Die Story der geflüchteten Frau

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Wir gehen zurück zu unseren Anfängen und veröffentlichen Portraits aus unserem Archiv. Viele Geflüchtete haben uns ihre Geschichten erzählt, als sie noch nicht lange in Deutschland waren. Gerade jetzt, wo auch Geflüchtete sich in der Corona-Krise solidarisch zeigen und unsere Gesellschaft stützen, wollen wir sie nochmal in den Mittelpunkt stellen – als Menschen und unsere Nachbarn.

Von Sahar Reza

Mein Weg von Kabul nach Hamburg

Ich bin Flüchtling seit meiner Kindheit. Als ich drei Jahre alt war, floh meine Familie wegen des Krieges nach Pakistan, um unsere Leben zu retten. Meine Eltern ließen sich dort nieder und begannen unter schwierigen Verhältnissen zu arbeiten, damit sie uns ernähren konnten. Ich war 19, als Hamid Karzai Premierminister wurde und wir daraufhin vorläufig nach Afghanistan zurück gingen. Um mein Studium fortzusetzen, verließ ich unsere Heimat aber erneut und ging nach Indien. Es war nicht einfach ohne meine Familie zurecht zu kommen. Da ich studieren und hart arbeiten musste, vergingen die Jahre und ich kehrte nach Afghanistan zurück. Jedoch kannte ich mein Schicksal nicht, dass ich wieder einmal allein sein musste, wieder weit weg von meiner Familie. Ich fühle mich innerlich sehr schlecht. Ich vermisse meine Familie und ich fühle mich schuldig und schlecht dafür, dass ich nichts für sie tun kann.

Sahar Reza

Als Frau war es keine einfacher Weg für mich. In meinem Land hatte ich viele Probleme wegen derer ich floh: politische, Sicherheits-, familiäre Probleme und Diskriminierung waren die grundlegenden Faktoren, die mich zwangen, mein Land zu verlassen. Nicht nur ich, sondern auch meine Mutter und drei meiner Schwestern verließen Afghanistan. Wir gingen über Pakistan in den Iran,  wo wir einen Monat blieben, weil wir einen Schlepper finden wollten, der weniger verlangte, so dass alle meine Familienmitglieder zusammen reisen konnten. Es gelang uns nicht. Meiner Mutter war es nicht möglich die Straßenroute zu benutzen. Sie blieb mit meinen drei kleinen Schwestern zurück. Ich aber setzte meine Reise alleine fort. Es war nicht einfach für mich, meine Familie zu verlasse- aber ich hatte keine andere Wahl. Ich brach in die Türkei auf und anschließend nach Griechenland, wo ich einige Wochen blieb. Dort fand ich mich zurecht durch die Begleitung einer Familie, die Töchter in meinem Alter hatte. Nach einer langen Wartepause verließ ich Griechenland mit einer anderen Familie in Richtung Europa. Wie andere illegale Reisende auch, hatten wir einen weiten Weg: größtenteils mit dem Schiff, anschließend per Auto, LKW und Zug, bis wir Europa erreichten.

Auf dieser Reise und in dem Land, in dem ich Asyl beantragte, begegneten mir viele Probleme. Es ist keine einfach Entscheidung, als Frau eine illegale Reise anzutreten und die Erfahrungen, die ich auf meinem Weg und an meinem Ankunftsort machte, waren hart. Ich wurde mit körperlichem Missbrauch der Männer konfrontiert, die mit mir reisten. Auch verbale Beschimpfungen und Beleidigungen musste ich über mich ergehen lassen. Ich fühlte mich nirgends sicher und konnte auf der kompletten Reise nicht schlafen. Nicht nur ich, sondern alle Frauen, die mit mir waren, hatten diese Bedingungen. Wir hatten keinen anständigen Ort um zu Schlafen oder um ein Bad oder eine Toilette zu benutzen. Manchmal denken Männer, wenn eine Frau alleine ist, dann ist sie eine sogenannte „unanständige Frau“. Es ist ihr patriarchistisches Gedankengut, das ihnen das Recht gibt, alles was sie wollen zu sagen oder zu tun, während Frauen das in jedem Fall akzeptieren müssen. Aber nein, sie müssen daran denken, dass keine Frau freiwillig allein ist und keine Frau ihr Land verlässt, solange in diesem Land noch ein Platz für sie zu leben ist. Ich möchte hier ausdrücklich sagen: respektiert Frauen! Sie sind eure Mütter, eure Schwester, eure Ehefrauen, eure Töchter und eure Freunde.

Über Sahar Reza 21 Artikel
Sahar ist Politikwissenschafts-Absolventin (Indien und Europa), Rechtswissenschaft-Absolventin der Universität Hamburg, hat als Menschenrechts- und insbesondere Frauenrechtsaktivistin sowie als Journalistin gearbeitet.

2 Kommentare

  1. Ich möchte hier ausdrücklich sagen: respektiert Frauen! Sie sind eure Mütter, eure Schwester, eure Ehefrauen, eure Töchter und eure Freunde.

    Dem kann ich mich nur anschließen.

  2. Hey!

    Sehr guter Artikel. Danke für deinen Mut das zu veröffentlichen und deinen
    Mut deinen Weg zu gehen.
    Ich schicke dir Kraft für deinen weiteren Weg.
    Dieses Magazin ist spitze.

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