersten Versuch erwarte ich viel von meinem Roman, um als Literatin anerkannt zu werden.

Mit diesem Titel möchte ich sagen, dass sich die wichtigste Geschichte in unserm Leben auch für die Ewigkeit hinter einem verpassten Anruf verstecken könnte. Der Roman beginnt mit einem verpassten Anruf und endet auch mit einem verpassten Anruf. Dazwischen spielt die Geschichte.

In meinem Buch habe ich natürlich auch über die heutige Situation in Damaskus geschrieben. Tatsachen, Erinnerungen mischen sich mit meiner Fantasie.

Ohne Liebe wäre das Leben grau

Das Buch wurde in Beirut vom Verlag AL Farabi veröffentlicht, da ich damals noch keinen Kontakt zu einem deutschen Verlag hatte. Außerdem ist es mir enorm wichtig, dass das Buch in den arabischen Länder bekannt wird.

Ohne Liebe wäre das Leben grau. Es reicht, dass der Himmel hier oft grau ist. Deswegen sollten wir unsere eigene Farbe suchen, finden und unser neues Leben verfärben. Als Autorin fantasiere ich sie in meine Texte hinein. Als Frau und Geflüchtete sucht die Liebe mich und bei der richtigen Gelegenheit wird sie mich finden.

Wer in DAMASKUS lebte, wohnt in seiner Seele für alle Ewigkeit in Damaskus. Ich fühle mich jedoch wohl in Deutschland – trotz der Erinnerungen, die mich nicht loslassen. Aber in einer friedlichen und freien Gesellschaft werde ich lieber meine Kinder großziehen, unsere Zukunft ausbauen und meine Ziele erreichen. Und dies ist momentan in Syrien leider unmöglich.

Weil das Flüchtling-Magazin jetzt über Freundschaft berichtet:

“Freundschaft ist für mich die Familie, die wir aber aussuchen. Sie hat in meinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt und so ist es immer noch.”

1 Kommentar

  1. Ich wünsche Ihnen viel Glück und alles Gute für die Zukunft, Nahed. Ich bewundere Ihre Kraft!

    Als Physiotherapeutin könnten Sie gut selbständig arbeiten. Dann bliebe Ihnen Raum zum Schreiben und für Ihre Kinder.

    Viel Erfolg und herzliche Grüße

    Franziska

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