Brauchen wir alle eine psychiatrische Behandlung?

©Cartoonist Rabea Al Sayed

Ich war auf einer Veranstaltung über Integration, als ein Teilnehmer sagte, dass alle Geflüchteten psychiatrische Patienten seien und eine Behandlung bräuchten.

Das überraschte mich und ich fragte mich, warum er das glaubte. Weil er eventuell in einer Behörde arbeitete? Oder stimmte das vielleicht sogar?

Unser Leben ist nicht „normal“

Wir sind nicht „normal“ und unsere Leben sind auch nicht „normal“. Auch unsere Gedanken nicht, aber das muss nicht bedeuten, dass wir psychiatrische Patienten sind.

  • Ein Teil von uns hat z.B. in der Vergangenheit in seinem Land normal gelebt, er hatte einen tollen Job und eine Familie um sich, und jetzt ist alles anders – alles ist „verrückt“. Sein Haus ist kaputt, seine Familienmitglieder leben an verschiedenen Orten. Sie können sich nicht treffen. Er muss vom Jobcenter Geld nehmen und sich mit einem komischen bürokratischen System befassen. Außerdem muss er eine neue Sprache lernen und seine Vergangenheit vergessen, um „richtig“ leben zu können. Aber er kann einfach nur in der Vergangenheit leben, er hatte sich vieles über seine Zukunft ausgedacht, aber das lässt sich nicht realisieren und so fragt er sich: „Warum muss ich das alles machen?”
©Cartoonist Rabea Al Sayed

Innere Diskussion und Zerrissenheit

  • Ein zweiter Teil von uns hat sich z.B. in einer anderen Kultur befunden und er muss in einer neuen Gesellschaft leben. Er muss sich integrieren, aber diese Kultur ist nicht seine alte Kultur. In dieser neuen Kultur trotzt er seiner alten Gesellschaft, er kann jetzt machen, was er in seiner alten Kultur nicht durfte. Und er macht das alles, aber innerlich gibt es das große Diskutieren: Ob er es richtig oder falsch macht, ob er sich in dem Neuen finden kann, ob er richtig glaubt oder nicht, oder ob es Gott gibt, oder nicht. Ob er das wirklich machen darf, was er macht, oder nicht – so läuft die Diskussion in ihm ohne Ende.
  • Ein dritter Teil von uns hat sich z.B. auch in einer anderen Kultur befunden, aber er hat sie sich ausgesucht und er hat sich gesagt: “Hier kann ich nicht in meiner alten Kultur leben. Ich habe andere Werte und eine andere Ethik, und ich bin stolz auf meine Kultur und meine Regierung. Ich bin hier, weil ich keinen anderen Ort habe und hier gibt es viele Möglichkeiten, ich kann diese nutzen, ohne auch diese Kultur zu übernehmen oder in dieser Gesellschaft zu leben. Sondern ich kann vielleicht mit anderen Freunden eine Gesellschaft aufbauen.” ©Cartoonist Rabea Al Sayed[/caption]

 

    • Ein vierter Teil von uns ist z.B. faul, er möchte nichts machen. Er findet, dass die deutsche Sprache sehr schwierig ist. Warum lerne ich das, warum muss ich mit den Deutschen in Kontakt treten? Ich kann sie nicht verstehen, weil sie warme und kalte Sachen zur selben Zeit essen, oder wenn sie zur Toilette gehen, machen sie dafür einen Plan und einen Termin … Er ist stolz auf seine Kultur und er mag keine deutsche Kultur. Er mag nur essen und spielen.

Trotz Integration keine Sicherheit

Aber alle diese Beispiele betreffen nur sehr wenige, denn die Mehrheit hat eine richtige Integration geschafft. Ein paar haben Arbeit, andere haben mit einer Ausbildung oder einem Studium an einer Universität begonnen, oder sie lernen noch Deutsch.

Doch alle sind sie unsicher – und sie müssen mit der Frage leben: „Bis wann dürfen wir hier bleiben?“

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