Der Terror und das Netz

Foto von Hussam

Der erste Anblick eines Bildes, dem ich bei meiner Recherche über Terror im Netz begegne, hat mich nicht nur schockiert, sondern angeekelt. Ein Mann wird geköpft – einfach so – mit einem Dolch. Hinter ihm steht ein so genannter Kämpfer des IS, der vor der Tat noch aus einem Blatt vorgelesen hat. Es enthielt die Begründung für den Mord. Es fallen die Worte: Rache, Ungläubige und Sieg des Kalifats.

Andere Bilder und Videos zeigen eher harmlose Bilder. Der Feldzug auf Bagdad wird wie ein Vergnügen dargestellt, das Schlachtfeld gleicht eher einem Abenteuerspielplatz. Sogar die, mittlerweile veralteten Bilder, von niedlichen Kätzchen – wer erinnert sich nicht an die Flut von Kätzchenbildern bei Facebook – werden neben einer auf einem Teppich liegenden Kalatschnikow gezeigt.

Warum spricht Aufruf zum Terror im Netz junge Menschen an?

Es ist schwer vorstellbar, dass sich ein junger Mensch von einer so verlogenen Hassbotschaft anziehen lässt. Jeder kennt die Berichte und Bilder des wirklichen Krieges und des Gräuels, die vom IS praktiziert werden. Welche Bedürfnisse junger Menschen sprechen die Botschaften des IS und anderer Terrorgruppierungen an? Die Sehnsucht, zu einer Ersatzfamilie zu gehören, wo die Spielregeln klar definiert sind? Vielleicht die Möglichkeit, ein außergewöhnliches Ziel zu erreichen und eine immer komplexere eigene Umwelt zu entkommen? Warum sollte ich die Bequemlichkeit eines demokratischen Systems verlassen, und für eine diktatorische und rückständige Armee kämpfen – unter Einsatz des eigenen Lebens?

Der Terrorismusexperte Marvem Abbou-Taam ist ein Teilnehmer der Konferenz Formate des Politischen: „Der IS produziert jugendaffine Inhalte, die gezielt auf Social-Media-Plattformen platziert werden. Hier werden bestimmte Bedürfnisse angesprochen, auch die Ausübung von Gewalt. Und diejenigen, die gewaltinteressiert sind schauen sich fasziniert solche Inhalte an. Wir befinden uns momentan im Web 3.0. Und diese Entwicklung bietet unter anderem die Möglichkeit, die Informationen zu rekombinieren. Die Propaganda des IS gibt den potenziell Interessierten die Chance, selbst aktiv zu werden. Und das hat eine sehr hohe Anziehungskraft.“¹

Jugendliche in der Findungsphase auffangen

Der Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick analysiert dieses Phänomen: „Die Einstiegsseiten sind zunächst harmlos. Daneben gibt es im Verborgenen auch Blogs und Communities, die unglaublich professionell aufgemacht sind. Die anderen muslimischen Angebote von Fachgruppen oder Vereine, die zum Teil auch gefördert werden, sind eher langweilig. Die IS- oder Al-Kaida-Seiten sind dagegen hochattraktiv. Die Jugendlichen, die sich in einer Sozialisationsphase befinden, stellen sich ganz wichtigen Fragen. Wir müssten ein Gespür dafür entwickeln um herauszufinden, warum bestimmte Jugendlichen sich in unseren Gesellschaften abgehängt fühlen. Den Personen aus bürgerlichen Verhältnisse geht es gut, sie wollen aber noch mehr. Und sie werden ihre Angebote finden. Auf der anderen Seite haben wir Jugendliche mit einem massiven Selbstwertproblem, die vielleicht auch Jemanden aus dem Freundeskreis verloren haben. Diese sind sehr anfällig. Die terroristische Propaganda bietet die Befriedigung eines sozialen Motivs und das Gefühl der Zugehörigkeit. Die Terrororganisationen bieten eine Lösung für ihre Probleme in einer sehr subtilen Art. Es wird eine hoffnungsvolle und große Zukunft versprochen, wenn die Jugendlichen sich jetzt für den IS oder Al-Kaida einsetzen.“²

Wege der Terrorismus-Propoganda

Die Verbreitung der Informationen des IS erfolgt nicht hierarchisch. Es ist vielmehr ist es so, dass Sympathisanten diese Botschaften außerhalb von Syrien und dem Irak ins Netz stellen. Die Bilder werden in den Kriegsregionen produziert, die Nutzung aber erfolgt fast immer im Ausland. Der Politikwissenschaftler Peter Neumann sagt: „Der Terrorismus ist eine Jugendkultur.“ Ich kann mich diese Meinung nicht anschließen. Auch wenn Herr Neumann Leiter des Internationalen Instituts zur Forschung über Radikalisierung und politische Gewalt im renommierten Kings College in London ist. Diese Behauptung käme einem Vorwurf an die Millionen jungen Menschen gleich, die sich trotz der massiven Anlockung im Netz davon nicht in die Irre führen lassen. Und trotzdem können wir davon ausgehen, dass die demokratischen Staaten in technischer Hinsicht gegen die terroristische Propaganda schlechte Chancen haben. Und das, obwohl der IS in einer Region operiert, deren Infrastruktur der Telekommunikation weitgehend zerstört ist.

Wie kommt der Hass ins Netz?

Die Antwort liegt in der türkischen Provinz Hatay, ein Stück Türkei zwischen dem Mittemeer und der syrischen Grenze. Dort ist für gutes Geld alles zu bekommen, denn in der Region sind mehrere Anlagen installiert, mit denen Nutzer per Satellit auf das Netz zurückgreifen können. Nach einer Recherche des Magazins DER SPIEGEL³ spricht Einiges dafür, dass westliche Unternehmen über den Hafen von Rotterdam die notwendige Technik auf den Weg in den Nahen Osten bringt: Eutelsat aus Frankereich, Avanti aus Großbritannien und SES aus Luxemburg. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen dieser Weltfirmen in irgendeiner Form den IS unterstützen, es ist aber davon auszugehen, dass örtliche Vertriebsfirmen die Anlagen abnehmen und diese an Privatleute oder Unternehmenskunden weiterverkaufen.

Aus Zollunterlagen ist in Erfahrung zu bringen, dass in den Jahren 2013 und 2014 mehr als 6.000 Anlagen in die Türkei geschickt wurden. Da die Satellitenverbindungen im Vergleich zum DSL dort recht teuer sind, könnte man davon ausgehen, dass ein Großteil dieser Anlagen das Land wieder verlassen hat – in Richtung Syrien zum Beispiel. Es gibt Hinweise, dass auf dem Markt von Antakya bärtige Typen in den entsprechenden Läden anzutreffen sind. An den Füßen tragen sie Flipflops, in den Hosentaschen bündelweise Bargeld, um gleich dutzende Anlagen zu beordern. Und dazu Funkgeräte mit großer Reichweite.

Wer trägt die Verantwortung für die Verbreitung?

Bleibt die Frage, warum die Firmen nichts dagegen unternehmen. Ein möglicher Grund dafür wären die Kosten, einen Satelliten zu bauen und in Betrieb zu nehmen: etwa 300 bis 400 Millionen Euro, die in etwa 15 Jahren amortisiert sein müssen. Das ist die Betriebszeit eines Satelliten. Die Telekommunikationsunternehmen müssen also rasch möglichst viele Kunden gewinnen. Wäre das der Grund, warum die Betreiber die möglichen Risiken im Kauf nehmen? Die Verbreitung von Propaganda und die Planung von Anschlägen wären nur zwei dieser Gefahren. Die Firmen hätten ein leichtes Spiel, das Netzwerk zu kappen. Ein Klick über das Webportal OSS würde genügen. Die Betreiber wären sogar in der Lage festzustellen, welche Daten über die Anlagen fließen.

Vielleicht wird dieses Wissen mit den Geheimdiensten geteilt. Wenn das stimmt, wird die Kommunikation der Terroristen seit Jahren abgehört – eine leichte Aufgabe, denn das Satellitensignal wird unter anderem ins Kabelnetz von EU-Staaten eingespeist. Zypern und Italien sind zwei Beispiele. Westliche Unternehmen und mithin Staaten hätten demnach eine mögliche Beteiligung an den propagandistischen Aktionen des IS und anderer Organisationen. So kommt der Terror ins Netz und verbreitet dessen mörderischen Hassparolen an die Jugendlichen im Westen. Für diejenigen, die der Propaganda verfallen, wird es eine Reise ins Verderben oder gar in den Tod sein.

 

¹Interview bei Deutschlandfunk Kultur. Terrorismusexperte Marvel Abbou-Taam: Medienarbeit von Islamisten. Wie die Terror-Propaganda ins Netz kommt. Beitrag vom 03.11.2016. Abgerufen am 02.01.2018.

²Interview bei Deutschlandfunk Kultur. Gewaltforscher Andreas Zick: Vorbild Islamismus? Wie der IS Jugendliche im Internet ködert. Beitrag vom 19.01.2015. Abgerufen am 02.01.2018.

³Aus einem Spiegel-Artikel von Nicolai Kwasniewski: Europäische Firmen ermöglichen “Islamischem Staat” den Internetzugang. Erstellt am 04.12.2015. Abgerufen am 02.01.2018.

Über Leonardo De Araújo 36 Artikel
Leonardo De Araujo hat Werbung und Marketing in seiner Heimatstadt, Rio de Janeiro, studiert und mehrere Jahre in der Werbung gearbeitet. Seit 1984 arbeitet er für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt nebenbei Drehbücher und Artikel.

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